Der filigrane Steg von Werner Sobek über die B 14 Foto:  

Wie geht es weiter mit der B 14 in Stuttgart und der Kulturmeile. Der bekannte Stuttgarter Architekt und Bauingenieur Werner Sobek hat einen filigranen Steg entworfen und fordert von der Stadt mehr Mut.

Stuttgart - Das goldene Band“ nennt Werner Sobek seinen Entwurf. Doch der Stuttgarter Architekt fordert angesichts der Verkehrswende auch eine ganz neue Sichtweise.

Herr Professor Sobek, wir veröffentlichen auf dieser Seite eine vom Staatsministerium beauftragte Visualisierung mit einem Steg. Das basiert auf Überlegungen von Ihnen?
Es stimmt, die Idee zu diesem Steg stammt von mir. Die Grundidee ist, dass man ein Kunstwerk errichtet, das nicht nur äußerst attraktiv ist, sondern das durch seine Begehbarkeit gleichzeitig auch funktional ist. Die Menschen sollen sagen: da muss ich einfach hingehen, auch wenn ich eigentlich gar nicht über die Straße will.
Wie sieht der Steg aus?
Er besitzt nicht nur technologisch, sondern auch ästhetisch eine herausragende Qualität. Das Kunstwerk ist stützenfrei, ultradünn und schwingt sich mit einer golden schimmernden Metallbeschichtung wie ein Flugzeugflügel über die Straße. Das Geländer ist aus Glas. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob das nicht funktionieren kann. Aber ich versichere Ihnen: Es funktioniert, meine Mitarbeiter gehören schließlich zu den besten Ingenieuren der Welt.
Warum funktioniert’s?
Der Steg hat die Struktur eines Flugzeugflügels. Im Inneren sind extrem dünne Bleche gespannt. Der Steg führt von der Oper hinüber zum Platz vor der Musikhochschule, zwischen dem Haus der Geschichte und der Staatsgalerie. Der Parkplatz vor dem Landtag würde wegfallen; man müsste die Einfahrt in die Landtagstiefgarage verlegen und um 90 Grad drehen. Diese Arbeiten könnte man vorab erledigen – dann wäre die Basis dafür geschaffen, die Skulptur innerhalb weniger Tage montieren zu können. Am Straßenraum selbst müsste nichts geändert werden.
Sie funktioniert für Fußgänger . . .
Ja, letztlich übernimmt die Skulptur auch die Funktion einer Fußgängerbrücke, die ebenso für Rad- und Rollstuhlfahrer geeignet ist. Aber es ist keine Brücke im klassischen Sinne. Unser Steg soll ein Attraktor sein, den man zwar betreten kann, den man aber noch viel lieber anschauen und berühren, ja sogar streicheln möchte, weil er so handschmeichlerisch ist.
Wie ist der Entwurf entstanden?
Ich habe lange gebraucht und über ein halbes Jahr daran gearbeitet. Ich bin viele Sonntage vor Ort gewesen und habe mich mit der Situation beschäftigt. So ist die Spirale entstanden, die meine exzellenten Ingenieure hier im Büro dann berechnet haben. Auslöser meines Entwurfs war ein Gespräch mit den Freunden der Staatsgalerie; diese beklagten, dass die Wegeführung zum Museum so schwierig sei, dass immer weniger Besucher kommen. Es gab ja verschiedene Ansätze für eine Brücke oder einen Steg. Für mich war aber klar: Das muss etwas anderes werden, atemberaubend schön, so dass niemand auf die Idee kommt, es wieder abzureißen, wenn der gesamte Bereich irgendwann mit einer Untertunnelung neu gestaltet wird.
Wie sehen Sie den Stand der Debatte?
Es gibt diese nicht enden wollende Diskussion über die Kulturmeile. Sie ist nach wie vor aktuell – aber im kommenden Jahr lobt die Stadt schon wieder einen Architekturwettbewerb aus. Gefühlt ist es der Siebenundvierzigste. Ich fürchte, es wird nichts Neues dabei herauskommen, weil es an den Vorgaben hapert.
Woran hapert es denn?
