Häftlinge im KZ Buchenwald verstecken und retten ein dreijähriges jüdisches Kind: Szene aus „Nackt unter Wölfen“ Foto: Ufa Fiction/ARD

In dem autobiografischen Roman „Nackt unter Wölfen“ beschreibt Bruno Apitz, wie er und seine Mithäftlinge ein dreijähriges jüdisches Kind im Lager vor der SS versteckten. Nun hat Filmproduzent Nico Hofmann aus dem Stoff ein Fernsehdrama gemacht.

Herr Hofmann, immer wieder setzen Sie sich in Ihren Filmen mit der deutschen Geschichte auseinander. Warum?
Mein Vater war Soldat, und ich bin in einer Familie sozialisiert, in der das Dritte Reich eine zentrale Rolle spielt, weil die Eltern es hautnah erlebt haben. Es ist also eine ganz ­lebendige Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte, die mich seit Jahren ­umtreibt.
Wie kamen Sie dazu, „Nackt unter Wölfen“ zu produzieren?
Ausschlaggebend war die sehr gute Neuauflage des Romans vom Aufbau-Verlag. Sie hat mich beeindruckt, weil sie wegführt von dem ideologischen Ursprungsfilm, der in der DDR Kultcharakter hatte, der aber stark politisch-ideologisch benutzt wurde. Wir haben mit Drehbuch-Autor Stefan Kolditz lange überlegt, ob man es schafft, mit dieser neuen, erweiterten Apitz-Fassung eine ­Innenweltbetrachtung von Buchenwald zu dramatisieren.
Was hat Sie daran gereizt?
Auch wenn es viele Kontroversen gab, hat es mich nach dem Erfolg von „Unsere Mütter, unsere Väter“ gereizt, hier die Opfer- und Täter-Seite zu zeigen. Ich fand es herausfordernd, ob es gelingen kann, die Welt eines Konzentrationslagers in Bilder, in Stimmungen zu fassen. Wir kennen alle die Schwarz-Weiß-Fotos, wir kennen Hunderttausende Dokumentarfilme, die immer wieder stundenlang auf N24, auf ntv laufen. Aber das, was da passiert ist, in seiner Vielschichtigkeit emotional greifbar zu machen – da gibt es unglaublich wenig Material.
Wie haben Sie recherchiert?
Wir haben für diesen Film so gut recherchiert wie fast noch nie in unserem Leben. Wir haben jede Drehbuchfassung mit der Buchenwaldstiftung ausgetauscht und sie immer wieder mit historischen Beratern und Buchenwald-Überlebenden abgeglichen. Es muss ja wirklich alles stimmen – von der Präzision des Lagerlebens bis hin zu den Kostümen. Das ist bei so einem Film notwendig, denn man bildet ja eine eigene Wirklichkeit ab.
Deshalb wird ja immer wieder die Frage aufgeworfen, ob man das unsagbare Grauen des Holocaust überhaupt fiktionalisieren darf.
Ich bin dezidiert der Meinung, dass man das darf. Warum soll der Film nicht dürfen, was die Literatur seit Jahren sehr konzentriert tut? Es ist immer eine Frage, mit welcher Haltung man das macht. Ich finde das ­Gelungene an unserem Stück, dass es keine billige, einfache Melodram-Form benutzt oder auf voyeuristische Elemente setzt, um Effekte zu erhaschen.
Trotzdem zeigt Ihr Film zahlreiche Gewaltszenen. Es gibt Filme, die bewusst mit Auslassungen arbeiten, um eben das Unsagbare des Holocaust zu vermitteln.
Man kann keinen Film über ein Konzentrationslager machen und all das aussparen. Das wäre geradezu absurd. Da käme zu Recht der Vorwurf, dass ein geschöntes Bild des Grauens gezeigt wird. Die zentrale Frage ist, auf welcher Grundlage so ein Film ­gemacht wird. Wir reden hier von einem millionenfach verkauften Roman von Bruno Apitz, der sein eigenes Lagerleben darin schildert. Wir haben das angereichert durch wissenschaftliche Forschung, und da finde ich es berechtigt, die Auslassungen nicht zu machen, sondern zu zeigen, wie es gewesen sein könnte.
Wir bewegen uns hier in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite haben wir den Holocaust, der durch Sinnlosigkeit und rest­lose Willkür gekennzeichnet ist. Auf der anderen Seite einen Film, der diese historische Gegebenheit in einen konstruierten Plot mit fester dramaturgischer Struktur verpackt. Passt das zusammen?
