Bez+Kock Architekten und Koeber Landschaftsarchitektur aus Stuttgart gewinnen den mit 200 000 Euro dotierten Wettbewerb für einen Museumsbau im berühmten Karthago.
Liebesdramen und Märtyrertode. Krieg, Gemetzel, Gebäude in Schutt und Asche, Wiederaufbau, wieder Zerstörung. Kriege über Kriege, vor Jahrtausenden, Jahrhunderten. All das trug sich zu in Karthago, im neunten Jahrhundert vor Christus gegründet und an der Meerenge der afrikanischen Mittelmeerküste gelegen.
Einst war Karthago ein wichtiger Handelsschauplatz, Cäsar war hier und die Vandalen, früh auch schon die Christen. Heute ist Karthago ein Vorort der Hauptstadt Tunis – und seit 1979 Unesco-Weltkulturerbe. Fast jeder Tunesienurlauber ist schon einmal durch die Ruinenlandschaft gestiefelt und hat die Überreste einer antiken Kultur bestaunt.
Stuttgarter Architekten bauen in Tunesien
Demnächst werden häufiger auch Stuttgarter Architekten und Landschaftsplaner vor Ort sein. Denn unter Vorsitz des italienischen Architekten Alberto Veiga hat eine international besetzte Jury aus 94 Entwürfen für die „Wiederherstellung der Akropolis von Byrsa und Sanierung des Nationalmuseums von Karthago in Tunis“ den Wettbewerbsbeitrag von Bez+Kock Architekten und Koeber Landschaftsarchitektur mit dem – mit 50 000 Euro dotierten – ersten Preis ausgezeichnet; das Preisgeld des von der Europäischen Union geförderten Wettbewerbs betrug insgesamt 200 000 Euro.
Zwischen einer im 19. Jahrhundert auf der Zitadelle errichteten, katholischen Kathedrale und einem im selben Zeitraum erbauten Priesterseminar besteht ein Hof. Und dieser wird der Ort für den neuen Teil des Nationalmuseums von Karthago. Das neue Museum liegt dann im Zentrum des rund fünf Hektar großen Areals der historischen Akropolis von Byrsa und bietet einen unmittelbaren Zugang zu allen wichtigen archäologischen Bereichen.
„Die erforderlichen Neubaumaßnahmen werden auf ein Minimum reduziert“, sagt Thorsten Kock. „Der Hof wird mit einer leichten und transparenten, schirmartigen Struktur mehr überdacht als überbaut und öffnet sich mit dem Blick über die Ausgrabungen hin zum Mittelmeer.“
Die Jury lobte „die Klarheit und Einfachheit des Konzeptes, die es möglich macht,das Areal in alle Richtungen hin zu öffnen und das eine gute Balance zwischen Landschaft und Architektur, zwischen alt und neu herstellt.“ Was bisher nur auf den Entwürfen zu sehen ist, wirkt wie eine heiter schwebende Anordnung von Schirmen, eine Anspielung und zeitgemäße Interpretation maurischer Baukunst.
Mammutprojekt mit Einschränkungen
„Das ist für uns ein großer Erfolg, auch weil es ein internationaler Wettbewerb mit Teilnehmern aus 30 Nationen war“, sagt der Architekt Thorsten Kock. „Bei mir hat es ein, zwei Wochen gedauert, bis ich realisiert habe, dass wir wirklich gewonnen haben und das Museum tatsächlich auch gebaut wird.“
Dabei hätte es beinahe nicht einmal mit der Teilnahme am Wettbewerb geklappt. „Der Entwurf ist im Zoll hängen geblieben, wir haben zwei Wochen lang wohl mit allen Kurierdiensten zwischen Stuttgart und Tunis telefoniert, denn zum Tag der Jurysitzung musste der Entwurf vorliegen. Er kam dann tatsächlich wenige Tage vor der Sitzung an.“
Zu planen hatten die Architekten drei Teile, eine Ausstellungsfläche, Lager und Depotflächen, außerdem die Außenanlagen der weltberühmten Ausgrabungsstätte. Doch wie bereitet man sich auf solch ein Mammutprojekt vor? Architekt Thorsten Kock:„Es gab gut aufbereitete Unterlagen, die konnten wir analysieren und uns mit der 4000 Jahre zurückreichenden Geschichte vertraut machen.“
