Architektur to go: Diese kurze Route zu architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt führt zu einem Lost Place und Super-Villen bekannte Architekten – mit Aussicht.
Wer an passender Stelle der Weinsteige wieder mal im Stau steht, der sieht auf dem gegenüberliegenden Hügel der Karlshöhe wie sie – wie Perlen aufgereiht – im Hang liegen: fünf reich verzierte Villen aus der Gründerzeit, als immer mehr vermögende Stuttgarter Geld in prächtige Häuser auf den Halbhöhen der Stadt investierten. Entworfen wurden sie um 1900 von den führenden Architekten der Stadt, die auch bekannte öffentliche Bauten geplant hatten.
Also geradeso als würden sich heute Architekten wie Auer Weber oder Stefan Behnisch Architekten, Werner Sobek und LRO Architekten oder auch Alexander Brenner und Wulf Architekten mit Repräsentationsbauten in einer Straße verewigen. Doch den Auftakt des kurzen, ordentlich ansteigenden Spaziergangs bildet ein aktuell eher trist in der Halbhöhe kauernder Bau aus der jüngeren Zeit.
1. Terrassenbau
Je länger ein Gebäude bestehen bleibt, desto nachhaltiger ist es. Dafür muss man es freilich in Schuss halten, renovieren, sanieren. Passiert öfter nicht, daher ist der Sanierungsstau gerade aus Nachkriegsgebäuden und Betonbauten aus den 1970ern ordentlich, wie etwa bei der ersten Station des Spaziergangs unterhalb der Karlshöhe beim ehemaligen Eduard-Mörike-Pflegeheim in der Humboldtstraße 3.
Die Anlage in bester Lage wird vom Wohlfahrtswerk des Landes Baden-Württemberg verwaltet, die orangefarbenen Markisen gehören dringend ausgetauscht, manch wild wucherndes Grünzeug in den Balkonkästen zeugt davon, dass hier entweder niemand wohnt oder jemand ohne grünen Daumen.
Wiewohl es ein ziemlich brutalistischer Bau ist, der da zwischen die Gründerzeitvillen in den Hang gerammt wurde, hat er etwas sympathisch Demokratisches, Balkone mit Ausblick Aussicht, zum Beispiel. Bleibt zu hoffen, dass das derzeit noch bewohnte Terrassenhaus doch noch saniert und nicht zum abrissreifen Betonspukschloss und Lost Place verkommt.
2. Lambert und Stahl
Los geht es mit der Hausnummer 4, die Villa wurde von 1895 bis 1896 im Stil des Historismus – auch Neobarock spielt mit hinein – von dem Schweizer Architekten André Lambert (1851-1929) und seinem aus Frankfurt stammendem Kollegen Eduard Stahl (1849 -1926) für die Allgemeine Baugesellschaft Stuttgart entworfen.
Das Duo arbeitete von 1883 bis 1912 zusammen, sie haben unter anderem das Nationalmuseum in Bern, den Königin-Olga-Bau und das Zahnradbahngebäude (das heutige Theater) am Marienplatz in Stuttgart entworfen. Und viele Villen, manche im Jugendstil, manche im historistischen Stil; einige denkmalgeschützte Bauten stehen auch ganz in der Nähe, und zwar gleich in der Hohenzollernstraße (die Nummern 11, 16, 18/20, 22, 26 und 28).
Ein vorspringender Gebäudeteil in der Humboldtstraße 4 mit Türmchen begrüßt den Spaziergänger auf seinem Weg nach oben. Bitte genau hinschauen – etwa auf die bekrönten Fenster, das Rapunzel-Türmchen auch. Das Haus verfügte selbstredend über eine Dienstbotentreppe.
3. Karl Hengerer
Weiter geht es zu Nummer 6, Bauherr war ein Privatier namens Karl Eisele, wie Christine Breig für „Villen- und Landhausbau in Stuttgart 1830-1930“ recherchiert hat. Dort hat sich mit dem stolz aufragenden Wohnhaus, entstanden von 1899 bis 1900, der fleißige Karl Hengerer (1863-1943) verewigt, der über 400 Gebäude entworfen hat.
Er hat in Stuttgart unter anderem für die Hauff-Villa auf der Gänsheide geplant, für den Stuttgarter Sozialreformer und Unternehmer Eduard Pfeiffer die Wohn-Siedlung Ostheim und das Birkendörfle auf dem Killesberg, außerdem hat er den Graf-Eberhard-Bau in der heutigen Eberhardstraße entworfen.
Wie üblich hat er mit viel Sinn für Handwerkskunst im Stil des Historismus entworfen. Und wie der Nachbar bekam auch seine Nummer 6 einen Turm, verfügt über mehrere vorspringende Gebäudeteile, Erker mit Balkon und feine Steinmetzarbeiten.
4. Albert Eitel I
Um 1900 muss der Baulärm enorm gewesen sein, denn in der Zeit – von 1899 bis 1900 – entstand auch das nächste Haus mit der Nummer 8. Ein Architekt hat auf der Karlshöhe den Bau gleich mehrerer Villen zu koordinieren gehabt: Albert Eitel. Er hat auch anderswo außerordentlich viele Villen für vermögende Stuttgarterinnen und Stuttgarter entworfen, in Stuttgart-Ost etwa – Dutzende stehen bis heute unter Denkmalschutz.
Eitel hat später auch (1919–1920) kleinere Häuser entworfen – die Durlehausiedlung in Stuttgart-Weilimdorf zusammen mit Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, vier Häuserblocks mit anderthalbstöckigen Doppelhäuschen. Auch in Wangen entstand eine Kleinwohnungssiedlung nach seinen Plänen.
Dieser Prachtbau beeindruckt mit einer gestaffelten Fassade, vor allem mit sichtbarem Fachwerk.
Öffentliche Gebäude plante er ebenfalls – den Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt etwa, zusammen mit seinem Kollegen Eugen Steigleder baute er das Alte Schauspielhaus Stuttgart (1909). Außerdem war Eitel an der Planung des UFA-Palasts in der Bolzstraße (1925) und des Hindenburgbaus gegenüber dem Hauptbahnhof beteiligt. Er selbst lebte bis zu seinem Tod in einem Haus in der Pischekstraße 53.
Eines seiner Meisterwerke ist die Villa Gemmingen (Mörikestraße 12) und die Villa in der Mörikestraße 24. Die könnten beim Rückweg hinunter in de Stadt noch einmal genau angeschaut werden. Das erste Haus auf diesem Spaziergang hat die Hausnummer 8.
Fachwerk zur Straßenseite hin und zum Nachbarhaus Nummer 6. Das Denkmalamt führt es als Mix aus Historismus, deutscher Neorenaissance, Neobarock. Der Bauherr war Daddy des Architekten– Emil Eitel. Er wurde als Portefeuillefabrikant reich und lebte lang – er starb vier Jahre nach seinem Sohn Albert mit fast 98 Jahren.
5. Eisenlohr & Weigle
Baumeister, die auch im Stuttgarter Westen viele Mehrfamilienhäuser geplant haben, kamen beim Haus Nummer 10 aus dem Jahr 1896 zum Zug. Die Villa im Stil des Historismus – mit Anlehnung an Neorenaissance und Neogotik – für einen Verlagsbuchhändler wurde von Ludwig Eisenlohr (1851-1931) und Carl Weigle (1849-1931) geplant, die beiden kannten sich seit der Studienzeit.
Wie heute auch viele Büros mit Doppelnamen teilten sie sich die Arbeit, Weigle war oft mehr fürs Einholen von Aufträgen zuständig, weiß das Stuttgarter Stadtlexikon.
Vor allem Eisenlohr zählte zu den wichtigsten Baumeistern Stuttgarts vor dem Ersten Weltkrieg. Es wurde ihm 1901 sogar ein Lehrstuhl für Bauentwürfe an der Technischen Hochschule angetragen. Das Architekten-Duo, das bis 1910 zusammenarbeitete, hatte von 1877 an über 170 Bauprojekte realisiert, darunter das Finanzministerium in der Kienestraße 45, die Königliche Kunstgewerbeschule, Am Weißenhof 1 und das Johannes-Kepler-Gymnasium in Bad Cannstatt.
Viele Villen in Stuttgart-Degerloch (wo Eisenlohr auch wohnte) entstammen außerdem ihrer architektonischen Handschrift. Sie hatten für den Nachbarn in Haus 8, Emil Eitel, auch schon mal ein Haus entworfen – 1889/91 in der Mörikestraße 17. 1894 hatte es allerdings schon wieder einen anderen Besitzer, das hat Christine Breig in ihrem Villenbuch recherchiert. Die Villa Federer in der Mörikestraße 20 von 1910 übrigens stammt auch von Eisenlohr & Weigle. Die Architekten hatten sich mit dem leicht burgartig wirkenden Haus am Hang mit der schönen Loggia im zweiten Stock und der wie eine Nase vorspringenden Erkerchen im oberen Geschoss sozusagen zwischen zwei Eitel-Häuser eingefügt.
6. Albert Eitel II
Denn das nächste Haus mit der Nummer 12 stammt wieder von dem Stuttgarter Architekten Albert Eitel (1866-1934), zur selben Zeit 1899 bis 1900 im Stil von Historismus und Neobarock, entworfen.
Die Villa in der Humboldtstraße entstand für den Konsul Hans Scharpff – ein Turm darf auch hier nicht fehlen, heute wohnen mehrere Familien im Haus. Auf dem Weg in den Park auf der Karlshöhe kommt man noch an einigen nach dem Krieg entstandenen Gebäuden vorbei. Ein bewundernder Stop lohnt am Haus Nummer 20 von Albert Eitel auf diesem Weg, das 1910 – zehn Jahre nach der Villenreihe – entstanden ist.
Im Stil des Neoklassizismus gemeinsam mit Eugen Steigleder wurde die mit Grün umrankte Villa mit Walmdach im Landhausstil entworfen. Bauherr war wiederum der offenbar umzugsfreudige Emil Eitel, Vater des Architekten Albert Eitel.
7. Karlshöhe Aussichtspunkt
Dann geht’s hinauf ins Grüne mit Blick hinunter auf die Stadt. Der Biergarten steht übrigens ungefähr da, wo einst eine Villa war, für Gustav von Siegles Witwe Julie von Siegle (1845–1921) erbaute Eitel vor 1911 auf der Karlshöhe ein elegantes Gartenwohnhaus im Park der unterhalb gelegenen Villa Siegle (Mörikestraße 24).
Das Gebäude überstand den Zweiten Weltkrieg, wurde jedoch nach 1955 abgerissen und durch eine Unterstehhalle für die Bundesgartenschau 1961 ersetzt. So schließt sich der Kreis, man wird sehen, ob dem Terrassenbau das gleiche Schicksal droht.
8. Willy-Reichert-Staffel oder Gänsepeterbrunnen
Weil Rundwege etwas Schönes sind, endet der Spaziergang mit dem Abgang auf einer der berühmtesten Stuttgarter Stäffele – der Willy Reichert-Staffel, benannt nach dem berühmten Humoristen.
Man könnte aber auch nur die Staffel bis zurück zur Humboldtstraße nehmen, wo diese nach unten auf die Mörikestraße knickt, dann beim Terrassenbau die Straße überqueren, kurz nach rechts in die Adlerstraße abbiegen. Graffiti locken und markieren die Stäffele der Else-Himmelheber-Staffel – sie führen hinunter zum Marienplatz. Benannt wurde diese Treppe nach der Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Else Himmelheber, die 1905 in Stuttgart geboren und 1944 in Dachau ermordet wurde.
Oder man schließt an diesen kurzen Spaziergang noch einen anderen Architektur-Spaziergang an – den der schönsten Jugendstil-Häuser im Stuttgarter Süden. Wie dieser zu absolvieren ist, finden Sie in dem folgenden Online-Link:
Entschließt man sich dazu, dann geht man auf der anderen Seite der Karlshöhe wieder hinunter bis zur Hasenbergsteige und beginnt den Spaziergang beim Gänsepeterbrunnen, spaziert hinauf in Richtung Schwabtunnel und zurück bis zur Markuskirche.
Info zum Spaziergang
An- und Abreise
Der nur einen Kilometer kurze Rund-Spaziergang verfügt über einen steilen Anstieg. Er lässt sich mit dem Bus 43 oder 41 anfahren, Haltestelle „Mörikestraße“. Oder man fährt mit dem Bus 43 oder 41, mit der Zacke, mit einer der S-Bahnen oder mit den Stadtbahnen 1 oder 14 zum Marienplatz und marschiert hinauf zur Humboldtstraße. Wer nach Ende des Spaziergangs den Abstieg zum Gänsepeterbrunnen nimmt, kann danach in den Buslinie 42, Haltestelle „Schwab-/Reinsburgstraße“, steigen.
Einkehren
Am Marienplatz gibt es sehr gutes Eis in der Gelateria (Marienplatz 14), daneben Cafés wie das Kaiserbau und das asiatische Restaurant „Noir“ (Tübinger Str. 92). Auf der Gänsepeterbrunnen-Seite ist das Künstlerhaus (Reuchlinstraße 4) eine schicke Adresse auch zum besseren Essen. Und dann ist da natürlich noch der Biergarten am Aussichtspunkt aus der Karlshöhe.
Geeignet für
Menschen, die sich vom Glanz (reich verzierter Villen) und Elend (Terrassenhaus) inspirieren lassen und Leute, die gern steile Kurzstrecken absolvieren und dann auf die Stadt herabschauen.