Shirin Frangoul-Brückner wählt in unserer Reihe „Eine Architektin zeigt ihre Stadt“ ein verstecktes Stadtjuwel. Im Café am nahe gelegenen Marienplatz spricht sie darüber, was Stuttgart noch besser machen könnte und über architektonische Verantwortung.
Die Statuengruppe mit viel Grün im Hintergrund könnten ein gutes Motiv sein. Oder auch der Laubengang mit den Reisemitbringseln– Löwenköpfe, Putten, lateinisch beschriftete Steinplatten –, die in die Wand eingelassen sind. Shirin Frangoul-Brückner probiert es gleich selbst aus mit dem Smartphone, welcher Hintergrund wohl ein besonders passender sein könnte und posiert mit einem strahlenden Lächeln vor der Wand mit dem Löwenkopf. Der Himmel hat aufgerissen, bescheint den Garten, ein Eichhörnchen eilt über die Wiese, wie gemacht für eine heitere Inszenierung.
Den Ort hat sie klug gewählt, er sagt nicht nur etwas über die Stadt aus, sondern auch über ihre Arbeit: Das Besondere eines Raumes, eines Themas erspüren und für Menschen erlebbar zu machen. Das Lapidarium unterhalb der Karlshöhe hat die Architektin und Geschäftsführerin von Atelier Brückner ausgesucht, um über ihre Stadt und ihre Arbeit zu sprechen. Und das nicht nur, weil es ein öffentlich nutzbarer Raum umgeben von alten Gemäuern ist und somit auch auf die 1895 als Lokomotivremise entstandenen Wagenhallen am anderen Ende der Stadt im Stuttgarter Norden hinweist.
Die Wagenhallen wurden von ihrem Büro mustergültig saniert, wovon die zahlreichen Architekturauszeichnungen sprechen. Und auch nicht nur, weil Atelier Brückner ein anderes Open-Air-Museum in die heutige Zeit überführen wird – die Villa Berg nämlich. „Das Lapidarium ist ein szenografischer Ort“, sagt Shirin Frangoul-Brückner. „Ein inhaltlicher Ort voller historischer Architektur-Fragmente der Stadt, und einer der seltenen Aufenthaltsorte der Ruhe mitten in der Stadt, der zum Verweilen einlädt, wo die Bevölkerung den Garten und die Atmosphäre genießen kann. Und es ist zugleich ein lebendiger Ort mit kulturellen Veranstaltungen und Events.“
Karl von Ostertag-Siegle, Schwiegersohn des sozial engagierten Unternehmers Gustav Siegle, hat den Park mit Fragmenten römischer Antikengegenständen angelegt, die er von Reisen nach Italien mitgebracht hatte. Es finden sich auch Teile der Gebäude hier, die 1905 für den Bau des Stuttgarter Rathauses abgerissen wurden.
Sie – und viele andere Relikte Stuttgarter Bauten – kamen nach der Zwischenlagerung im Hospitalhof in den Garten in der Mörikestraße. Würde sie fürs Lapidarium einen Auftrag erhalten, wäre es schön, „die Informationen über die einzelnen Objekte noch leichter zugänglich zu machen“ für jene die es wissen wollen. Die, die nur die zauberische Atmosphäre genießen wollen, können sich ihre eigenen Gedanken dazu machen.
Zeitschichten freilegen, erhalten und eine neue hinzufügen, das ist häufig die Aufgabe, mit der ihr Büro beauftragt wird. Das war ein Ziel bei der Wagenhallen-Sanierung und wird es bei der Villa-Berg-Sanierung sein und auch, wenn ihr eigenes Stuttgarter Projekt fertig sein wird – der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg von Architekt Paul Bonatz im Stuttgarter Osten. Er wird in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt.
Im Umgang mit dem Denkmalschutz würde sie sich wünschen, „dass Qualität von bestehender Architektur nicht zerstört, sondern, dass mit ihr gearbeitet wird, ihr auch neue Nutzungen zugeführt werden kann. Bei unserem Projekt ist die Denkmalschutzbehörde den Weg, den wir vorgeschlagen haben, mitgegangen.“
Bis die Baugenehmigung erteilt war, sind indes fast zwei Jahre vergangen, berichtet die Architektin auf dem Weg die Stäffele hinunter zum Café am Marienplatz. Ja, das habe ziemlich lange gedauert (unsere Zeitung berichtete darüber) und es wäre hilfreich, wenn man schon während des Wartens Vorarbeiten durchführen hätte können, doch sie sehe das Positive.
