Architektur Energiesparhaus geht auf seine letzte Reise

Von Marc Schieferecke 

Außen schillert „Home+“ in Gold- und Bronzetönen, weil das übliche Einheitsblau der Solarzellen missfiel. Im Inneren ist bald jeder Winkel zweimal genutzt. Foto:  
Außen schillert „Home+“ in Gold- und Bronzetönen, weil das übliche Einheitsblau der Solarzellen missfiel. Im Inneren ist bald jeder Winkel zweimal genutzt. Foto:  

Ein studentisches Energiesparhaus der Hochschule für Technik war jahrelang auf Wanderschaft. Nun geht es auf die letzte Reise. Es muss einem Neubau weichen.

S-Mitte - Gewiss, jedes Haus birgt Geschichte, mindestens Geschichten. Dieses allerdings wird womöglich einmal selbst Teil der Geschichte, der Architekturgeschichte. Dass es auf jede erdenkliche Art Energie spart und selbst produziert, scheint eher nebensächlich. In diesem Haus steckt nicht nur Technik, in diesem Haus steckt Herzblut. Jeder Winkel dient einem Zweck, die meisten sogar zweien.

All dies ist bewiesen. Bei einem internationalen Wettbewerb in Madrid gewann das Haus im Jahr 2010 zwei erste und zwei dritte Preise. Dies unter durchaus harten Bedingungen. Die begannen damit, dass der Aufbau von der Lieferung der Fertigteile bis zum Vollbetrieb in zehn Tagen erledigt sein musste. Sie endeten damit, dass Gäste bekocht werden mussten, um den Energieverbrauch unter Partybedingungen zu messen. Sogar ein Fernseher stand im Pflichtenbuch.

Das Haus wurde nach der Preisverleihung zurück nach Stuttgart gefahren, wieder aufgebaut und wieder abgebaut, um für ein Jahr in Ulm zu stehen. Seit 2012 ist es zurück in Stuttgart, neben der Liederhalle. In den nächsten Wochen wird es zum letzten Mal demontiert. Die Technik wird weiterverwendet. Der größte Teil allerdings wird „thermisch wiederverwertet, wie man das nennt“, sagt Jan Cremers. Sprich: verbrannt. Alle tragenden Teile sind aus Holz gefertigt.

Mehr als 150 Studenten waren an der Entwicklung beteiligt

Cremers ist Professor an der Hochschule für Technik. Das Wettbewerbshaus – „Home+“ benannt – gilt als größtes Projekt in deren Geschichte. Mehr als 150 Studenten waren an der zwei Jahre währenden Entwicklung beteiligt – und an allem Auf- und Abbauen mit dem Akkuschrauber in der Hand. „Selbstverständlich schmerzt das“, sagt Cremers – das Ende des Hauses.

Aber Alternativen blieben nicht. Das Land braucht den Bauplatz. Ursprünglich sollte auf dem Grundstück 2017 mit einem Neubau begonnen werden. Nun ist umgeplant worden, in aller Eile. Auf dem Gelände an der Breitscheidstraße soll ein Flüchtlingsheim entstehen. Neben dem „Home+“ müssen dafür Parkplätze weichen. Zwischen Ankündigung und Baubeginn liegen nur Monate. „Wir hatten sogar Kaufinteressenten“, sagt Cremers. Allerdings hätten die in der Kürze der Zeit keine Baugenehmigung mehr bekommen. Allein der Transport würde rund 100 000 Euro kosten. Ein Zwischenlager käme hinzu.

Bevor der Professor die Frage nach dem Preis des Hauses beantwortet, hält er eine lange Vorrede. Sie klingt wie eine Warnung. Sie enthält eine Liste von Erklärungen, um wie viel billiger die Serienfertigung wäre. „Die absolute Zahl führt in die Irre“, sagt er. 400 000 Euro lautet am Ende die Zahl – für den Prototypen. Auf etwas mehr als die Hälfte ließen sich die Kosten in Serienfertigung drücken. Das scheint wenig für ein Haus, dessen Bewohner nie eine Strom- oder Gasrechnung zahlen müssen. Schon nach acht Jahren hätte „Home+“ soviel Energie produziert, dass sogar der Verbrauch bei Produktion und Transport ausgeglichen ist.

Die 47 Quadratmeter sind nahezu beliebig erweiterbar

Aber es scheint viel für ein Haus mit nur 47 Quadratmeter Wohnfläche. Die sind allerdings nahezu beliebig erweiterbar. „Home+“ besteht aus Modulen, die exakt auf einen Tieflader passen. Wie viele von ihnen ein Bauherr aneinander stellen wollte, bleibt ihm überlassen. Die 47 Quadratmeter des Prototypen vereinen sich in einem einzigen Zimmer. Wer an der Küchenzeile steht, hat freien Blick auf die Kloschüssel. Oder auch nicht, denn hier beginnt die Raffinesse. Der Badschrank steht quer im Raum. Wer seine Tür öffnet, verschließt gleichzeitig die Toilette, und Flüssigkristalle schalten die Glasscheibe zum Schlafzimmer blind. Die Waschmaschine samt Trockner ist ebenso in den Wänden versenkt wie Sitzbänke, Wärmepumpe und das Bett. Das lässt sich bei Bedarf auch auf die Terrasse hinaus ausklappen.

Zentrales Element der Innenarchitektur ist die – für Madrider Verhältnisse überlebenswichtige – Klimaanlage. Während der Wettbewerbszeit durfte die Innentemperatur nie 24 Grad übersteigen. Ein Kühlturm trennt Wohn- und Schlafzimmer. Das Prinzip „findet sich in trocken-heißen Klimazonen seit Jahrhunderten“, sagt Cremers, „eigentlich haben wir nichts neu erfunden“. In einem gläsernen Schrank hängen feuchte Tücher. Die Durchlüftung erledigt die Sonne. Sie erhitzt dunkle Metallplatten, die einem Mobile gleich in einem gläsernen Gehäuse auf dem Dach baumeln. Der Temperaturunterschied lässt die Luft strömen. Dass die Fassade mit Solarzellen bedeckt ist, scheint selbstverständlich. Allerdings missfiel den Studenten deren Einheitsblau. „Home+“ schillert in Gold- und Bronzetönen.

Auch wenn das Haus selbst zum Jahresende Vergangenheit sein wird, alle Ideen, die in ihm stecken, werden den Abriss überstehen. Teile werden weiterhin in der Hochschule für Technik studierbar sein. Die Gesamtheit ist weltweit frei zugänglich. Die Konstruktionspläne sind samt aller Details im Internet veröffentlicht. Auch dies gehörte zu den Wettbewerbsbedingungen. Wer sich das güldene Plusenergiehaus auf sein Grundstück stellen will, kann einen Bauingenieur oder Architekten beauftragen. Aus Sicht von Cremers wäre ein solche Plagiat keineswegs verpönt, im Gegenteil, sagt er, „wenn jemand das Haus nachbauen würde, wäre es uns eine Ehre“.

Ansprechpartner
Martin Haar
s-mitte@stz.zgs.de

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