Armut kennt viele Gesicher Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Trotz der Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro, rutschen viele Arbeitnehmer in die Armut ab. Das kritisiert die Diakonie und will das gemeinsam mit der Schuldnerberatung ändern.

Stuttgart - Herr M. will seinen ganzen Namen nicht nennen, das hat viel mit Charme zu tun. Er sitzt in einem Konferenzraum, Kaffeebecher und Wassergläser auf dem Tisch, und soll seine Geschichte erzählen. Der Mittvierziger spricht langsam, stockt ab und zu, und berichtet, wie er in die Überschuldung rutschte. Eine Rückforderung der Rentenversicherung von 8000 Euro ließ den freiberuflichen Sprachlehrer in die Zahlungsunfähigkeit schlittern. „Dann habe ich mich bei der Schuldnerberatung gemeldet.“

Neben Herrn M. sitzt Reiner Saleth, Leiter der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart (ZSB). Ebenso Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstand des Diakonischen Werks Württemberg, der Gastgeber an diesem Tag. Gemeinsam haben die zwei Organisationen am Dienstagmorgen zum Gespräch geladen, um über eine Gefahr zu informieren, die in ihren Augen zu wenig Aufmerksamkeit bekomme: Die Armut trotz Arbeit.

Mindestlohn-Anhebung in 2017

„Wer 40 Stunden in der Woche arbeitet, der sollte nicht auf die Schuldnerberatung angewiesen sein“, sagt Diakonie-Vorstand Kaufmann. Trotz der Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro reiche das Gehalt vielen Menschen nicht aus. „Für geringfügig Beschäftigte mit Mindestlohn liegt die Summe bei etwas mehr als 1400 Euro brutto im Monat, davon bleiben ungefähr 1000 übrig. Das reicht nicht“, sagt Kaufmann. Der Bedarf liege für eine Person laut Studien bei rund 1600 Euro, sagt der Diakonie-Vorstand. „Auch wenn wir uns über den Mindestlohn freuen – er muss künftig deutlich angehoben werden“, sagt Kaufmann.

Der deutschlandweit geltende Mindestlohn soll Anfang 2017 steigen. Über die Höhe diskutiert die Mindestlohn-Kommission, die aus neun Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften besteht. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fordert eine Erhöhung auf zehn Euro.

Überschuldung in Stuttgart höher als im Bundesschnitt

Eine konkrete Zahl will Diakonie-Vorstand Kaufmann nicht nennen. Anders bei den Sozialleistungen. Diese, so die Forderung der Diakonie, müssten um mindestens 70 Euro steigen. „Außerdem sollten wieder einmalige Beihilfen für lebensnotwendige Anschaffungen vom Jobcenter eingeführt werden“, sagt Kaufmann.

Denn schon der Kauf einer Waschmaschine könne eine große finanzielle Belastung sein – wenn ein Hartz-IV-Empfänger nur gerade über die Runden kommt. Die Zahlen aus dem aktuellen Schuldneratlas Creditreform zeigen, wie die Armut und Überschuldung in der Region verteilt ist.

Demnach ist die private Überschuldung in der Landeshauptstadt im Jahr 2014 zum vierten Mal in Folge gestiegen. Die Überschuldung liegt in Stuttgart indes höher als im Bundesdurchschnitt: 10,92 Prozent der Menschen über 18 Jahre sind überschuldet (1,02 Punkte mehr als in Gesamtdeutschland). Die Autoren der Studie reden von Überschuldung, wenn die zu leistenden Ausgaben höher sind als die Einnahmen.

Laut dem Leiter der Schuldnerberatung, Reiner Saleth, führt ein geringer Verdienst noch häufiger in die Überschuldung als die Arbeitslosigkeit. „Unsere Klienten nennen den niedrigen Lohn am öftesten“, sagt Saleth. Er beobachtet dabei dass sich vor allem immer mehr ältere Menschen an die Beratungsstelle wenden. „Der Anteil der Menschen über 60 Jahre hat sich seit dem Jahr 2010 mehr als verdoppelt“, sagt Saleth.

Ein düsteres Szenario entwirft der Paritätische Wohlfahrtsverband. Laut dessen Prognose steigt die Altersarmut in den nächsten Jahren massiv: In 2025 könnten 1,5 Millionen Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein, weil ihre Rente zu niedrig ist.

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