So, mit einem fröhlich pragmatischem Optimismus begann schon ihre Liebe zur Architektur. „Ich komme aus Wangen im Allgäu, mein Vater ist Iraker, meine Mutter Deutsche. Was die berufliche Ausrichtung anging, waren die Vorstellungen in meiner Familie auf das Studium der Medizin, Jura oder Ingenieurwesen beschränkt. Architektur war ein Feld innerhalb des Studiums der Ingenieurwissenschaften, das mich interessierte. Ich war mit dem Thema wenig vertraut und empfand es eine tolle Herausforderung, mit dem Architekturstudium thematisch sozusagen bei Null anzufangen.“ Und einen Beruf mit gesellschaftlicher Relevanz zu ergreifen: „In der Architektur“, sagt Shirin Frangoul-Brückner, „schafft man Orte, die bleiben und dadurch Menschen prägen. Wir übernehmen viel Verantwortung, wenn wir für andere entwerfen und im besten Falle gute, relevante Räume kreieren.“
Nach ihrem Studium in Stuttgart und nach der Bürogründung mit Uwe Brückner 1997 ist Stuttgart ihr Lebensort geblieben, obwohl das Büro sehr gewachsen ist, 130 Mitarbeiter aus 27 Nationen beschäftigt und inzwischen auch einen Standort in Korea hat. „Die Stadt darf ihre Vorteile besser vermarkten“, sagt Shirin und nippt an ihrem Minztee. Und zeigt einmal mehr ihren Sinn fürs Szenische, „die einzigartige Topografie, die das Stadtbild prägt, die Blickbeziehungen, die vielen besondere Orte, die die Stadt ausmachen.“
4 wichtige Stuttgart-Arbeiten des Ateliers Brückner
- Sanierung der Stuttgarter Wagenhallen
- Szenografie im Haus der Geschichte in Stuttgart
- Haus für Film und Medien in Stuttgart (in der Planung)
- Sanierung der Villa Berg (aktuell in der Planung)
Erstaunlich sei auch der Mix aus Wirtschaft und Kultur und Museen auf höchstem Niveau angesichts der Tatsache, dass Stuttgart eine eher kleine Stadt sei. „Stuttgart kann mit Paris und Berlin mithalten“, sagt die Architektin. „Und es zieht im Winter nicht so kalt durch wie in Berlin“.
Erste Erfolge mit der „Titanic“-Schau
Sie muss es wissen, ihr in Bad Cannstatt ansässiges Büro verwirklicht Projekte in der ganzen Welt – naher Osten, China, Usbekistan. „Ich glaube an Veränderung. Meine Rolle im Büro hat sich in den 27 Jahren ständig verändert, das finde ich wichtig, um weiter inspiriert zu arbeiten.“Jüngst orientiert sich das Büro auch gen Westen. Erstmals gibt es einen Auftrag für die USA, wo das Atelier die 2000 Quadratmeter umfassende Erweiterung des 2014 gegründeten National Center for Civil and Human Rights in Atlanta gestalten wird.
Was auf eine Art wieder zu den Anfängen führt – eine Ausstellung über einen Luxusliner, der auf dem Weg in die Vereinigten Staaten spektakulär verunglückt ist. Die Titanicausstellung in Hamburg im Jahr 1997. Im selben Jahr kam der Film mit Kate Winslet und Leonardo die Caprio ins Kino, das half auch, die Aufmerksamkeit auf die Schau zu lenken. „Es war ein Wahnsinnserfolg, auch weil wir Information und Emotion miteinander verbunden haben“, sagt Shirin Frangoul-Brückner. „In einem Raum der Stille, der mir besonders in Erinnerung ist, haben wir ein Paar Arbeiterschuhe sechs ungeöffneten Champagnerflaschen gegenübergestellt, die aus dem Wrack der Titanic in 3800 Meter Meerestiefe geborgen wurden. Das sagt alles über die Geschichte.“
Die Ausstellung zog weitere Aufträge nach sich – „wir haben in unserem Tätigkeitsbereich inzwischen ein sehr breites Spektrum, das nicht viele Büros so abdecken können.“ Mit assoziativen Vermittlungsideen, auch emotionale Ebenen zu bedenken, mit dem Kreieren von Geheimnis, dem der Besucher, die Besucherin gern nachgeht, hat sie sich mit ihrem Büro international einen Namen gemacht. Und inzwischen gibt es für ihr besonderes Tätigkeitsfeld auch an verschiedenen Hochschulen den Studiengang Szenografie.
