Die NSU-Terroristin Beate Zschäpe (links) im Oberlandesgericht München am 11. Juli 2018, dem Tag der Urteilsverkündung Foto: dpa/Peter Kneffel

Im Saal 101 des Münchner Oberlandesgerichts wurde der rechten Terroristin Beate Zschäpe fünf Jahre lang der Prozess gemacht. Aus 6000 Seiten Prozessakten rekonstruiert nun ein Mammut-Hörspiel, wie die NSU von 1999 bis 2011 Mord und Totschlag betreiben konnte – und die Polizei notorisch versagte.

Stuttgart - Von 1999 bis 2011 beging die rechte Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) quer durch Deutschland eine bis dahin beispiellose Kette an Gewalttaten: neun Morde an Bürgern ausländischer Herkunft, ein Polizistinnenmord, drei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle, 43 Mordversuche. Im Kern bestand die NSU aus drei Haupttätern: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.Sie fanden Unterstützung in einem breiten Netzwerk an Unterstützern und Sympathisanten. Bis zum Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 blieb das Trio von polizeilichen Ermittlungen weitgehend verschont. Nur Zschäpe konnte am selben Tag noch festgenommen werden.

In einem Trauer-Staatsakt in Berlin am 23. Februar 2012 versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel den Familien der Opfer persönlich: „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen“.

Dieses Versprechen wurde nicht gehalten; weder wurden das eklatante Versagen der Polizei noch die Verstrickungen der Geheimdienste mit dem NSU-Netzwerk aufgeklärt; entsprechende Untersuchungsausschüsse in den betroffenen Ländern sahen sich in ihrer Arbeit entscheidend behindert. Immerhin wurden Beate Zschäpe und vier ihrer Unterstützer vor dem Oberlandesgericht München angeklagt. Fünf Jahre lang, vom 6. Mai 2013 bis zum 11. Juli 2018, verhandelte der Strafsenat im eigens dafür hergerichteten Saal 101, an insgesamt 438 Prozesstagen.

Grausame, monströse Details

„Saal 101“ heißt nun ein zwölfstündiges Hörspiel-Großprojekt, das alle ARD-Kulturwellen und der Deutschlandfunk gemeinsam an zwei Abenden ausstrahlen; an diesem Freitag und Samstag, jeweils von 20 Uhr abends bis 2 Uhr nachts. Es beruht auf den 6000 Seiten des NSU-Prozessprotokolls, aber auch auf den Notizen und Eindrücken der ARD-Gerichtsreporter, die jede einzelne Verhandlung miterlebt haben. Aus Aussagen, Beweismitteln, Gutachten und Kommentaren haben die vier Autoren Ulrich Lampen, Katja Huber, Julian Doepp und Katharina Agathos ein einzigartiges Doku-Projekt geschaffen, das nicht chronologisch, sondern systematisch den zwölfjährigen NSU-Terror rekonstruiert.

Das gesamte Werk besteht aus 24 Teilen von je 30 Minuten. Die thematische Gliederung der Folgen – zum Beispiel „Das Bekennervideo“ oder „Beweisaufnahme: Die Morde 2000 bis 2001“ – ermöglicht es, Details zusammenzuführen, die im Verfahren selbst oft mit großem zeitlichen Abstand zur Sprache kamen. Das Zuhören ist ganz sicher kein Zuckerschlecken: Akribisch geht die Produktion ins Detail; und vieles, was hier zur Sprache kommt, ist von monströser Grausamkeit. Doch das Radio hat bei der Besetzung der Sprechrollen die Besten des Fachs engagiert:Bibiana Beglau, Katja Bürkle, Martina Gedeck, Barbara Nüsse oder Thomas Thieme erleichtern dem Hörer die nötige Aufmerksamkeit.

Die Politik hat ihre Versprechen nicht gehalten

„Saal 101“ ist somit nicht nur ein Zeugnis der Zeitgeschichte, sondern belegt auch die Möglichkeiten, die das öffentlich-rechtliche Kulturradio beispielhaft nutzt. Das Hörspiel ist eine gemeinsame Produktion der ARD und des Deutschlandfunks unter Federführung des Bayerischen Rundfunks. Vielleicht werden nicht viele Menschen die Zeit haben, beide Abende lang je sechs Stunden am Stück zuzuhören. Aber das Gesamtwerk ist auch in der ARD-Audiothek jederzeit verfügbar – und durch die Einteilung in 24 Halbstünder ideal konzipiert für die stetig wachsende Gemeinde der Podcast-Fans.

Noch ein Versprechen gab Bundeskanzlerin Merkel im Staatsakt vom 23. Februar 2012 den Angehörigen der NSU-Opfer: Deutschland werde „alles in den Möglichkeiten unseres Rechtsstaates Stehende tun, damit sich so etwas nie wiederholen kann“. Auch dieses Versprechen wurde nicht gehalten. Die Kette der Anschläge von Rechtsterroristen setzt sich bis heute fort. Und in vielen Fällen wurden sie begünstigt durch Versäumnisse und Nachlässigkeiten der Polizei und der Behörden. An manchen Stellen führen Spuren sogar direkt in die Dienststellen. Auch dieses Trauerspiel hält an.

SWR 2,
Freitag und Samstag, 19./20. Februar, jeweils von 20 bis 2 Uhr.

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