Und manchmal hilft eine Einschränkung, eine Regel, um Kreativität freizusetzen. Mehr als 15 Zentimeter tief darf nicht gebohrt und gegraben werden, weil man da womöglich schon wieder auf Funde stößt. „Wir wollten etwas Leichtes machen“, sagt Thorsten Kock, „wir haben mit der Form des Sonnenschirms gespielt, mit wenigen Säulen, die den Boden berühren. Dabei haben wir gemerkt, wenn wir diese addieren, entstehen bogenartige Strukturen. So ,verheiraten’ wir das neue Gebäude mit den bestehenden, spielen außerdem an maurische Bogenmotive an.“
Behutsamer Umgang mit dem Bestand
Die Architektur spielt auch an die Landschaft an, die Schirmpinien zum Beispiel. Mit dem Landschaftsarchitekten Jochen Köber sei man sich einig gewesen, dass man behutsam mit der Landschaft umgeht, „es ist unglaublich, wie der Zitronengarten duftet“, sagt Kock. Es gebe auch barocke Gartenreste, „all das stärken und erhalten wir, werden das gesamte Konzept der Landschaft und Wegeführung einbinden, das fröhliche Sammelsurium an verschiedenen Belägen auf den Wegen vereinheitlichen.“
Wichtig, so Kock, sei gewesen, behutsam mit dem Bestand umzugehen, „wir wollten mit dem Bau nicht einen Schlusspunkt setzen oder das Areal zu einem Abschluss bringen,sondern zeigen, dass es da noch viele neue architektonische Schichten geben wird, dass wir mit unserem Bau auch Kinder unserer Zeit sind.“
Die Architekten werden auch mit der Sanierung von Bestandsgebäuden befasst sein. „Was wir herausgelesen haben, ist, dass wir es es mit einer etwas zugewucherten Perle zu tun haben, aber darin auch die Qualität steckt, das Schlimmste wäre, alles kaputt zu sanieren. Das Areal bezieht seinen Charme daraus. dass man merkt: es sind verschieden gealterte Schichten und die dürfen sich so präsentieren. Wir machen also Grundsätzliches, werden die Kirche zum Beispiel, die im 19. Jahrhundert gebaut wurde, nicht auf Hochglanz trimmen.“
Auch der Taxifahrer ist begeistert
Ein Büro werden die Stuttgarter Architekten in Karthago nicht eröffnen, wohl aber mit Kollegen vor Ort zusammenarbeiten und natürlich mit den Experten in Sachen Archäologie und Denkmal und Mitarbeitern Unesco.
Für das Land und das Kulturministerium ist das ein wichtiges, von der EU gefördertes und finanziertes Projekt. Fernsehen und Radio berichteten, „der Taxifahrer, der uns beim letzten Besuch zur Preisverleihung fuhr, sagte, im Radio habe man positiv darüber gesprochen und dass irgendwelche Deutsche gewonnen hätten. Wir haben ihm dann gesagt, dass wir das sind. Seither waren wir schon drei oder vier Mal mit ihm unterwegs.“
Karthago war immer schon Touristenattraktion mit hunderttausenden Besuchern jährlich und hofft es, jetzt, nach der Coronapandemie wieder zu werden. Ein neues strahlendes, Besucherfreundliches Architekturjuwel, das möglichst schon in zwei Jahren fertig sein soll, könnte dabei durchaus hilfreich sein.
Info
Bez+Kock
Das Stuttgarter Architekturbüro wurde 2001 von Martin Bez und Thorsten Kock gegründet. Das Team von etwa 50 Architekten nimmt an vielen Architekturwettbewerben teil und entwirft Konzerthäuser ebenso wie Bibliotheken, Stadthallen oder Hochschulen, Wohnungsbau oder Rathäuser. Aktuell zu sehen ist etwa das Projekt „Grünes Erlebniszentrum im Luisenpark“ mit der begehbaren Großvoliere und der neuen Pinguinanlage auf der Bundesgartenschau BUGA 23 in Mannheim.
Unesco-Weltwerbe
Die Unesco initiierte 1972 eine internationale Kampagne mit dem Titel „Pour sauver Carthage“. Ziel war es, die noch nicht überbaute Siedlungsfläche des antiken Karthago vor der zunehmenden Ausbreitung der Hauptstadt Tunis zu retten. Hierfür beauftragte die Unesco Forschergruppen aus verschiedenen Ländern. So beteiligten sich zwischen 1972 und 1979 unter der Leitung des Institut National d’Archeologie et d’Art of Tunis (heutiges l’Institut national du patrimoine) Archäologen aus Bulgarien, Kanada, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden, Tunesien, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten an diesem Projekt.