Gebäude entwerfen ist eine Aufgabe des Büros, vor allem aber, sie mit Leben zu füllen. Ausstellungen, dauerhafte und temporäre zu konzipieren, vom Limesmuseum bis zum Museum der Zukunft – Ideen von Museumsleitungen umzusetzen. Dafür auch erhält die Architektin die seit 1987 vergebene US-Auszeichnung der SEGD – Gesellschaft für experimentelles Design.
Hohe Auszeichnung für Shirin Frangoul-Brückner
Der Fokus hierbei liegt auf der Gestaltung von Umgebungen, die Menschen durch visuelle, physische und interaktive Mittel leiten, informieren oder inspirieren. Unter den bisherigen Preisträgern sind Koryphäen wie die Designerin Paula Scher (der derzeit in der Pinakothek der Moderne in München eine Ausstellung gewidmet ist) oder auch der Architekt und Theoretiker der Postmoderne Robert Venturi.
Nicht nur ein neues Arbeitsfeld hat Shirin Frangoul-Brückner miterschlossen, sie ist (nicht nur in Stuttgart) auch eine der wenigen Frauen, die ein Büro leiten und so ein Vorbild für angehende Architektinnen und Gestalterinnen darstellt. Ist die Genderfrage ein Thema für sie? „Ich denke nicht in Kategorien von Mann und Frau, mir geht es um Menschen und ihre Kompetenzen“, sagt Shirin Frangoul-Brückner. „In unserem Büro ist das Verhältnis von männlichen und weiblichen Führungspersonen ziemlich ausgeglichen.“
Was ist das wichtigste in ihrer Arbeit – neben Kreativität und Vorstellungsvermögen? „Zuhören können und nicht sagen, wir wissen schon, wie es geht. Verstehen, was der Bedarf ist, was der Auftraggeber möchte, unterschiedliche Ansätze und kulturelle Unterschiede wahrnehmen und dann gemeinsam im Team Ideen entwickeln. Etwas gestalterisch Angemessenes zu machen, zu zeigen, dass jedes Detail einen Grund hat. Es inspiriert mich, im Team zu arbeiten, zu sehen wie ein Konzept entsteht und jeder seinen Teil dazu beiträgt.“
In Stuttgart kennt man das Atelier Brückner vom Haus der Geschichte, das sie und ihre Mitarbeitenden bis heute szenografisch betreuen. Immer wieder wird in Ausstellungen mit der Aura auch profaner Objekte gespielt. Einzelne Objekte werden zunächst „vergeheimnist“, interessant gemacht, derart ausgeleuchtet setzt sich dann die Fantasie bei der Betrachterin, dem Betrachter in Gang. Digitale Helfer – Apps – vermitteln dann Inhalte, bringen Ideen, Anekdoten, Texte zum gedanklichen Flirren und machen Lust auf das, worauf es ankommt, auf Lust auf mehr Wissen auch nach dem Besuch im Museum. Darum geht es. Das gelingt Shirin Frangoul-Brückner und ihrem Büro immer wieder aufs Erstaunlichste: zu inspirieren. Bilder zu schaffen, die bleiben.
Info
Die Architektin
Shirin Frangoul-Brückner, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführerin des Atelier Brückner. Sie hat ihr Büro 1997 gemeinsam mit Uwe Brückner gegründet.
Projekte
Noch bis zum 6. Oktober ist auf der Landesgartenschau in Wangen im Allgäu im Holz-Naturfaserpavillon von Achim Menges und Jan Knippers die vom Atelier Brückner in Szene gesetzte Ausstellung „Innovativer Holzbau“ zu erleben mitsamt acht integrierten Medienstationen und einer digitalen App, die auch auf dem restlichen Landesgartenschaugelände verteilt ist. Das geplante Haus für Film- und Medien in Stuttgart wird von Atelier Brückner gestaltet, auch der nachhaltig geplante Pavillon von Usbekistan bei der Expo in Japan – aus Lehm, Ziegel, Holz, der wird komplett demontierbar und in Usbekistan sein.