Der Abbruch läuft schon: Das Haus Klinge 3 (rechts) beim Rathaus von Bad Boll wird nach annähernd 200 Jahren verschwinden. Foto:  

Der Verein für den Erhalt des ehemaligen Armenhauses in Bad Boll ist empört, wie schnell das Haus Klinge 3 jetzt verschwinden soll. Doch der Gemeinderat sieht keine Perspektive.

So geht es nun dahin, das Haus Klinge 3 in Bad Boll, für das sich erst eine Bürgerinitiative und dann der Verein Klinge hoch drei verkämpft hat. Der Gemeinderat hat das historische Gebäude oberhalb der Rathauswiese aufgegeben und zum Abriss freigegeben. Bereits am Tag vor Himmelfahrt war eine Abbruchfirma vor Ort und baute die Fenster aus. So hat’s Jobst Kraus vom Verein Klinge hoch drei zu seiner Bestürzung feststellen müssen. ​

 

Zu machen war da nichts mehr für den Verein, hinter dem mehr als 400 Leute stehen. So viele waren es jedenfalls, die im vorigen Herbst eine Petition an die Gemeinde für den Erhalt des Hauses unterzeichnet haben. Jobst Kraus hat beim Landesdenkmalamt angerufen, wie man dort den Abriss sehe, nachdem das Haus nun landesweit besonders ist. Fachleute haben ohnehin eine Schutzwürdigkeit für das Haus gesehen. Die sei gegeben, auch wenn das Haus nicht unter Denkmalschutz stehe. So sagt es der frühere Kreisarchäologe Reinhard Rademacher, der selbst ein Bad Boller ist und begeistert war, was da Experte Tilmann Marstaller in dem alten Fachwerkhaus entdeckt hat. Demnach war’s ein Doppelhaus für Kleinbauern oder Knechte ohne Grundbesitz, und ein so altes kannte man bisher nicht. Es stammt von 1831, kündet auch von der Holzknappheit nach den napoleonischen Kriegen. Die Sparren weisen Spuren von Flößerei auf, sie wurden von weither gebracht.

​Kraus erfuhr beim Denkmalamt: Die Behörde hat das Haus auf ihrer Inventarliste. Aber man habe sich nicht für den Denkmalschutz entschieden. Allen im Verein blutet das Herz – dem Profi auch. Bad Boll habe schon so viel alte Bausubstanz verloren, klagt der frühere Kreisarchäologe. Und jetzt noch ein Haus mit solch landesweiter Bedeutung und einer ortsgeschichtlichen ebenso – früher war’s das Armenhaus der Gemeinde. Rademacher ist überzeugt: Hätten es die Bad Boller mit vereinten Kräften herrichten können, wären sie stolz darauf. So wie es die Holzhäuser mit ihrem Spritzenhäusle und die Faurndauer mit ihrem alten Farrenstall seien.

Sanierung wäre utopisch gewesen, sagt Archäologe Rademacher

Rademacher will den demokratischen Beschluss des Gemeinderats nicht kritisieren. Aber: Es sei utopisch, dass man in nur einem halben Jahr ein hundertprozentiges Konzept zur Finanzierung und Nutzung entwickeln könne. Das liege in der Natur der Sache. Darauf hat auch die Gemeindeverwaltung in der Sitzung am 5. Mai hingewiesen, die sich dann als entscheidend erwies. Zwar lägen noch nicht annähernd Konzepte vor, wie man das Haus ohne Belastung für die Gemeinde sanieren könne und die Aufenthaltsqualität im Ort durch den Erhalt steigern könne – das waren die Bedingungen des Gemeinderats. Aber es dürfe nicht verkannt werden, dass die Initiative für den Erhalt eine rein ehrenamtliche sei und so ein Konzept realistischerweise nicht in wenigen Monaten machbar sei. So ging Bürgermeister Hans-Rudi Bührle in die Sitzung. Er war für das „Einmotten“, wie es die Gutachter empfahlen und auch Rademacher wünschte. Aber dann kam aus der CDU und der Unabhängigen Wählervereinigung der Antrag auf Abriss.

Bührle schloss sich dem an. Er könne das mittragen, sagt er. Er habe die Gefahr gesehen, dass sich die Gemeinde mit dem Erhalt „verlupft“. Kosten von 500 000 Euro standen im Raum. So waren’s nur die drei anwesenden Grünen-Räte, die an das Projekt glaubten.​ Dass es nun so schnell geht mit dem Abriss, ist dem Verein Klinge hoch drei verdächtig. Die Gemeinde wolle Fakten schaffen. Dass Bührle am 5. Mai mit CDU und UVW gestimmt hat, kommt auch nicht gut an. ​

Anne-Dore Ketelsen-Volkhardt vom Verein Klinge hoch drei fühlt sich und ihre Mitstreiter „vor den Kopf gestoßen“. Es würden Leute ausgebremst, die sich im Verein und darüber hinaus in Bad Boll engagierten. Aber, so groß die Enttäuschung ist: Aufgeben ist für die anwesenden knapp 15 Vereinsmitglieder keine Option. Sie wollen weitermachen. Es gebe im ganzen Dorf noch alte Bausubstanz, die will man mal erkunden. Sie wollen Sinn für historische Bauten wecken. Und was alles an Geschichten dranhängt.​

Umzug in ein Freilichtmuseum?

Alternative
 Wenn es schon weg muss, kann man die Klinge 3 nicht in ein Freilichtmuseum bringen? Diese Anregung hat Bürgermeister Hans-Rudi Bührle mehrfach gehört. Er hat recherchiert: Wenn man‘s nach Beuren versetzen wollte, 23 Kilometer und eine halbe Autostunde entfernt, müsste der Landkreis Esslingen die Kosten tragen. Bührle denkt, dass das ein sechsstelliger Betrag wäre. Fachleute müssten das Haus zerlegen, transportieren und wieder zusammensetzen. Hans-Rudi Bührle glaubt, dass das Haus auseinanderflöge. Der frühere Kreisarchäologe Rademacher widerspricht: „Die Bausubstanz ist gut.“