Stefan Behnisch wählt in unserer Reihe „Ein Architekt zeigt seine Stadt“ ein spektakulär unspektakuläres Stuttgarter Gebäude. Im Schatten der Milchbar von Rolf Gutbrod spricht er über Architektur und sagt, warum die Staatsgalerie „eine ganz schwache Nummer“ ist.
Das schwarze E-Bike steht schon da, lässig ans Geländer gelehnt. Der Architekt spaziert die geschwungene Treppe hinunter und winkt zum Hallo, er hat bereits einen guten Platz fürs Gespräch gefunden. Oben auf der Rückseite ist es schattig. – Wobei das Gebäude so ein Gesamtkunstwerk darstellt, dass man von Vorder- und Rückseite nicht wirklich sprechen mag. Die Milchbar ist es also geworden – ein Gebäude sollte sich der Architekt für die Begegnung aussuchen, das er besonders gelungen oder missraten findet und das etwas über die Stadt aussagt.
Bevor er über die Architektur spricht, spricht er über den Architekten und seine eigene Familien- und Berufsgeschichte. Väter und Söhne sind ja nicht nur in der Literatur bei Iwan Turgeniew ein Thema, sondern auch in der Realität. Erst recht, wenn Vater und Sohn den selben Beruf haben und der Vater sehr erfolgreich war und sich nicht nur mit dem Olympiastadion in München ins kollektive Architekturgedächtnis (nicht nur der Experten) eingeschrieben hat.
Stefan Behnisch, 1957 in Stuttgart geboren und selbst längst Vater, geht lässig mit dem Thema Günter Behnisch um, spricht darüber, dass er zwar zunächst im Büro des Vaters gearbeitet und sogar einmal ein kleines Außenbüro in der Türkei geleitet habe. Architektonisch habe man sich nahe gestanden, nur die persönliche Zusammenarbeit lief nicht immer reibungslos, war schwierig: „Wir haben nicht gut, aber lange zusammengearbeitet. Wir haben uns gegenseitig in Ruhe gelassen, so ging es“, sagt der Architekt. „Unterstützt hat er mich sehr, als ich mich selbstständig gemacht und mein eigenes Büro aufgebaut habe.“ Das Bollwerk war eines der ersten größeren Projekte, inzwischen gibt es Projekte in vielen Ländern auch außerhalb Europas und ein Büro in den USA.
Schon wenige Minuten, nachdem das schattige Plätzchen gefunden ist, spricht Stefan Behnisch von seinem Vater, der bei Rolf Gutbrod studiert und gearbeitet habe, weshalb auch er selbst Gutbrod persönlich kannte. Wie er war, also Gutbrod? Stefan Behnisch lächelt. „Er hat den Raum gefüllt, er hatte einen gewinnenden Charakter“, sagt der Architekt. „Er war beeindruckend klar, auch in seiner Gestaltung. Er hat Stuttgart und die Region sehr geprägt. Und gut Geige spielen konnte er auch.“
Nach der „Stuttgarter Schule“, die sich als Gegengewicht zur Bauhaus-Architektur positioniert hatte, wobei ihre Vertreter „nicht alle unbefleckt“, so Behnisch, die NS-Zeit überstanden haben, „hat Rolf Gutbrod einen liberalen, heute würde man besser sagen, freieren Geist in die Architektur einziehen lassen“. Gebaut wurde die Milchbar 1950 – „überlegen Sie, fünf Jahre nach dem Krieg, und das in dem Park mit seiner Geschichte.“
Die Geschichte – dass 1939 die „Reichsgartenschau“ auf dem Killesberg stattfand und 1941 die Killesberghallen als Durchgangslager für die jüdischen Mitbürger aus Württemberg benutzt wurden und jüdische Mitbürger vom Park aus in den Tod geschickt wurden. So spiegelt der Ort vieles, dunkelste Geschichte der Stadt und der Versuch eines Neuanfangs.
Entwerfen mit der Landschaft
Der Bau von Rolf Gutbrod schmiegt sich fast schon bescheiden in den Hang, öffnet sich gläsern in Richtung Stadt. Ein Entwurf, der auch Einfluss auf die eigene Architekturauffassung spiegelt. „Ich schätze die Leichtigkeit und Klarheit des Entwurfs. Und die Idee, dass man mit der Landschaft entwirft, nicht gegen sie“, zum Beispiel. „Wir haben heute ja oft so eine Kistenarchitektur“, sagt Stefan Behnisch, „bei der alles integriert und zusammengebacken wird. Mir gefällt, dass alle Elemente des Hauses ihren eigenen Charakter haben und sich durchsetzen, scheinbar einen eigenen Willen entwickeln konnten.“
Der Sockel aus rotem Sandstein, die Glaswände, die Stahlträger, das Wellblechdach. Alles für sich, das doch ein ästhetisches Zusammenwirken darstellt – Solomusiker, die ein Kammerkonzert geben. Die frühe Bekanntschaft mit einem der wichtigen Architekten der Nachkriegszeit hatte indes nicht unbedingt den Wunsch, selbst Baumeister zu werden, zur Folge. „Ich wollte Journalist werden und studierte in München an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Nur die letzte Vorlesung im Semester, wenn sie alles doch auf Gott zurückführten, die ließ ich aus“, sagt Behnisch mit einem Lachen.
Die bekanntesten Bauten von Stefan Behnisch
- Das Bollwerk am Berliner Platz
- Das Dorotheen Quartier in Mitte
- Die Waldorfschule an der Uhlandshöhe in Stuttgart.
- Die Adidas World Of Sports ARENA in Herzogenaurach,
- Die Harvard University Science and Engineering Complex (SEC) in den USA
Architekturstudium in Karlsruhe
Es folgte dann noch ein Jahr parallel VWL an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und die Abschlussarbeit über Kant war schon in Arbeit, doch da keimte doch ein Wunsch auf: Architektur. Warum? Es gab viele Freunde, die Architektur studierten und Lust aufs Entwerfen machten. „Ich habe dann eine Art Lotto gespielt“, sagt Stefan Behnisch. Stuttgart, München und Berlin kamen aus verschiedenen Gründen nicht infrage, aber Karlsruhe. „Dort lehrten zwei Professoren, Ottokar Uhl und Fritz Haller, die ich interessant fand. Und sagte mir: entweder klappt es dort oder ich werde doch Journalist.“
Bei Haller beeindruckte ihn seine analytische und rationale Herangehensweise, bei dem Österreicher Uhl habe ihm der partizipatorische Gedanke gefallen – demokratisches Gestalten, auch ein Credo in der Architektenfamilie Behnisch. Der Vormittag schreitet voran. Immer noch ist es im Innenhof des heute häufig als Feierort gebuchten Milchbar angenehm kühl, die kleine Bahn tuckert vorbei („mit der bin ich als Kind auch gefahren“, sagt Stefan Behnisch), da mäandert das Gespräch munter zwischen ersten Berufsschritten in den USA – „eine bereichernde Zeit, doch dort leben wollte ich nicht, ich bin Deutscher und ich glaube an unseren Gesellschaftsvertrag. In den USA herrscht doch immer noch stark das Naturrecht“ – und Stuttgart als Lebensort.
„Ja, Hamburg und München hat bessere, auch meist interessantere zeitgenössische Architektur. Und die Stadt ist ein bisschen langweilig“, der Architekt macht eine Kunstpause und sagt dann: „Aber man lebt unheimlich gut hier.“ Auch wenn „Stuttgart schon ein Händchen hat, Architekten bei großen Projekten viele Steine in den Weg zu legen.“
Allerdings, auch das betont er, sei es Sache der Architekten, für ihre Entwürfe einzustehen, manchmal „springt man zu kurz“, auch weil die Kraft fehlte oder vielleicht, weil man müde geworden sei oder einfach nicht genug aufgepasst habe, den Bauherren doch vom innovativen Entwurf zu überzeugen. „Aber hinterher zu erklären, warum etwas nicht gut geworden ist, das interessiert keinen.“ Immer noch schwingt leichter Ärger in seiner Stimme mit, wenn er etwa über die Einzelbüros in den oberen Geschossen im so wichtigen Stuttgarter Stadtbaustein Dorotheen Quartier spricht, auf denen das Ministerium bestanden hat. Heutige Arbeitswelten sähen anders aus.
Ökologisches Bauen als Herausforderung
Heutige Anforderungen an Architekten auch: Sie haben häufig mit nachhaltigem, ökologischen Gestalten zu tun, weniger mit formalen Fragen. Nicht ganz, korrigiert der Architekt. „Wenn wir, wie in Hamburg erst einmal die Abfallpläne der Stadt studieren, weil wir möglichst viel altes Material verwenden wollen, entwickelt sich daraus ganz automatisch eine neue, eine andere Formensprache, das ist spannend.“ Ökologisches Bauen und die Gebäude mit erneuerbarer Energie betreiben, das ist nicht wirklich neu für sein Büro. Das Bewusstsein dafür ändere sich aber nur langsam. „Die Deutschen hassen Veränderungen.“
Vor Jahren, sagt er, „und das habe ich nur einmal gemacht, weil ich hoffte, wir würden dann vom Auftrag entbunden“, habe er während des Baus eines Gebäudes für die World Intellectual Property Organisation, ein Teil der UN in Genf, verärgert ein Zeitungsinterview gegeben. Der Auftraggeber spreche zwar über Kampf gegen Klimaveränderungen, baue selbst aber nicht ökologisch. Statt einer Kündigung gab es einen neuen Auftrag, eine Konferenzhalle. „Die sagten, dann zeigt, was ihr könnt.“ Ein vielfach prämierter Holzbau war die Antwort.
