Stuttgarts Schauspielintendant Armin Petras Foto: Leif Piechowski

Mit zwei Theatertreffen-Einladungen in Folge steht das Staatsschauspiel künstlerisch besser da denn je, nur auf den kleinen Bühnen hapert es. Noch mehr Handlungsbedarf sieht Armin Petras allerdings bei der immer noch zu hohen Fehlerquote der neuen Technik.

Stuttgart – Herr Petras, mit „Das Fest“ wurde nach „Onkel Wanja“ wieder eine Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen, die beim Publikum nicht gut ankam. Ist das eine Bestätigung für Sie, es doch richtig gemacht zu haben?
Natürlich. Es ist übrigens ziemlich verrückt: Ich bin zweimal bei Premieren-Applaus-Buhs mit den Regisseuren auf die Bühne gegangen, bei Borgmanns „Onkel Wanja“ und bei Rüpings „Das Fest“. Das war aber, hoffe ich, das letzte Mal, weil das natürlich immer eine zwiespältige Sache ist, wenn der Intendant mit auf die Bühne kommt.
Warum machen Sie das?
Die Idee ist, hinter dem Ensemble und dem Regisseur zu stehen. Ich wäre nicht herausgekommen, wenn es nicht kräftige Buhs gegeben hätte, und die hat es gegeben. Noch wichtiger ist aber: Inzwischen erleben wir bei den Zuschauern rhythmisches Klatschen am Schluss. Die Vorstellungen sind noch nicht ausverkauft, aber die Tendenz ist steigend. Was ich damit sagen will: Natürlich ist die Erziehung des Zuschauers auch die Pflicht von Kunst und Künstlern. Wir gehen gemeinsam einen Weg, wir zeigen neue Formen, und wir müssen erst mal lernen, das gemeinsam auszuhalten.
Wie erklären Sie sich die steigende Beliebtheit?
Es gibt Mund-zu-Mund-Werbung, die neben den zwei großen örtlichen Zeitungen ­Meinung bildet.
Wobei Kritik und Publikumsgunst nicht immer konformgehen. Irgendwann war, obwohl enorm gelobt, auch Karin Henkels Tschechow-Inszenierung „Platonow“ nicht mehr ausverkauft und wurde abgesetzt.
Das ist auch in Ordnung, dass ein Theater sagt, jetzt ist es mal gut. Das ist das Schreckliche und das Schöne am Theater, dass es ­keine längere Lebensdauer hat.
Sagt man. Aber ist das wirklich so?
Natürlich. Ein Bild von Francis Bacon ist noch 50 Jahre später interessant. Eine Inszenierung von Peymann von 1978 interessiert heute keinen Menschen mehr. Das hat etwas mit dem Geschmack zu tun, mit der Welt, die sich ändert.
Ein Kollege hat mir eine Video-Aufzeichnung von Peter Zadeks Regie von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ mit Gert Voss aus dem Jahr 1988 geschenkt. Beeindruckend und kein bisschen unaktuell.
Na ja, wir spielen auch immer noch Dürrenmatts „Das Versprechen“, wobei sich das nach bald zehn Jahren am Rande der Peinlichkeit bewegt. Auf der einen Seite lieben es die Schauspieler und das Publikum. Auf der anderen Seite müssen wir uns, bevor es ­Museum wird, davon verabschieden.
Spätestens, wenn Fritzi Haberlandt 50 wird.
Das wären gefühlt noch 30 Jahre!
Von Kritik und Zuschauern gelobt wurde auch Ihre Inszenierung von Raabes „Pfisters Mühle“. Enttäuscht, dass es keine Einladung zum Theatertreffen gab, trotz des tollen Bühnenbildes und der großartigen Schauspieler?
Als Intendant freue ich mich außerordentlich über die Einladung von „Das Fest“ zum Theatertreffen. Als Regisseur von „Pfisters Mühle“ würde ich sagen, ich stehe sehr zu dieser Inszenierung und freue mich, dass es auch ein paar andere Leute gibt, die „Pfisters Mühle“ toll finden.
Theaterpolitisch ist es für Ihr Haus ohnehin besser, dass „Das Fest“ eingeladen wurde.
Warum?
Stücke wie „Herbstsonate“ oder „Pfisters Mühle“ sind ohnehin ständig ausverkauft. „Das Fest“ war ein Beispiel für Kritik, die immer wieder von Theatergängern kommt: dass es zu verspielt, ja zu kindisch-spaßig auf Ihrer Bühne zugeht.
Theaterpolitisch ist das eine ganz wichtige Entscheidung. Meine Kritik in früheren ­Jahren am Theatertreffen war heftig, weil ich der Meinung war, die laden immer die Gleichen ein und helfen den Theatern nicht bei der künstlerischen Neuausrichtung. Das muss ich in diesem und im letzten Jahr ­zurücknehmen, weil ich sehr wohl finde, dass das eine theaterpolitisch-ästhetische Stellungnahme ist. Wir wissen alle, dass das Theatertreffen einen großen Einfluss hat auf Karrieren, auf Intendanzen, auf generelle Ausrichtungen. Das heißt, so eine Einladung ist eine extreme Nobilitierung. Auch „Onkel Wanja“ war nicht immer ausverkauft nach der Einladung zum Theatertreffen, aber es gab keine grundsätzliche Aversion mehr ­dagegen.
Sollte es bei Festivaleinladungen nicht um Kunst gehen und weniger um Theaterpolitik?
Theaterpolitik ist wichtig. Zudem sind unter den zehn Nominierungen Kraftvektoren zu sehen. Ob „Das Fest“, „Herbstsonate“ oder „Pfisters Mühle“, wir haben eine Bandbreite von verschiedenen Ästhetiken, und dass sie alle wahrgenommen werden, ist ein wichtiger Punkt. Es gibt aber auch bei uns intern Diskussionen über diese Ästhetiken.
Welche?
Manche Meinungen gehen dahin, es darf nur noch Avantgarde sein. Andere Meinungen gehen dorthin: Einen Versuch wie den von Laurent Chétouane mit „Antigone“ im Kammertheater darf es nicht geben, den muss man von vornherein absetzen.
Haben Sie nicht getan. Warum nicht?
Das hat mit meiner Sozialisierung zu tun, dass ich aus einem Land komme, in dem so etwas üblich war. Meine erste Inszenierung sollte abgesetzt werden. Ich bin da ein ­gebranntes Kind. Mir fällt es sehr schwer, ­etwas abzusetzen, wenn das künstlerische Team meint, es möchte die Arbeit zeigen.
Strengen sich Regisseure auf kleinen Bühnen wie Kammertheater und Nord weniger an?
Nein, auf keinen Fall. Wir haben im Kammertheater und im Nord mit René Pollesch oder Jan Neumann großartige Regisseure. Aber wir sind in der Wahrnehmung unserer kleinen Spielstätten, zum Beispiel dem Nord, noch nicht so weit, wie wir wollen. Es wird dort im nächsten Jahr neue Spielformen geben. Wir werden nicht einfach nur weitere Inszenierungen zeigen, sondern wir werden größere Blöcke machen zu verschiedenen Themen mit verschiedenen theatralen Formaten, so dass wir diesen Ort ganz anders ins Bewusstsein der Stadt bringen können. Das ist noch nicht gelungen, das wird die große Aufgabe für die nächste Saison. Auf der großen Bühne haben wir Regisseure, auf die man sich freuen darf, man wird durchaus stauen, und da werden wir nicht unstolz sein.
Noch einmal zu „Pfisters Mühle“. Sie haben bei der Premiere mitgespielt, weil Wolfgang Michalek verletzt war. Wie ist es Ihnen ergangen?
Mir ist es extrem peinlich. Ich habe schon zwei-, dreimal gespielt, aber nur in Notfällen, aber noch nie in einer Premiere, noch nie mit so vielen Schauspielern und nie mit nur einer Probe. Ich glaube, ich habe Schauspieler noch mal anders verstanden.
Hat diese Erfahrung Einfluss auf Ihre Proben? Sie inszenieren ja demnächst ein Fritz-Kater-Stück an den Münchner Kammerspielen.
Das kann ich nicht sagen, wir beginnen erst mit den Proben.
Ihre Kater-Inszenierung kommt im Herbst nach Stuttgart. Das nächste Kater-Stück aber werden nicht Sie inszenieren, sondern Ihr Opernintendanten-Kollege Jossi Wieler.
Ist das so?
Ja, so hört man.
Ich kann das Gerücht noch nicht bestätigen. Ich würde mich aber sehr freuen. Es ist ein Autor, der mir nicht unsympathisch ist, und wenn Jossi Wieler, der sechs Jahre nicht mehr am Theater inszeniert hat, das dann in der Stadt tun würde, in der er Opernintendant ist, wäre das toll.
Jossi Wieler sagt, er könne sich eine Vertragsverlängerung als Intendant vorstellen. Würden Sie auch verlängern?
Das kann ich noch nicht sagen. Im Moment laufen die Dinge sehr gut. Allein macht mir nach wie vor die Technik Sorge, da ist meine Geduld langsam zu Ende. Die Fehlerquote liegt immer noch nicht bei zwei oder null Prozent, sondern darüber. Das ist nicht hinnehmbar. Ich bin mit dem Geschäftsführenden Intendanten der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, im Gespräch, und wir ­haben mit den zuständigen Ministerien Schriftverkehr. Die Technik muss sicherer und funktionabler werden, sonst können wir das hohe Niveau nicht halten. Jetzt schon müssen wir den Bühnenbildern sagen, diese oder jene Funktion können wir nicht empfehlen, bestimmte Wagenfahrten zum Beispiel, die nicht zuverlässig funktionieren. Die Drehbühne ist inzwischen glücklicherweise sicher. Das ist wie bei einem Taxifahrer, bei dem nach jedem fünften Ampelstopp das Auto nicht weiterfährt. Da hat man nicht viel Lust, seinem Job nachzugehen.
Befürchten Sie Abwanderungen, auch der Schauspieler und Regisseure?
Wir sind ein Theater, das zweimal hintereinander zum Theatertreffen eingeladen­ wurde. So etwas weckt Begehrlichkeiten, natürlich kommen aus den großen Städten jetzt die Jägermeister, die nach unsern Schauspielern schauen. Ich würde das genauso machen.
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