Für das „Stade nautique Olympique d’Île-de-France” wurde von Auer Weber eigens ein neuer Schiedsrichterturm samt Brücke errichtet. Foto: Aldo Amoretti/Auer Weber

Das renommierte Architekturbüro Auer Weber mit Sitz in Stuttgart und München entwarf das Wassersportzentrum für die Ruder- und Kajakwettbewerbe bei den Olympischen Sommerspielen Paris – es gab dort bereits Siege für Deutschland.

Beim Bau von Sportstätten denken viele immer noch an irgendetwas Großes mit Tribünen und viel Auslauf auf der grünen Wiese. Doch die Wahrheit ist komplizierter. Es geht bei der Konzeption von Stadien, Hallen und Sportanlagen im Freien längst nicht nur um das Aufstellen und die Einzäunung von funktionalen Zweckbauten und Arealen. Im Idealfall verhilft eine kluge Architektur den Athletinnen und Athleten, ob im Training oder Wettkampf, zu neuen Höchstleistungen und nicht zuletzt dem Publikum zu einem intensiveren Sporterlebnis.

 

Soziale und ökologische Herausforderungen

Jede Sportart drückt sich durch eine für sie passende, individuelle Bauform aus. Das Umfeld, in dem die Bauten entstehen, spielt dabei eine wichtige Rolle, sozial wie ökologisch. So wie beim „Stade nautique Olympique d’Île-de-France”. Dieses außergewöhnliche Wassersportzentrum befindet sich in Vaires-Torcy, rund 30 Kilometer von Paris entfernt und war die erste fertiggestellte Sportstätte der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2024 in Frankreich. Oliver Zeidler aus Deutschland gewann hier jetzt die Goldmedaille im Rudern; die deutsche Slalomkanutin Elena Lilik holte im Canadier-Einer im Wildwasserkanal Silber.

Warum ist das Zentrum so außergewöhnlich? Zum einen, weil das Stade nautique das größte Wildwasserzentrum Europas beherbergt. Zum anderen, weil die 2021 fertiggestellte Anlage vom renommierten deutschen Architekturbüro Auer Weber konzipiert worden ist – das einzige deutsche Planungsbüro im großen Baumeisterfeld der diesjährigen Olympiabauten!

Gelände für Wassersport: Ein 90 Hektar großer See mit einer flachen, weitläufigen Heidelandschaft drumherum. Foto: auer weber/Christoph Gramann

Mit der Entscheidung, in Paris die Olympischen Sommerspiele 2024 auszurichten, bestimmte man Vaires-Torcy zum Austragungsort für die Ruder- und Kanudisziplinen. Auer Weber (München, Stuttgart) gewannen 2012 einen Wettbewerb für die Umwandlung des Geländes zur Olympia-Spielstätte.

„Die Projektgenese war unabhängig von Olympia, sollte aber diese Eventualität mitberücksichtigen. Eine echte Herausforderung“, erklärt der Architekt Markus Hennig, der das Projekt vom Münchner Büro aus über die Jahre hinweg koordinierte, dafür alle paar Wochen frühmorgens in den Schnellzug TGV stieg, um mittags auf der Baustelle eine halbe Bahnfahrstunde vom Gare de L’Est in Paris entfernt mit den Projektpartnern die Lage zu sondieren. Der Ort: Ein 90 Hektar großer See mit einer flachen, weitläufigen Heidelandschaft drumherum. Kaum vorstellbar, dass die Zwölf-Millionen-Metropole Paris so nah ist.

Schweres industrielles Erbe

Doch die Abgeschiedenheit war und ist nur eine scheinbare, zumindest aus architektonischer Sicht. Das Gelände war mitnichten eine Spielwiese, auf der man sich als Planungsbüro kreativ hätte austoben können, schließlich ist die Seelandschaft ein industrielles Erbe. Bis in die 1980er Jahre befand sich hier eine große Sandgrube, die dann zu einem Ort für Freizeit- und Wassersport umgenutzt wurde, gespeist von der direkt anliegenden Marne.

Zudem gehörte neben dem Erhalt einiger Bestandsbauten für den Wassersport noch diese Konstante zu berücksichtigen: die unmittelbare Nähe zu einer der besterhaltenen Industrieanlagen Europas. Im Zentrum des Gebäudeensembles, zu dem auch ein Musterbauernhof sowie ein Schloss gehören: die Schokoladenfabrik Menier in Noisiel, die der Ingenieur Jules Logre und der Architekt Jules Saulnier 1872 errichteten.

Früher Zentrale von Nestlé

Das eigentliche Fabrikgebäude, ein für damalige Zeiten revolutionärer Eisenskelettbau mit einer Füllung aus vielfarbigen Ziegelmauern, steht am Ufer des Flusses, deren Wasser die Turbinen antrieb. Früher befand sich hier der Hauptsitz des Großkonzerns Nestlé. Ein besonders geschütztes Denkmal, das bei der Planung des Wassersportzentrum respektvoll behandelt werden musste. Insgesamt also eine Bauaufgabe, die einer Gleichung mit vielen Konstanten und noch mehr Unbekannten gespickt war.