Allerdings sind dies eher Debatten praktischer und weniger theoretischer Art. Seit der Postmoderne und dem Dekonstruktivismus hat es keine neue ernsthafte theoretische Architekturdebatte gegeben. „Allerdings, die Postmoderne – das war eine ganz schwache Nummer, auch die Staatsgalerie. Schauen Sie sich die Innenräume an, furchtbar. Und diese grauenhaften Dächle und die scheinbar herausgebrochenen Steine“, sagt der Architekt mit vergnügtem Lächeln.
Heute herrsche nun eher eine Art „minimalistischer Rationalismus“. Begeistert klingt das nicht. Und schaut man sich das Stuttgarter Dorotheen-Quartier an oder auch die Waldorfschule, das jüngste Stuttgarter Bauwerk aus dem Hause Behnisch, ist dort nicht zu viel Lust am rechten Winkel und Minimalismus zu spüren. Warum 90 Grad eine Tugend seien und 91 Grad nicht, sei ihm ein Rätsel.
„Wissen Sie,“ sagt er zum Ende des Gesprächs schon auf dem Weg zu seinem E-Bike, mit dem er auf einen anderen Hügel der Stadt radelt, auf dem er wohnt, „mir hat einmal ein Kollege vorgeworfen, ich würde keine Räume schließen. Warum auch? Ein Gebäude ist keine Ansammlung von geschlossenen Zimmern, sondern eine Abfolge von Räumen.“ Und reagiert auf die Umwelt, auf die Geschichte, die Menschen.
Selbst entwirft Stefan Behnisch nicht mehr, er hat das Geschäft an die nachfolgende Generation übergeben. „Ich bin 67 und fand es wichtig, frühzeitig meinen Ausstieg aus der Partnerstruktur zu organisieren.“ Beratend sei er „noch ein bisschen“ unterwegs –einen Gastbeitrag schreibend, einen Vortrag haltend und urteilend in Preisgerichten und Jurys zu Architektenwettbewerben, wo er gern mal ein Veto einlegt, wenn etwas als „minimalistisch“ oder „diszipliniert“ gepriesen wird. „Das mögen manche als persönliche Tugenden begreifen, als Kriterien in der Architekturdebatte sind solche Sekundärtugenden untauglich.“ Der Baukultur im Land kann so ein Veto nur guttun.
Dieser Text erschien erstmals am 15.08.2024.
Architekt aus Stuttgart
Architekt
Stefan Behnisch wurde 1957 in Stuttgart geboren, studierte Philosophie, Volkswirtschaft und Architektur. Behnisch Architekten wurde 1989 als Zweigstelle von Günter Behnischs Büro Behnisch & Partner gegründet. Das „Stadtbüro“, wie diese Niederlassung genannt wurde, wurde 1991 zu einem unabhängigen Unternehmen mit eigener Partnerschaftsstruktur und eigener Geschäftstätigkeit und wird seit 2005 unter dem Namen Behnisch Architekten geführt. Stefan Behnisch hat sich aus den Geschäften verabschiedet, das Büro wird gemeinschaftlich von der Partnerschaft geführt, zu der Jörg Usinger, Michael Innerarity und Florian Waller in Stuttgart, Robert Matthew Noblett, Erik Hegre und Christine Neapolitano in Boston, Florian von Hayek, Maria Hirnsperger und Stephan Leissle in München sowie Angie Müller-Puch in Weimar gehören.
Lehrer
Dependancen von Behnisch Architekten sind in Los Angeles (1999), Boston (2006) und München (2008). Stefan Behnisch lehrte unter anderem in Portsmouth, Nancy und Austin und war Gastprofessor unter anderem an der Yale School of Architecture, der École Polytechnique Fédérale de Lausanne, der TU Delft und der TU München. 2007 wurde er mit dem „Global Award for Sustainable Architecture“ ausgezeichnet und 2013 erhielt er den „Energy Performance + Architecture Award.