Die von Architekt Eun Young Yi entworfene Stuttgarter Stadtbibliothek ist am Abend blau und weiß erleuchtet Foto: dpa

Zeitgenössische Architektur: Zum gemütlichen Plausch lädt die Stadtbibliothek nicht ein.

Stuttgart - Das im Entstehen begriffene Europaviertel beim Hauptbahnhof, Vorbote des neuen Stadtteils von Stuttgart 21, ist nicht gerade ein städtebauliches Heilsversprechen. Wenn der ganze Stadtteil mit diesem Schematismus und in dieser investorenfreundlichen Struktur hochgezogen wird, verspricht er nicht die gewünschte lebendige Erweiterung der Stuttgarter Innenstadt zu werden.

Umso gespannter war man auf die neue Stadtbibliothek, von der man auch eine architektonische Manifestation erwartete. Zudem sollte die Bücherei mit ihrem Publikumsverkehr Bürger aus anderen Stadtteilen ins Quartier locken und einen Nukleus für das urbane Leben bilden.

Ob ihr das gelingt, bleibt ungewiss. Denn der unnahbar und in sich gekehrt wirkende Bau scheint sich nur unwillig in das städtische Gefüge einordnen zu wollen. Immerhin, und das ist ungewöhnlich, öffnet der Bau in alle vier Himmelsrichtungen seine Pforten. Seit den späten sechziger Jahren, als sich Deutschland gegen die Bedrohung durch den RAF-Terrorismus wappnete, sind öffentliche Bauten, aber auch private Bürogebäude nicht mehr frei zugänglich, sondern haben nur mehr einen durch den Pförtner kontrollierten Zugang. Auch nach merklichem Abklingen der Bedrohung bildet sich die Trutzburgmentalität der Gesellschaft nur sehr langsam zurück. Die Bibliothek allerdings hat sich von diesen Zwängen befreit und vernetzt sich durch die vier Zugänge mit den Fußwegbeziehungen im Quartier.

Blaues Licht: Ungewöhnlich in der Stadt

Vielleicht verleiht sie ja auch architektonische Impulse. Denn der vom koreanischen Architekten Eun Young Yi entworfene Bau ist geprägt von einer selten gewordenen architektonischen Kraft. Etwas unnahbar und fremd wie eine Kaaba steht der solitäre Bau in (noch) freier Umgebung und lässt keinen Bürger gleichgültig.

Das gilt vor allem am Abend, wenn die ­Fassadenfelder mit ihren Glasbausteinen und hochrechteckigen Fensteröffnungen von innen blau hinterleuchtet werden. Blaues Licht ist ungewöhnlich in der Stadt, es wirkt kühl und geheimnisvoll.

Die Passanten reagieren begeistert bis schroff ablehnend. Büchertempel sagen die einen, Bücherknast die anderen, jedenfalls gehen die Meinungen auseinander. Das blaue Licht, zwischen der äußeren Hülle und der inneren, eigentlichen Fensterfassade montiert, wirkt am Abend auch ins Innere und ­beeinflusst die Atmosphäre.

Geometrische Formen

Solch archaische, symbolbefrachtete Formen wie dieser regelhafte Würfel sind in unserer Baukunst selten geworden. Es waren zuletzt die Rationalisten um Oswalt Mathias Ungers und Josef Paul Kleihues, die in den achtziger Jahren mit solchen geometrischen Archetypen an die von symbolischen Maßverhältnissen und semantischen Bezügen ­bestimmte historische Baukunst anzuknüpfen suchten, an Klassik, Renaissance und ­Revolutionsarchitektur.

Doch was Eun Young Yi den beiden voraus hat, ist das Gespür für Raum und Atmos­phäre. Im Zentrum des Kubus trifft der ­Besucher, nachdem er eine umlaufende ­Foyerzone durchschritten hat, auf einen leeren, „nutzlosen“ Raum, den der Architekt einen ­„negativen Monolithen“ nennt. Der qua­dratische, vier Geschosse hohe Raum mit kleinen­ ­Fensteröffnungen in die umlau­fenden ­Bibliotheksgeschosse und einem zentralen Oberlicht hat fast sakralen, ­jedenfalls ­meditativen Charakter. Tröstlich, wenn sich eine profit- und ren­ta­bi­li­täts­orientierte­ ­Gesellschaft doch noch solche Räume leistet.

Fast noch eindrücklicher präsentiert sich der darüber liegende, nach oben bis zur ­Oberlichtdecke trichterförmig erweiterte Bibliothekssaal. Hell, strahlend weiß und hellgrau, mit vier umlaufenden Galerien und zahlreichen, die Geschosse verbindenden Treppenläufen, bietet er ein verblüffendes Architekturerlebnis, wie es in Stuttgart kein zweites Mal anzutreffen ist. Man beobachtet Kinder, die treppauf, treppab und entlang der Galerien ziellos umherstreifen und den Raum erkunden und unbewusst, aber ganz offenkundig diesem Faszinosum erliegen.

Wie wirkt das Weiß?

Kritiker haben das gleißende Weiß wegen seiner kühlen Wirkung bemängelt und die Atmosphäre als zum Schmökern untauglich empfunden. Das muss jeder selbst ausprobieren. Immerhin bringt es die Bücherregalwände zum Leuchten, die den Raum umfangen. Berühmte Beispiele kommen in den Sinn, Asplunds Büchertempel in Stockholm, die Klosterbibliothek Geistingen oder die British Library in London mit ihren mehr­geschossigen Bücherwänden.

Die gestalterische Konsequenz ist frap­pierend; dass sie aber nicht zum Selbstzweck werden darf, weil es noch andere Bedürfnisse der Besucher gibt, zeigt die Cafeteria ­LesBar im obersten Geschoss, deren ­Atmosphäre zum Frösteln ist und nicht ­gerade zum gemütlichen Plausch einlädt.

Bei schönem Wetter wird man ohnehin in die Loggiazone zwischen den beiden Fassaden ausweichen oder gleich die Dachterrasse aufsuchen, die Rundumsicht auf die Jahrzehntbaustelle des Verkehrs- und Städtebauprojekts Stuttgart 21, auf die City und auf Wald und Reben des Stuttgarter Talkessels bietet.

Mit der neuen Stadtbibliothek ist ein Bau entstanden, der sich von der utilitaristischen Glas- und Betonarchitektur abhebt, der wieder einmal eine dezidiert baukünstlerische Aussage macht und zudem Raumkunst und Architekturerlebnis in den Vordergrund stellt. Das hat es in dieser Intensität seit Stirlings Staatsgalerie in Stuttgart nicht gegeben und deshalb traf der Architekt auch nicht jedermanns Geschmack. Aber dafür sollte er sich nicht rechtfertigen müssen. Gleichwohl wird man seinen Bau in das erste Dutzend der Stuttgarter Attraktionen der zeitgenössischen Architektur einreihen dürfen.