Tobias Wulf lobpreist in unserer Reihe „Ein Architekt zeigt seine Stadt“ ein Haus mit Hüftschwung von Rolf Gutbrod. Zugleich spart der Architekt nicht an Kritik an Stuttgart und bemängelt den fehlenden „Willen zu internationaler Strahlkraft“.
Drei gute Gründe finden sich für eine Verabredung vor der Stuttgarter Liederhalle, um über Architektur und die Stadt zu sprechen. „Ich bin fast genau gleich alt wie das Gebäude“, sagt Tobias Wulf und lacht während er an der Treppengeländer lehnt, um sich fotografieren zu lassen, „und ich gehe seit fünfzig Jahren in die Liederhalle und haben da schon großartige Konzerte etwa von Martha Argerich und sogar von Yehudi Menuhin erlebt. Außerdem sitze ich in meinem Büro Luftlinie kaum 100 Meter entfernt davon und es lässt nicht nach, dass mir das Gebäude gefällt: diese total lässige Komposition mit seinen drei Volumen, die fast patchworkartig zusammengestellt sind, wobei jedes seinen eigenen Charakter bewahrt.“
Bevor der Architekt in sein Büro im Bosch-Areal bittet, muss das 1956 eingeweihte Konzerthaus von allen Seiten bestaunt werden. Die Glasbausteine, den Sichtbeton, den Materialmix, die geschwungene Linienführung in den Innenräume. Interessant, sagt Tobias Wulf, sei auch die Entscheidung gewesen, den Haupteingang nicht zur Hauptstraße, der Schlossstraße, hin zu entwerfen.
„Es ist vielleicht keine Weltarchitektur, aber weit über Stuttgart bekannt. Und der Mozart- und der Beethovensaal sind von innen Weltklasse, die asymmetrische Saalform mit aufschwingender Empore habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.“ Wie er die später gebaute Konzerthalle und das Kino neben der Liederhalle findet? Ein vielsagendes Lächeln, mehr sagt er nicht dazu. Lieber schwärmt der Architekt bei einem kurzen Blick ins Innere des Gebäudes von den fließenden Räumen, der Galerie, den Foyertreppen, „die da im Gebäude zu schwimmen scheinen“.
Einmal rundherum steht man an dem nicht eben belebt wirkenden Platz. „Man spürt die Tiefgarage darunter“, vermutet Tobias Wulf. „Wir haben einmal mit Studierenden Pläne für ein Konzerthaus auf dem Platz erarbeitet. Ich finde das von der Lage her immer noch nicht ganz falsch.“ Angesichts der aktuellen zähen Debatten um Sanierung und Neubauten im Kulturbereich – von der Oper bis zur Villa Berg – ist da vermutlich wenig zu hoffen.
„Ich stelle eine Mutlosigkeit und einen Mangel an Visionen in der Stadt fest. Auch fehlt es am Willen zu internationaler Strahlkraft, an Gebäuden wie der Staatsgalerie“, findet der Architekt: „Stirling hat das ganz cool gemacht – die Frage zu beantworten, wie der Hang in die Stadt kommt. Allein die Treppen von der Urbanstraße hinunter zum Museum zu gehen, das ist ein tolles Erlebnis. Auch den Blick von der angehobenen Fußgängerpromenade über die Straße hinweg und hinüber in den Park und zur Oper zu ermöglichen, fand ich überzeugend gelöst.“
Überhaupt die besondere Topografie, dass man immer wieder etwas entdeckt beim Spazieren durch die Stadt, mache Stuttgart besonders. Auf einer der diversen Halbhöhenlagen wohnt der Architekt selbst. Dass in der Nachbarschaft und in anderen schönen Lagen der Stadt alte Villen vor dem Abriss stehen, ärgert Tobias Wulf. „Unter dem Deckmantel neue Wohnungen zu erstellen, werden häufig vor allem Investments geschaffen, die oft sogar leer stehen.“
Doch was tun, wenn die fraglichen Gebäude eben nicht durch Denkmalschutz vor dem Abriss bewahrt werden. „Die Investorenfreundlichkeit ist groß. Die Stadt könnte sich stärker positionieren in Sachen Abriss und Erhalt“, sagt Wulf. „Auch man wenn 80 Jahre nach Kriegsende merkt, dass der Erhalt einen höheren Stellenwert einnimmt, ist die Mentalität ist immer noch so, dass größerer Widerstand beim drohenden Abbau von ein paar Autostellplätzen herrscht als beim Abriss alter Gebäude“, so Wulfs Eindruck.
Stuttgart – die Abrissstadt
„Hier in Stuttgart hat man länger Bedeutendes abgerissen als anderswo.“ Sein Büro arbeitet unter anderem im Bestand, seit 15 Jahren etwa saniert das Büro die Kaserne in Sonthofen. Jüngst wurde ein Um- und Neubau einer Schule in Gerlingen fertig.
Mit allerhand hadert Wulf, auch mit den wenig variierenden Zusammensetzungen von Preisgerichten bei städtischen Architekturwettbewerben, dem fehlenden Mut, Vorschriften zu hinterfragen. Gleichwohl ist der in Frankfurt am Main geborene Tobias Wulf in der Stadt geblieben: „Mit der Mentalität habe ich mich nie richtig anfreunden können, aber ich bin trotz allem gerne hier“, sagt der Architekt.
Er hat nach dem Architekturstudium in Stuttgart und Arbeitsaufenthalten etwa bei Auer Weber sowie bei Faller + Schröder, die unter anderem in den 1960ern den Rahmenplan für den Stuttgarter Stadtteil Neugereut erstellt hatten, sowie bei Gottfried Böhm in Köln, dann doch in Stuttgart sein Büro eröffnet.
„Es ist wichtig, wo man seine ersten Erfahrungen macht, Faller und Schröder waren keine Mainstream-Architekten, und bei Böhm war es so , dass er immer alles anders entschieden hat als ich es entschieden hätte, aber genau das kann auch helfen. Ich habe da viel gelernt, auch anders zu denken“.
Das zeigt sich auch in der Arbeit des Büros. Auch bei Neubauprojekten wird immer wieder experimentiert, auch ästhetisch, so wie bei dem derzeit entstehenden Gebäude in der Reutlinger Altstadt, wo gläserne Ziegel bei der Fassade zum Einsatz kommen, sei es die Versuche nachhaltig rezyklierbar zu entwerfen wie beim Feuerwehrhaus in Straubenhardt, sei es die Kooperationen mit Wissenschaftlern wie jetzt bei mehreren Bauvorhaben, bei denen Fotovoltaik als Fassade genutzt werden soll.
Fassade aus Oblaten
Manchmal tut es heute auch eine Fassade aus Oblaten, wie bei einem Wettbewerb für eine Stuttgarter Designfirma, wo das beste Gebäude aus Lebkuchenteig hergestellt werden sollte. Das Büro gewann mit einer Stadionkalorienbombe mit Oblatenfassade. Um nach Genuss selbiger nicht zuzunehmen, müsste man wohl einige Runden in einem wirklichen Stadion laufen.
Auf die Zusage für erste Aufträge allerdings, erinnert sich der Architekt, hat er in seiner Wohngemeinschaft gewartet, wo er im kleinsten Zimmer der Wohnung eine Bleibe hatte und neben seiner Arbeit im Büro an Wettbewerben arbeitete. „Ich habe meinen Mitbewohnern immer gesagt: Meldet euch mit Büro Wulf“, sagt er lachend.
An einem Freitagabend war es so weit, der Bürgermeister von Mössingen rief an, der damals dreißigjährige Architekt hatte den Wettbewerb für den Bau eines Pflegeheims gewonnen. „Bei der Vorstellung im Rathaus habe ich dann den Modellbauer mitgenommen, damit ich nicht so nach Einmannbüro aussehe.“
Lange her. Aus dem ersten Büro, 1987 gegründet in einer Dreizimmerwohnung in Möhrengen, ist längst ein loftartig großes Büro in der Innenstadt geworden. Annika Wulf, seine Ehefrau, ist Leiterin des PR-Teams, und inzwischen führt wulf architekten auch in Berlin ein Büro, wo sich Wulf stärker engagieren will. „Wir haben dort einen Wettbewerb gewonnen und dann mit einem ehemaligen Mitarbeiter, der gerne zu uns zurückgekommen ist, eine Zweigstelle eröffnet“. Und in Basel, wo der Sohn Gabriel bereits arbeitet, hat das dritte Büro derzeit gleich mehrere größere Projekte am Start, darunter einen Hochschulcampus in Bern.
Es fehlt an Mut bei Bauherrschaften
Unter der Baukrise und gestoppten Projekten leide sein Büro nicht so sehr, sagt er. Dank des vielseitigen Portfolios von Schulen bis zu Kasernen und der Lust am Experiment. Aktuell arbeitet das Büro gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut an Gebäuden mit Fotovoltaik-Fassaden, die Cradle-to-Cradle Feuerwehr in Straubenhardt bei Pforzheim hat unzählige Preise gewonnen. Hat dieses gute Vorbild für komplette Rezyklierbarkeit Nachfolgeprojekte ergeben?
Aufträge für Feuerwehren ja, doch was Experimente wie zirkuläres Bauen betrifft, das einigen Mehraufwand erfordert, wird es schwierig. „Viele sagen, sie hätten auch gerne Cradle-to-Cradle, dafür muss man aber Geld und Zeit investieren. Manchmal wird dann doch lieber auf bewährtes Neubauen zurückgegriffen, wenn die Bauämter sich davor fürchten, Neues zu wagen.“
Doch genau da liegen die Herausforderungen beim Entwerfen und Bauen: „Mut ist wichtig, eine Vision, nach vorne denken zu wollen, auch wenn es teilweise noch Utopien sein mögen. Dabei ist auch der Blick in die Vergangenheit wichtig: Alte Schulen aus der Jahrhundertwende mit hohen Räumen und dicken Wänden und großen Fenstern wie sie etwa Theodor Fischer entworfen hat, seien viel nachhaltiger als manche Gipskartonschachtel, die heute entsteht.
Maßanzüge für den gerade aktuellen Raumbedarf etwa einer Behörde, einer Schule oder eines Wohnhauses zu entwerfen, sei nicht der richtige Weg. Tobias Wulf sagt: „Ein gutes Gebäude ist stimmig, wenn es viele Nutzungen aufnehmen kann.“
Bei allen Anforderungen an möglichst klimafreundliches Bauen, kommt da die Ästhetik zu kurz? „Der Begriff muss gedehnt werden, auch im Um- und Weiterbauen, wenn alte Gebäude in einen neuen Kontext gesetzt werden, sind ästhetische Aspekte wichtig und eine architektonische Herausforderung.“ Und auch da müssten Kriterien für gute Architektur beachtet werden: „Stimmigkeit des Äußeren und Inneren. Konstruktion, Licht Material müssen passen. Gut ist Architektur, wenn sie lange schön, flexibel ist und eine eigene Stärke besitzt.“ So wie das Konzerthaus mit Hüftschwung, das der Architekt zur Inspiration täglich vor Augen hat.
Info
Büro
Das Büro Wulf Architekten wurde im Jahr 1987 von Tobias Wulf in Stuttgart gegründet. In den Standorten in Stuttgart, Berlin und Basel sind rund 150 Mitarbeiter aus 30 Nationen beschäftigt.
Aktuelles
Derzeit arbeitet das Büro unter anderem an einem Neubau in der Reutlinger Altstadt, hat jüngst den Um- und Weiterbau einer Realschule in Gerlingen fertig gestellt und 2024 einen Wettbewerb für ein Klinikgebäude in Luzern gewonnen. Der Umbau einer Kaserne in Sonthofen beschäftigt das Büro seit über zehn Jahren.
Auszeichnungen
Preise gab es für ein Büro- und Geschäftshaus in Stuttgart („Beispielhaftes Bauen“, verliehen von der Architektenkammer). Das rezyklierbare Feuerwehrhaus in Straubenhardt hat die Hugo-Häring-Auszeichnung des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) sowie den Fritz-Bender-Baupreis erhalten und war für den DAM-Preis nominiert. Das Sportzentrum Schulcampus Überlingen am Bodensee wurde mit einem Hugo-Häring-Preis des BDA ausgezeichnet. Die Mensa und Mediathek des Berufsschulzentrums Nord in Darmstadt erhielt die Auszeichnung Vorbildlicher Bauten im Land Hessen 2023 – Staatspreis für Architektur und Städtebau. Ganz frisch gewonnen hat der Büro den Wettbewerb zum architektonisch besten Lebkuchenhaus in Stuttgart. Die Ausstellung zum Wettbewerb ist im Smow in der Sophienstraße 17 noch bis 21. Dezember (Mo – Sa 10-18 Uhr) zu sehen.