Von g20 Architekten: Hausaufstockung mit Aha-Effekt in der Olgastraße in Stuttgart Foto: g20/Brigida González

Baulandpreise und Baukosten steigen weiter. Welche Folgen hat dies für die Architektinnen und Architekten im Land? Die Architektenkammer antwortet.

Stuttgart - Baulandkosten und pure Baukosten steigen ständig weiter. Welche Folgen hat dies für die Architektinnen und Architekten im Land? Wir haben bei der Architektenkammer Baden-Württemberg nachgefragt. Die Antworten verstehen sich als offizielle Position der Architektenkammer.

Immobilienmarkt und Baukosten bewegen sich in Spitzenbereichen. Geraten damit auch die Architektinnen und Architekten unter Druck, Abstriche zu machen?

Folgen hat dies erst einmal keine, weil die Baubereitschaft auf der anderen Seite durch die Niedrigzinsen noch groß ist. Wer in einer vorbildlichen Kommune wie Ulm baut, hat Glück: Dort werden die Baugebiete erst ausgewiesen, wenn alle Grundstücke der Stadt gehören. Entsprechend können Vergaben nach Kriterien stattfinden und Bauland kann gezielt an Baugemeinschaften verkauft werden. Daran sieht man: Ohne eine ernsthafte Diskussion der Frage, wem der Boden gehört, kommen wir in der Kostenfrage, die immer auch eine soziale Frage ist, nicht weiter.

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Kostendruck hat der Architektur noch nie geschadet“

Ein Blick auf die Landeshauptstadt?

Ein gutes Beispiel: In Stuttgart kann der derzeit entwickelte Stadtteil Rosenstein, wo alle Grundstücke in städtischer Hand sind, ein Vorzeigequartier werden im Volumen einer Kleinstadt. Aber wahr ist auch, dass der Blick mehr auf den Bestandsbau oder auf Baulückengrundstücken fällt, die in der Regel günstiger sind oder auch von Städten bezuschusst werden. Das ist keine schlechte Entwicklung, schon weil Klimaanpassung im Bausektor ohne Sanierung der bestehenden Gebäude – in Deutschland knapp 40 Millionen Wohneinheiten, davon 50 Prozent aus den Jahren vor 1977 – gar nicht herum kommt.

„Dörfer“ auf Dächern

Gibt es eine stärkere Polarisierung: das formal interessante Bauen für die oberen und obersten Preissegmente, ein alle Anforderungen berücksichtigendes, formal reduziertes Bauen für die investitionsbereite Breite – und ein betont modul-orientiertes Bauen für die Masse?

Ästhetisch spektakuläre Bauten sind keineswegs nur im obersten Preissegment zu finden. Interessant wird es, wenn Baubestand genutzt und transformiert wird wie es zum Beispiel die Volkswohnung in Karlsruhe getan hat, indem sie „Dörfer“ auf Dächer setzte. Insgesamt sind Dachaus- und -aufbauten eine hervorragende Möglichkeit, die Identität einer Stadt lebendig zu halten. Neubaugebiete zeichnen sich eher nicht durch starken Innovationscharakter aus. Sie binden und verbrauchen, im Gegenteil, zu viele Ressourcen für zu wenige Bewohner. Wir würden grundsätzlich nicht zwischen „investitionsbereiter Breite“ und „Masse“ unterscheiden. Die Trennlinie verläuft unseres Erachtens nicht zwischen den von Ihnen beschriebenen drei „Segmenten“, sondern zwischen dem Willen zu innovativem, nachhaltigem Bauen und dem Willen, möglichst bequem und kostengünstig zu bauen.

Bestand kreativ nutzen

Provozieren die hohen Kosten vielleicht gar mehr Kreativität?

Der Immobilienmarkt zeigt, dass Bestandsgebäude ebenfalls sehr begehrt sind. Ob sich hier die Bodenpreise niederschlagen oder bereits ein Mentalitäts- und Bewusstseinswandel eingetreten ist, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Carmen Mundorff unsere Geschäftsführerin für die Bereiche Architektur und Baukultur, sagt hierzu: „Man kann auch aus einem 1970er-Jahre-Haus baukulturell etwas Wertvolles machen. Da setzt langsam ein Imagewandel und ein anderes Bewusstsein bei den Bauherrschaften ein.“

Zusammen bauen, zusammen leben

Gibt es konkrete Beispiele?

Durch die Hochpreisphase wird auch wieder mehr in Nachbarschaften gedacht, etwa durch Zusammenschlüsse zu Baugemeinschaften und Baugenossenschaften. Auf diese Weise entsteht in einer Stadt elementarer, sozialer „Kitt“.