Wir haben kostenlos und als Bürger dieser Stadt 2006 auf Bitten von Ministerpräsident Oettinger und OB Schuster ein Konzept entwickelt, wie man die Konrad-Adenauer-Straße tiefer legen könnte. Das hätte damals rund 70 bis 80 Millionen Euro gekostet und wäre innerhalb kürzester Zeit zu realisieren gewesen. Heute können Sie die Tieferlegung nicht in Angriff nehmen, solange die S-21-Baustelle vorhanden ist. Das ist verkehrstechnisch nicht zu machen. Man kann die Tieferlegung also erst ab 2024/2025 umsetzen. Die Stadt macht aber jetzt einen Architektenwettbewerb, das heißt, man sucht heute Pläne für etwas, was man in sieben Jahren realisieren will.
Das ist doch nicht ungewöhnlich?
In diesen sieben Jahren wird sich der innerstädtische Verkehr dramatisch verändern, weil wir die mit Auspuff behafteten Autos nur noch in geringer Zahl haben werden. Wir werden überwiegend elektrisch und autonom fahren, und in kleinen Einheiten zusammenfahren. Das heißt doch, dass die Vorgabe für den Architektenwettbewerb ganz anders aussehen müsste.
Was meinen Sie konkret?
Bisher geht man davon aus, dass auch bei einer Tieferlegung für den Durchgangsverkehr oberirdisch zwei Spuren beibehalten werden müssen, um den innerstädtischen Verkehr aufzunehmen. Die Frage war nur: Legt man die beiden Spuren in die Mitte oder rechts und links an die Außenseiten. Ich sage aber: Man soll sie einfach ganz weglassen, man braucht sie nicht.
Nach städtischen Verkehrserhebungen benutzen täglich 40 000 Autos, die nicht Durchgangsverkehr sind, die Verbindung.
Wir wissen schon heute, dass der Verkehr dramatisch zurückgehen wird und muss. Wir werden beim autonomen Fahren viel dichter fahren können, und wir werden schon wegen der Luftschadstoffe den Verkehr reduzieren müssen. Nur wenn man eine kühne Vorgabe macht, bekommt man auch eine zukunftsfähige Lösung.
Das sehen viele in der Stadt anders?
Ich bin überzeugt, man kann den Verkehr dort wegkriegen. Sicher wird man sich wieder auf eine Verkehrszählung berufen, die feststellt, dass X-tausend Autos vom Charlottenplatz zum Neckartor fahren und einen Tunnel nicht benutzen. Das bezweifle ich nicht. Aber das ist doch nicht die Methode. Die richtige Frage ist: „Was will ich?“ – und nicht: „Was soll ich?“. Entscheidend ist die politische Zielvorgabe.
Was empfehlen Sie?
Wenn wir heute über künftige Lösungen diskutieren, müssen wir bedenken, dass es mindestens sieben Jahre dauert, bis eine Baumaßnahme wie die Untertunnelung fertig sein kann. Das heißt: Wir müssen heute skizzieren, wie wir uns die Stadt der Zukunft vorstellen. Architektonisches Schaffen heißt immer Antizipation dessen, was in fünf bis zehn Jahren sein wird. Gewiss, man kann schlimmstenfalls danebenliegen. Aber wir müssen uns dieser Aufgabe stellen. Dazu braucht es Mut, Ideen und Vorstellungen – und da reicht es nicht, einfach wieder einen städtebaulichen Wettbewerb auszuloben, obwohl in der Vergangenheit schon viele gute Vorschläge gemacht worden sind.
Mit dem Steg wollen Sie sofort eine Lösung?
Selbst wenn eine große Umgestaltung finanziert ist, kann sie erst 2024/2025 in Angriff genommen werden. Bis dahin brauchen wir einen großen Attraktor, damit die Staatsgalerie und andere Einrichtungen den Besucherschwund, der durch die unbefriedigenden Wegebeziehungen entsteht, unbeschadet überstehen. Das heißt, es muss mehr sein als eine hochfunktionale Brücke, es muss etwas sein, das niemand wieder abreißen will, weil es so schön ist.

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