Armin Petras, Intendant am Schauspiel Stuttgart Foto: Leif Piechowski

An diesem Mittwoch eröffnet das Schauspiel Stuttgart das internationale Theaterfestival „Terrorisms“. Zu erleben sind fünf Produktionen aus Israel, Serbien, Norwegen, Frankreich und Deutschland sowie zahlreiche Diskussionen, Vorträge und Workshops.

Stuttgart - Herr Petras, in Stuttgart gab es in jüngster Zeit einige Annäherungen an das Thema Terrorismus. Meist in Zusammenhang mit der Roten- Armee-Fraktion und dem Deutschen Herbst 1977. Inwieweit nehmen Sie solche Fäden auf?
Seit wir hier in Stuttgart angetreten sind. Denken Sie nur an Vespers „Die Reise“ oder an „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ – ein Stück, mit dem wir zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen waren. Die gleiche Aufmerksamkeit hat die Gegenwart – nicht nur mit Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ zu den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds. All diese Produktionen sind jetzt im Rahmen des internationalen Theaterfestivals Terrorisms zu sehen. Mitunter heißt es ja, wir würden kein politisches Theater machen. Angesichts unseres Spielplans frage ich mich schon, was das heißen soll.
Kaum mehr eine klassische Definition scheint heute auf den Begriff Terrorismus zu passen . . .
. . . „Terrorisms“ heißt unser Festival – da ­haben Sie genau das schon thematisiert.
Die Frage wäre gewesen, wie sich für Sie der Begriff und das Thema allein schon während der Vorbereitung des Festivals verändert ­haben.
Der Startschuss für „Terrorisms“ liegt ziemlich genau zweieinhalb Jahre zurück. Und tatsächlich hat sich die Situation seither erheblich geändert. Nur ein Beispiel: Während der Proben zu Aiat Fyez’ Stück „La ­Baraque“ in Reims fanden die Attentate in Paris statt. Die Frage stellt sich sofort: Wie verhält sich Theater dazu? Oder nehmen Sie Maya Arads „God Waits at the Station“ aus Tel Aviv, ein Stück über eine Selbstmordattentäterin. Mitten in der Entwicklung des Stücks erlebte die Stadt, erlebten die Theatermacher Raketenangriffe. Da scheint ein Stück über die Frage, welcher Mensch steckt eigentlich hinter der Attentäterin, kaum mehr realisierbar. Und so kommen wir letztlich immer zu dieser Frage: Wie anders werden wir im Zeichen terroristischer Aktivitäten leben?
Ändert sich damit auch das Theater?
Seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist mir klargeworden, dass es einen Paradigmenwechsel gibt. Bis dahin habe ich Theater als Abglanz und Überhöhung der Gesellschaft gesehen, als Schein. Inzwischen ist es umgekehrt. Performance ist die Struktur einer Gesellschaft – und wir verdoppeln das.
Und spiegeln damit die Gesellschaft anders?
Jedes Theater ist ein Abbild der ­Gesellschaft. Unsere Identität besteht aus vielen, vielen Charaktermasken. Daraus entstehen unendlich viele Zwischenräume, Spalten, in denen Themen zu entdecken sind. Diese Themen hervorzuholen, das ist unser Alltag.
Ein Alltag, den der besondere Charakter eines mehrtägigen Festivals noch steigert?
Die Anspannung erhöht sich um ein Vielfaches. Es gibt eine viel größere Sehnsucht, dass das toll wird, an was man da so lange gemeinsam arbeitet. Theater ist ja immer eine Reise. Und das ist auf dem Weg zu einem solchen Festival mit internationalen Gästen sehr konkret erfahrbar.. Überall sind neue Welten. Und plötzlich verschwimmen auch die Grenzen zwischen Theater und Gesellschaft, geht es etwa darum, dass ein Theater nicht kommt, wenn dieses oder jenes Theater aus diesem oder jenem Land eingeladen wird. So haben wir die Konfliktlinien schon in der Vorbereitung als Thema des Festivals.
