Simone Schneider bei ihrem Rollendebüt als Ariadne Foto: Martin Sigmund

An der Staatsoper Stuttgart ist Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ wieder zu erleben – mit Harald Schmidt als Haushofmeister, vor allem aber mit glänzenden Sängern

Stuttgart - Abgrundtiefer kann Verzweiflung nicht sein. Durch den Orchestergraben hindurch ist Diana Haller gelaufen, hat sich neben den Dirigenten gestellt, ist dann über die Brüstung in den Zuschauerraum gesprungen, und nun ringt sie in der ersten Reihe die Hände. „Lass mich erfrieren, verhungern, versteinen!“, singt, nein, schreit sie fast. Dann geht das Licht aus, und mit dem Ausbruch der Mezzosopranistin, die einen entflammten, packenden, in der Textaussprache wie in der kraftvollen, farbigen Klanggestaltung ungemein präzisen Komponisten singt, endet Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals „Ariadne auf Naxos“.

Das wäre im Normalfall nicht so, aber an der Staatsoper Stuttgart haben Jossi Wieler und Sergio Morabito 2013 das Vorspiel als Nachspiel inszeniert: Erst das Ergebnis, dann die Vorarbeit; erst das Vergnügen, dann die Arbeit. Man muss das, wenn aufgrund der Umstellung die Komödiengestalten anfangs in der Oper etwas verloren herumstehen, nicht unbedingt logisch finden, und wenig überzeugend ist schließlich auch das Argument, hier würden die Teile endlich in der Reihenfolge ihrer Entstehung präsentiert. Aber interessant ist das Experiment schon, das Harald Schmidt als prominente Besetzung des Haushofmeisters im zweiten Teil souverän in die Wege leitet. Wie angemessen und wie sinnvoll ist es, dass sich die so genannte Hochkultur gegenüber der Unterhaltung abschottet, und wie viel Macht dürfen sich diejenigen herausnehmen, die Kunst mit ihren Geldern möglich machen?

Cornelius Meister schafft wundervolle instrumentale Atmosphären

Diese Fragen stehen am Ende im Raum. Zuvor aber hat es die Oper „Ariadne auf Naxos“ gegeben, und die ist bei ihrer Wiederaufnahme ein Fest der Stimmen. Dem arbeitet auch Cornelius Meister am Pult des Staatsorchesters zu: Wundervoll gelingt es ihm, unterschiedliche instrumentale Atmosphären rund um die Sänger und die beiden konträren Welten zu formen – wobei man bereits bei den traumhaften ersten Takten des Stücks spürt, dass ihm der samtene, feine Streicherschmelz rund um Ariadne ganz besonders am Herzen liegt.

Neben Diana Haller geben zahlreiche Sänger Rollendebüts. Unter ihnen ist – als Gast – der Tenor David Pomeroy als guter, zuweilen allerdings mit reichlich Druck in der Höhe operierender Bacchus. Josefin Feiler als Najade, die beiden Opernstudio-Mitglieder Ida Ränzlöv und Carina Schmieger als Dryade und Echo: klasse besetzt! Vor allem aber: Simone Schneider. Ihre Ariadne hat, beginnend schon beim sanft aus dem Schlaf herauswachsenden „Wo war ich? Tot?“ des Anfangs, Adel, Kraft, Fokus, Wärme, schillernde Farbenpracht sowie ebenjenen Schuss Melancholie, den die Titelpartie braucht. Das wiederholte „Ein Schönes war“ hört man in immer neuer klangfarblicher Einkleidung. Marginaler Einwand: Manches sehr Stimmgewaltige würde noch stärker wirken, wenn es eine Spur leiser sein dürfte, auch mithilfe des Orchesters.

Schließlich: Beate Ritter. Das neue Ensemblemitglied aus Österreich gibt die Zerbinetta sehr anders als ihre Rollen-Vorgängerin Ana Durlovski. Die Perlen ihrer Koloraturketten sind nicht immer ganz sauber poliert, vor allem zu Beginn gibt es ab und zu intonatorische Probleme in hohen Regionen, und die Leichtigkeit im Notengewitter stellt sich erst mit der Zeit ein. Dann aber erlebt man eine Zerbinetta, die von einer Kunstfigur zu einem sehr nahbaren, menschlichen Wesen geworden ist. Erlebenswert!

Nochmals am 10., 15 und 21. Juni

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