Jeder Film hat eine eigene Dramaturgie. Der Film versucht doch eine Zustandsbeschreibung des Holocaust, er spart nichts aus. Wenn man sich diesem gewaltigen Thema annähert – und wir reden ja hier über ein Programm, das um acht Uhr abends läuft –, finde ich die Balance, wo wir uns jetzt hinbewegt haben, radikal.
Abgesehen vom Jahrestag der Buchenwald­-Befreiung – wie relevant ist dieser Film?
Wir hatten in den letzten Jahrzehnten keinen Film mehr im Fernsehen, der aus deutscher Herkunft den Versuch macht, sich mit dem Thema Konzentrationslager auseinanderzusetzen. Das zu versuchen hat für mich die gleiche Relevanz wie vor zwei Jahren „Unsere Mütter, unsere Väter“. Der Film hat damals in Millionen Familien eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kriegsvergangenheit ausgelöst. Ich bin gespannt, ob „Nackt unter Wölfen“ zu dem großen Thema Holocaust noch einmal Menschen erreicht – ich wünsche es mir.
Man kann heute einen gewissen Abstumpfungs-Effekt in Bezug auf den Holocaust beobachten, besonders unter jungen Menschen. Wie sehen Sie das?
Heute morgen erst war ich in Buchenwald, da waren etwa 200 Schüler, hellwach und sehr aufmerksam. Oder auch bei der Premiere des Films: Über die Hälfte war ein junges Publikum, das sich den Film freiwillig angeschaut hat. Ich habe nicht das Gefühl, dass junge Menschen der Holocaust nicht interessiert. Ich habe den Eindruck, sie versuchen mit diesem Teil deutscher Geschichte sehr bewusst umzugehen.
Dennoch sagt eine aktuelle Studie, dass ein Fünftel der unter 30-Jährigen mit dem Begriff „ Auschwitz“ nichts anzufangen weiß. Kann ein Film dem etwas entgegnen?
Ich finde es hochproblematisch, wenn Menschen in unserem Land nicht mehr wissen, was Auschwitz ist. Vielleicht macht unser Film ja den Bogen zu einem jüngeren ­Publikum. Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ hatten wir beim ZDF nahezu 19 Prozent junge Marktanteile. Ich glaube, dass „Nackt unter Wölfen“ eine Chance ist, noch einmal tiefer in die Betrachtung unserer Geschichte einzusteigen.
Wie haben Sie die Begegnung mit Überlebenden erlebt?
Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Menschlichkeit und Würde diese über 90-jährigen Menschen von ihrem Leben erzählen. Die Begegnung mit diesen Zeitzeugen war eine wirkliche Bereicherung für mich.
Was wünschen Sie sich für diesen Film?
Mein großer Wunsch ist, dass man eine tiefe Trauer über das, was da passiert ist, und große Empathie mit dem Leid der Opfer empfinden kann. Und dass der Film ein Publikum findet, das auf wache Weise weitergehende Fragen stellt. Ein Film kann nur ­Anlass zur Auseinandersetzung sein – ein Ansatzpunkt für ein großes Mosaik, das Sie selbst zusammenbauen müssen.
 
Zur Person: Nico Hofmann
 

1959 in Heidelberg geboren, absolviert er ein Volontariat beim „Mannheimer Morgen“ und studiert dann Film in München. Er dreht „Tatorte“ und entwickelt für RTL die Serie „Balko“.

1995 wird er Professor für szenischen Film an der Ludwigsburger Filmakademie und dreht den Psychothriller „Der Sandmann“ mit Götz George. 1998 gründet er die Produktionsfirma teamworx und realisiert TV- und Kinofilme wie „Der Tunnel“ (2001), „Toter Mann“ (2001), Stauffenberg“ (2004), „Die Luftbrücke“ (2005), „Dresden“ (2006), „Nicht alle waren Mörder“ (2006) und „Mogadischu“ (2008).

2010 produziert er „Bis nichts mehr bleibt“, den ersten fiktionalen Film über Scientology. 2012 verfilmt er Uwe Telkamps Roman „Der Turm“. Einer seiner größten Erfolge wird im Frühjahr 2013 der Weltkriegs-Zweiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Das Erste strahlt „Nackt unter Wölfen“ an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr aus.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: