Sechs Menschen und ihre Geschichten: Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen in die Vesperkirche. Aber alle erfahren dort die Wertschätzung, die sie im Alltag nicht immer erleben. Foto: Andy Reiner/Andy Reiner

Die Leonhardskirche in Stuttgart ist ein besonderer Ort für bedürftige Menschen. Es gibt Frühstück-, Mittag- und Abendessen – und die Chance sechs Stunden im Warmen und unter Menschen zu sein. Sechs Besucher erzählen ihre Geschichte.

Sie soll ein Ort der Begegnung sein. Seit 29 Jahren gibt es die Stuttgarter Vesperkirche in der evangelischen Leonhardskirche. Sieben Wochen lang gibt es dort bis zum 5. März jeden Tag Frühstück, ein Mittagessen und ein Vesper für den Abend. Es gibt ärztliche Versorgung für Mensch und Tier, Fußpflege und Haarschnitte für Menschen, die sich das sonst nicht leisten könnten. Vor allem aber gibt es Wertschätzung und Gesellschaft. Nach den Coronajahren herrscht nun endlich wieder Vollbetrieb. Wir waren in der Vesperkirche und haben die Gäste nach ihrer Geschichten gefragt und nach ihren Beweggründen, in die Vesperkirche zu kommen.

 

Erhardt König (76), der Zeitungsmann

Wenn Erhardt König erzählt, nimmt er seine Zuhörer mit auf eine Zeitreise. Vor mehr als 50 Jahren da habe ihn schon mal jemand für ein Trachtenmagazin fotografiert, erzählt der 76-Jährige mit den imposanten weißgrauen Haaren und der Vokuhila-Frisur. Auf dem Ausweichgleis 17, hinter der Kantine, stand der Panoramazug mit den Fotomodellen. Ja, das 17. Gleis habe es gegeben, obwohl der Bahnhof so wie heute nur 16 Gleise hatte, die ganz nach vorne in den Bahnhof reichten. Auf Gleis 17 also sei er damals mit seinem Zeitungswagen von Gleis 9 hingefahren – und landete auf den Seiten irgendeines Modemagazins.

Das Bild, das bei diesem Shooting entstanden ist, hat er nie gesehen. Aber den Zeitungen blieb er treu. Erst mit dem Job am Zeitungswagen an Gleis 9, eine Institution war dieser Wagen damals. Und später mit einem Kiosk im Stuttgarter Westen. Selbstständig und prekär, so war er dann lange unterwegs. Wie das alte Gleis 9 gibt es diesen Kiosk nicht mehr. Aber damals haben die Fernseh- und Radioleute, wenn sie von München zum Süddeutschen Rundfunk gekommen sind, bei ihm eingekauft. Thomas Gottschalk oder Bill Ramsey, riesig sei letzterer gewesen. Und Gottschalk ja eigentlich auch. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt habe immer ganz exakt den Zeitungspreis gegeben. Roberto Blanco hingegen hat einen Zehner gegeben für seine Zeitungen. Gut war’s. Und vorbei ist’s.

Die Vesperkirche? „Die gefällt mir. Aber ich weiß selber nicht warum.“ Kann sein, dass er sich nicht so alleine fühle, wenn er herkommt, überlegt er. Denn er lebt alleine. Ohne Fernseher. Zeitung liest er im Internet, bis zur Bezahlschranke. Wenn’s keine Vesperkirche gibt, geht er manchmal ins Lokal. Tagesessen mit Getränk für 15 Euro. Aber hier, er meint die Vesperkirche, „ist es eben unterhaltender“. Hier darf man sitzen, so lange man will. Und hier sind die Menschen, deren Gesichter er schon aus der Zeit vor der Corona-Pause kennt.

Angela Debellis (46), die Tierliebende

Angela Debellis größtes Glück ist die eigene Wohnung, die sie nun endlich hat. Die Tür, die sie hinter sich zumachen kann. Der sichere Platz, den sie mit ihren beiden Hunden teilt. Die Ruhe dort. Die 46-Jährige kennt es auch anders. Das spürt man, auch ohne dass sie darüber viele Worte verliert. „Das ist doch meine Familie“, sagt sie mit Blick auf Sam und Hope, die zarte Minibulldog-Mischung und die strubbelige Straßenhündin.

Artig und entspannt laufen die beiden an der Leine neben ihr her, begleiten sie natürlich auch in die Vesperkirche. Als Angela Debellis sich setzt, legen sie sich unter den Tisch ganz nah an ihre Beine. „Ich war selbst als Mensch viel einsam“, sagt sie, „und da dachte ich mir, so muss das einem Rudeltier doch auch gehen.“ Und jetzt sind sie Drei, die zusammengehören. Bei der Tiertafel holt sie regelmäßig einen Sack mit Futter für die beiden. Sie komme irgendwie hin damit. Ein Tierarzt komme auch regelmäßig in die Vesperkirche.

Angela Debellis ist im Methadonprogramm. Früh im Leben hat sie Drogen konsumiert. Schon in der Schulzeit. Im Rahmen eines Auslandsprojekts in der Erlebnispädagogik hat sie dann in Irland eine Ausbildung zur Pferdewirtin gemacht. Das war eine gute Zeit, sagt sie. Tiere, das merkt man, spielen von je her eine große Rolle in ihrem Leben. Gern wäre sie in Irland geblieben. Sie hatte gleich so eine Ahnung, dass es schwierig werden würde für sie, zurück in Deutschland. Sie arbeitete dann auf einem großen Pferdehof auf der Schwäbischen Alb. „Aber ich habe nicht lange durchgehalten.“

Die Vesperkirche hat für sie neben der Möglichkeit, ein preiswertes Essen zu bekommen, noch eine ganz andere Bedeutung. Hier sieht sie Menschen wieder, bei denen sie sich schon gefragt hatte, „ob die überhaupt noch am Leben sind“. Wenn die Vesperkirche am Nachmittag um ist, wird sie noch einen Spaziergang mit Sam und Hope machen. Und dann in die eigenen vier Wände zurückkehren.

Johanna Reinhardt (63), die Strahlende

Auf die Frage, wie sie ins Leonhardsviertel zur Vesperkirche gekommen sei, antwortet Johanna Reinhardt: „Na, mit meinem Elektro-Rollstuhl und mit der Straßenbahn.“ Mit dem 15er von der Gänsheide in die Innenstadt eben. Johanna Reinhardt ist geradeheraus. Und wie sie ihre Anfahrt erklärt, klingt es, als wolle sie zurückfragen: Wie soll ich denn sonst hierherkommen? Sie hat sich offensichtlich eingerichtet in ihrem Leben mit dem Elektrorollstuhl, an dem sie jede Menge Stoffbeutel mit Dingen drangehängt hat, die sie noch brauchen wird, wenn sie unterwegs ist. „Jetzt freue ich mich, dass ich im Warmen hocken kann“, sagt sie zufrieden. Einen Scherz schickt sie noch hinterher: „Ich habe meinen Sitzplatz immer dabei.“

Auf dem sitzt sie jetzt vor einem Teller mit Hackfleischbällchen, Salat und Fladenbrot. Das ideale Essen ist das für sie, weil es von vorneherein kleine mundgerechte Happen sind. „Sonst zerkleinert mir jemand das Essen“, erzählt Johanna Reinhardt. Die 63-Jährige hat Multiple Sklerose. Ihre Motorik ist ziemlich eingeschränkt. Schon seit 15 Jahren.

Johanna Reinhardt wird heute nicht alles aufessen und den Rest der Hackbällchen in eine kleine lilafarbene Vesperdose packen, die sie mitgebracht hat. Weil sie selbst nicht in den Beutel an der Rückseite ihres Rollstuhls langen kann, bittet sie andere um Hilfe. Das klappt fast immer. Beim Einsteigen in die Straßenbahn – und jetzt hier. Sie sagt: „Es geht mir gut. Ich lasse mir den Humor nicht nehmen. Ohne den wäre es unerträglich.“

Früher konnte sie noch besser laufen. Zuhause hat sie jetzt einem Treppenlift und Hilfe beim Haushalt. Sie lebt alleine, seit ihr Mann gestorben ist. Er war 25 Jahre älter als sie. Die Krankenschwester und der Arzt – „wie im Liebesroman“, sagt Johanna Reinhardt. In die Vesperkirche kommt sie, „weil es etwas Gutes zu Essen gibt und weil man nette Leute trifft“. Warum sie so strahlt? „In meinem Herzen wohnt Jesus. Deswegen strahle ich so.“

Alessandro D’Amico (50), der Weitermacher

Sie sitzen beieinander, als würden sie einander schon eine ganze Weile kennen. Drei Männer mittleren Alters, jeder eine Tasse Kaffee vor sich. Der 50-jährige Alessandro D’Amico ist einer von ihnen. „Wir sind eine Clique von Menschen, die in Armut leben“, sagt er selbstbewusst. Sie unterstützen sich gegenseitig, geben einander Tipps. Zum Beispiel den, dass man in der Blutspendezentrale 25 Euro und ein Mittagessen fürs Blutspenden bekommt. Da wollen sie heute noch hin.

D‘Amicos Gegenüber blättert in einem Reiseprospekt, liest die Stationen einer Fahrt nach Spanien vor. D‘Amico hört aufmerksam zu. „Seit acht Jahren will ich meinen Vater in Sevilla besuchen, aber dafür reicht mein Geld nicht.“ Seine Familie kommt aus Andalusien, er ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen – und Deutscher, wie er betont. Einer, der sogar ein bisschen schwäbelt.