Dass es am Ende ein Büro aus Deutschland wurde, hatte aus französischer Sicht sicher auch mit dem Renommee und der Expertise der süddeutschen Architekten zu tun: 1980 gründeten die beiden Ausnahme-Architekten und Stuttgarter Hochschullehrer Fritz Auer und Carlo Weber das Architekturbüro Auer Weber.

Mit Günter Behnisch und anderen Planern wie dem Stuttgarter Frei Otto zeichneten sie für den Bau des bis heute ikonischen Münchner Olympiastadions verantwortlich. Damals wie heute ging es um die bauliche Umsetzung einer Idee: Das Olympiastadion von 1972 sollte in die Landschaft eingebettet sein, ein menschliches Maß haben und die Vorstellungen von Freiheit, Leichtigkeit und Teilhabe zum Ausdruck bringen.

Diese Gedanken spielten auch in Vaires-Torcy eine zentrale Rolle: „Der Anspruch war nicht weniger als das Ermöglichen einer Gleichzeitigkeit: parallel sollte auf dem neuen Gelände Breitensport neben Leistungssport stattfinden können. Und jede und jeder soll vorbei- und zuschauen können, was mit dem begehbaren Plateau gewährleistet ist, auf dem Besucher zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sein können“, sagt Markus Hennig, selbst ein passionierter Wassersportler. „Das ist ein sehr offener, man könnte sagen: demokratischer Ansatz, der uns sehr entgegen kam.“

Konkret ging es also darum, allen Respekt zu zollen, den Besuchern wie Leistungs- und Hobbysportlern, alles zugänglich zu machen, die Landschaft nicht zu verschandeln und die Blickachsen zu den Industriedenkmälern zu betonen. So entschied sich Auer Weber für eine höchst dezente Bespielung des Terrains, und zwar mit Hilfe eines lebendigen Plateaus, das sich von Nord nach Süd zieht und kaum merklich aus dem flachen Gebiet am östlichen Rand des Sees heraus anwächst. Dieses Plateau inkludiert die elementaren Funktionen des Wassersports, ohne die Öffentlichkeit gänzlich auszuschließen.

Allgegenwärtiges Wasser

Trotzdem trainieren die Leistungssportler in Ruhe. Unter dem breiten, terrassierten und begrünten Wegstreifen befinden sich die Gebäude und Unterkünfte des Profi- und Breitensports. Die Sportler können von Besuchern ungestört paddeln und rudern; wer will, kann als Besucher einfach vorbeikommen und zuschauen. „Das Wasser ist allgegenwärtig und schafft fließende Übergänge zwischen den einzelnen Anlagen“, erläutert der 53-jährige Architekt, ein frankophiler Münchner, der sichtlich stolz auf das ressourcenschonende Projekt ist.

Das Boot ist im Stade nautique mehr als nur das Trainingstool. „So ist beispielsweise das Kajak nicht nur ein Sportgerät, sondern auch ein Fortbewegungsmittel, um etwa zum Restaurant oder zu einem Trainingsbecken zu gelangen.“ Die Anlagen erscheinen durch die reduzierte Materialwahl – Sichtbeton und Holz – sehr homogen, im besten Sinne bescheiden.

Einzig der Kanal für die Wildwasserathleten wirkt hervorgehoben, ist so etwas wie das pulsierende Herz der Anlage, für den verschiedene natürliche Flusslandschaften kreiert und nachgeahmt wurden. „Das Wildwasserstadion erinnert ein wenig an ein Amphitheater, das Publikum rückt hier so nah wie möglich an das sportliche Geschehen heran“, sagt Hennig. Dass die in der französischen Fachpresse viel gelobte Anlage auch nach den Olympischen Sommerspielen den Menschen erhalten bleiben wird, war von Anfang an so gewünscht und klingt wie selbstverständlich.

Weniger selbstverständlich ist es, dass ein deutsches Architekturbüro eine dermaßen prestigeträchtige Architektur vor den Toren der französischen Hauptstadt planen durfte, als Gewinner in einem öffentlichen Wettbewerb prämiert wurde. „Tatsächlich haben wir die Landschaft geformt, das war auch unser Vorteil gegenüber den anderen drei Wettbewerbsteilnehmern. Auer Weber hatten seinerzeit einfach den ‚landschaftlichsten‘ Entwurf“, erklärt Markus Hennig fast schon bescheiden. Aber seien wir ehrlich: Für Stuttgart und München und nicht zuletzt Paris ist dieser Wassersportparcours mindestens so schön wie der Gewinn einer Goldmedaille.