Die Architektenkammer ist auch beratend tätig. Werden spezielle Schulungen etwa zur Beherrschbarkeit immer höherer Fixkosten verstärkt nachgefragt?

„Die Fortbildungsrubrik Kostenplanung und damit der professionelle Umgang mit Kostensteigerungen ist einer der wichtigsten und bestnachgefragten Bildungsbereiche in der Architektenkammer“, sagt Peter Reinhardt, Leiter des Instituts Fortbildung Bau der Architektenkammer Baden-Württemberg. Aktuell werden die Online-Seminare „Baukosten: Ermittlung und Prognose“, „Kostenplanung kompakt“, „Einführung in die Kostenplanung“ sowie im Juni und Juli ein siebentägiger Lehrgang Kostenplanung angeboten.

Wie viel Wohnraum brauchen wir?

Der bisherige Siedlungsneubau reagiert auf die steigenden Preise durch immer neue Absenkungen von Hausbreiten. Werden auch die vier Meter demnächst ganz selbstverständlich unterschritten?

„Man muss nur in die Geschichte zurückgehen, als Mangel an Wohnraum die Leute zu engen Grundrissen zwang. So ist es heute wieder, auch weil die Wohnflächen Pro-Kopf sich fast verdreifacht haben seither“, sagt Carmen Mundorff. Und: „Das Schlagwort lautet Suffizienz: Wieviel Wohnraum braucht der Mensch? Es gibt viele Beispiele, dass sich auch mit kleineren Wohneinheiten hervorragende Wohnlösungen umsetzen lassen.“

Abrisskosten nicht verschleiern

Das Bauen im Bestand ist bereits angesprochen. Die Architektenkammer sieht dies offenbar positiv. Aber zumindest im Bereich Mehrfamilienhaus zwischen drei und sechs Wohnungen scheint Abriss unausgesprochen das Mittel der Wahl.

Gebaut wird für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Wenn jemand bauen will, wird er dies tun. Die Architektinnen und Architekten können Angebote machen, aber letztlich entscheidet der Investor beziehungsweise die Bauherrschaft. Dass Abriss häufig als Mittel der Wahl angesehen wird, ist nicht auf den Rat der Planerschaft zurückzuführen, sondern auf die noch immer ausstehende Lebenszyklus- und Kreislauffähigkeitsbewertung von Immobilien. Solange die Abrisskosten nicht validiert sind als Gegenrechnung zu den Baukosten, wird es Abriss geben. Und in wenigen Einzelfällen ist es aus Gründen der Kontaminierung oder Statik auch angezeigt.

Holz ist das Material der Wahl

Im Zuge der Energiewende heißt es, Deutschland müsse Innovationstreiber sein. Aus Sicht der Kammer: Wie schnell brauchen wir bau(stoff)technologische Innovationssprünge, um Architektinnen und Architekten über zeitgerechte Materialien und Verfahren weitere Gestalt-Spielräume zu geben?

Es gibt sie schon, die stofftechnologischen Innovationen. „Zeitgerechtes Material“ ist Holz! Bauen mit Holz ist heute in einer Komplexität möglich, die früher dem Massivbau vorbehalten war. Großformatige Geschossdecken zum Beispiel können heute entweder durch einen Beton- oder Stahlkern im Holz hergestellt werden.

„Da ist noch viel Potenzial“

Provoziert dies nicht neue Mehrkosten?

Holzbau ist keineswegs teurer, ist aber grundlegend anders und aufwendiger zu planen als Massivbau und braucht intensivere Vorprüfungen und Planungen. Die Bauwirtschaft denkt schon um: Beton kann extrem dünn verbaut werden durch Beigabe von Carbonfasern. Insgesamt stehen die faserbasierten Stoffe aber tatsächlich noch nicht in Marktreife zur Verfügung. Ebenso Baustoffe aus Pilzmycel oder Algen. Da ist noch viel Potenzial.

Architektenkammer

AKBW in Kürze
Die Architektenkammer Baden-Württemberg ist Serviceunternehmen, Interessenvertretung und Kontrollinstanz für ihre rund 26 100 Mitglieder aus den Bereichen Hochbau, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur sowie Stadtplanung. Präsident ist Markus Müller. Zentrales Forum der Architektenkammer ist das Haus der Architektinnen und Architekten in Stuttgart (Danneckerstraße 54). Diese Landesgeschäftsstelle, gelenkt von Hauptgeschäftsführer Hans Dieterle, gliedert sich in die vier hauptamtlichen Geschäftsbereiche Verwaltung und Finanzen, Recht und Wettbewerb, Architektur und Baukultur sowie das Institut Fortbildung Bau.