Es ist Tag vier der Vesperkirche, halb zehn am Morgen. Es gibt Kaffee und Hefezopf und ab halb zwölf ein Mittagessen. D’Amico kommt seit drei Tagen. Sein Konto ist aktuell gepfändet. Vom Rest bleibt nach Abzug von Miete, Strom, Heizung, Telefon nicht genug, um über den Monat zu kommen.

„Natürlich habe ich Tage, da sitze ich in meiner Wohnung, den Kopf in die Hände gestützt und mir kommen die Tränen. Aber dann muss man auch wieder raus unter Leute und schauen, wie es weitergeht“. Draußen, das ist auch die Vesperkirche. Drei Euro hatte er am Sonntag noch im Geldbeutel, da hatte der Januar noch zwei Wochen. In seinem Beruf als Fliesenleger kann er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten. Jetzt putzt er bei der Stadtreinigung die Straßen und Plätze, wenn die nächtlichen Partys um sind. Leert die überquellenden Mülleimer. Wochenendarbeit inklusive. Im Moment ist er krankgeschrieben. Aber morgen geht er wieder arbeiten. Und in die Vesperkirche.

Binnur Kümmerle (60), die Gläubige

Binnur Kümmerle sitzt den Kopf leicht vorgebeugt in die Zeitung vertieft am Rand eines der langen Tische. Intensiv studiert sie jede Seite. Sie ist seit kurz nach neun da. Um 15 Uhr schließt die Vesperkirche. So lange wird sie da sein. Sechs Stunden im Warmen und unter Menschen zu sein, heißt das. „Geh da mal hin“, hat ihr Sohn ihr gesagt. Und so kommt sie jetzt jeden Tag mit der Straßenbahn aus Stuttgart-Zuffenhausen und fragt eher rhetorisch: „Wo soll ich sonst hingehen?“ Die nächsten Wochen hat sie ein tägliches Ziel. Aber es geht der 60-Jährigen nicht nur ums Essen, das hier natürlich unschlagbar günstig ist. „Es geht für mich auch um Kirche“, erklärt sie. An Orten wie diesem fühlt sie sich gut. Sie zählt die Kirchen auf, die sie in Stuttgart besucht. Die Stiftskirche ist darunter und die katholische in Stuttgart-Rot. „Ich bete viel das Vater-Unser“. Das hilft, wenn es ihr schlecht geht.

Ein Arbeitsleben lang hat sie geputzt. In teuren Bekleidungsgeschäften in der City, in Fabriken und Großküchen. Das Beten auf Deutsch und Arabisch beruhigt sie, sagt sie, wenn es ihr schlecht geht. Binnur Kümmerle ist in der Türkei als Muslima geboren. „Aber mein Mann war katholisch“, sagt sie. Sie haben spät geheiratet. Er war viel älter als sie. Sie hat ihn gepflegt bis zu seinem Tod. Manchmal kommen ihr die Tränen, wenn sie sich daran zurückerinnert. „An den Tod haben wir gar nicht gedacht“, sagt sie. Mehrmals. Sie zählt die Namen der Freunde und Bekannten auf, die sie schon an den Tod verloren hat, schüttelt die Tränen wieder ab und sagt: „Ich bin zufrieden.“

Katharina Schlesak (77), die verhinderte Helferin

Katharina Schlesak hat die Seiten gewechselt heute. Zwangsläufig. Vor Corona hat sie mehrmals in der Vesperkirche als ehrenamtliche Helferin mitgemacht. Aber dieses Jahr hat sie sich zwar wieder gemeldet. Aber keinen Einsatztermin bekommen. Die waren schon alle vergeben. Und so ist die 77-Jährige dieses Jahr eben als Besucherin ins Leonhardtsviertel gekommen. „Ich musste einfach mal schauen, wer noch alles da ist“, sagt sie. Wer von den Helfern und wer von den Gästen. Vielleicht kommt da das Verantwortungsgefühl durch, dass sie in einem Leben als Haushälterin als Grundtugend gebraucht hat und das man nicht so leicht ablegt.

Und heute. „Leider lebe ich allein“, sagt Katharina Schlesak. Zweimal hat sie einen Mann oder Lebensgefährten verloren. Viel hat sie über Einsamkeit gehört. Und heute sagt sie: „Ich kann mich da heute so gut reinversetzen.“ Die Vesperkirche will das Gegenprogramm sein. Für ihre Nachbarin hat Katharina Schlesak ein Essensmärkchen gekauft. Mit ihr zusammen will sie wiederkommen. Als Gast. Und nächstes Jahr dann hoffentlich wieder als Ehrenamtliche.