Die Dokumentation „Als Botschafter bei Hitler“ im Ersten erzählt, wie Diplomaten ihre Heimatländer vor Hitler warnten. Es geht aber auch um Europas Gegenwart.
Stuttgart - Dass Großbritannien in den dreißiger Jahren gegenüber Nazideutschland bis zum Überfall auf Polen viel zu nachgiebig war, das wird gerne einer völlig falschen Lageeinschätzung durch den britischen Premier Neville Chamberlain zugeschoben. Diese Verkürzung lässt völlig außer Acht, wie viel Sympathie die Nazis in manchen Kreisen Englands genossen. Der 1937 als Spitzendiplomat nach Berlin entsandte Nevile Henderson, einer der Protagonisten der nun im Ersten zu sehenden Dokumentation „Als Botschafter bei Hitler“, ist ein schaurig gutes Beispiel für diese Spezies.
Henderson, ein eitler Upper-Class-Snob und eingefleischter Rassist, ersetzte einen nazikritischen Vorgänger. Er selbst war hingerissen von den autoritären Herrenmenschen, wurde ein Freund Hermann Görings und ein reger Vertreter der braunen Interessen. Die französischen Filmemacher Pierre-Olivier François und Jean-Marc Dreyfus verorten Henderson durchaus richtig, gehen aber noch zurückhaltend mit ihm um – fast so, als wollten sie sich nicht dem Verdacht der Übertreibung aussetzen. Verständlich, dass sie unbedingt vor jedem Zweifel schützen möchten, woran ihnen wirklich liegt: an der Darstellung jener Diplomaten, die früh erkannten, was in den Nazis steckte. Sie warnten unablässig und fanden trotz ihrer korrekten Darstellung der fortschreitenden Tyrannei kaum Gehör.
Verführbare Demokraten
Vor allem André François-Poncet ist da zu nennen, Frankreichs Botschafter in Berlin, dessen Intelligenz und Klarblick auch Joseph Goebbels beunruhigten und dessen Erinnerungen „Botschafter in Berlin 1931–1938“ noch immer eine empfehlenswerte Darstellung der Zerstörung von Rechtsstaat und Normen liefern. Die Doku arbeitet denn auch stark mit François-Poncets Memoiren, Depeschen und privaten Aufzeichnungen. Als französische Militärs zu einer Flugschau eingeladen werden, bei der die Deutschen die Nachbarn mit ihrer illegal wiederaufgerüsteten Luftwaffe einschüchtern wollen, starren die Gäste erschreckt auf die Demonstration der Sturzkampfbomber – und François-Poncet fragt sich, ob eigentlich jemand liest, was er über Deutschlands Aufrüstung und Aggressionsbereitschaft ständig konspirativ nach Paris meldet.
„Als Botschafter bei Hitler“ zeigt historisch korrekt die Verführbarkeit sich sicher fühlender Demokraten. Martha Dodd, die Tochter des US-Botschafters etwa, wurde die Geliebte des Gestapochefs Rudolf Diels, später dann Sowjetspionin. Aber der Film zielt ganz auf die Gegenwart, auf die Laxheit gegenüber dem Aufstieg der Antidemokraten auch in Europa.
Ausstrahlung: ARD, 15. März 2021, 23.35 Uhr, danach 30 Tage in der ARD-Mediathek abrufbar