Wie reagieren Sie hier vor Ort auf solche Entwicklungen und Fragestellungen?
Ich begreife diese Festivaltage als Antwort. Unser Haus ist ein Ort der Begegnung. Es gibt hier nichts anderes als Gespräche. Wie kann ich denn eine andere Kultur kennenlernen? Doch nur, indem ich bereit bin, diese Kultur zu teilen. Wir sagen: Lasst uns Erfahrungen teilen. Erfahrung ist nicht vermittelbar, man muss sie machen. Schauen Sie – eine Woche in Palästina zu leben, das ist eine Erfahrung, die etwas mit Ihnen macht, die prägt und etwas in Gang setzt.
Mit Blick auf Ihr Festivalthema – gibt es solche intensiven Erfahrungen aus Ihrer Sicht auch in Europa?
Wir waren jüngst mit verschiedenen ­Produktionen in Sibiu in Rumänien. Dort gearbeitet zu haben bringt einfach einen Vorsprung an Erfahrung. Vor welchem Hintergrund wird denn über Städte wie Sibiu, über Länder wie Rumänien diskutiert? Die meisten Forderungen an die Menschen und Einrichtungen dort, so oder so zu funktionieren, stellen sich vor Ort doch als absolut unrealistisch heraus.
Unrealistisch wirkt auch fast die gar nicht mal mehr nur subtile Form des Terrors in Ungarn gegenüber freiheitlicher Kultur. Welche Kräfte wirken da mitten in Europa?
Im Theater sind wir aufgefordert, Dinge zu analysieren. Tatsächlich konstatieren wir hier gegensätzliche Entwicklungen: In der tiefen Krise, in der sich Rumänien anhaltend befindet, gibt es zugleich einen Drang nach Veränderung, der sich mit Offenheit verbindet. Und Ungarn? Das war für mich in meiner Biografie ein Traumland, das nun von einer künstlerischen Kälte geprägt ist.
Was ist in Ungarn passiert?
Historische Prozesse werden bekanntlich von Menschen gemacht. Es kann also nicht nur um Angst gegen, sondern auch um Verantwortung. Und damit sind wir wieder bei der Notwendigkeit, Orte der Begegnung, Orte des freien und gleichberechtigten Dialogs zu schaffen.
Das hört sich jetzt eher zurückhaltend an.
Ich glaube nicht zuvorderst an die Aufklärung in der europäischen Tradition. Der Markt der Leidenschaften und der Egoismen ist ein eigener Markt. Das deutlich zu machen – dazu sind wir da.
Auch aufgrund der unmittelbaren Erfahrungen, von denen Sie gesprochen haben?
Ja, da sind wir Fachleute. Man muss sich ­damit beschäftigen können, wie es an einem jeweiligen Ort, in einem jeweiligen Land, in der jeweiligen Gesellschaft zugeht. Ein ­Beispiel: Was heißt denn das, wenn sich in einem doch streng islamischen Staat wie Marokko 46 Prozent der Frauen prostituieren? Was passiert da in einem Land, in dem junge Männer keine Arbeit finden? Wer über ­Terror reden will, muss auch darüber reden. Zu unserem Festivalprogramm zählen so auch Gespräche über die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer, über Indien, Indonesien, die Foltergefängnisse der USA und die Verstrickungen der deutschen Politik – all dies sind relevante Diskurse.
Dieses „darüber reden“ haben Sie als Festival organisiert – eine Präsentationsform mit eigenen Gesetzen.
Es entsteht eine Überforderung, die Lust macht. Es gibt in dieser Gesellschaft eine große Sehnsucht, Teil von etwas zu sein. „Terrorisms“ bietet die Teilhabe an einem Diskurs. Wenn dieser eine bestimmte Intensität entwickelt – und das ist natürlich unser Ziel –, ergibt sich eine eigene Kraft.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: