Palmblättern nachempfunden: Gottfried Böhm hat das Hans-Otto-Theater in Potsdam 2006 entworfen Foto: ddp

Gottfried Böhm, der berühmte Kölner Architekt, konnte Ende Januar in geistiger und körperlicher Frische seinen 95. Geburtstag feiern. Als bisher einzigem deutschem Architekten war ihm 1996 in London der Pritzker-Preis, der Nobelpreis der Architektur, verliehen worden.

Stuttgart - Es war die Zeit, der Zeitgeist, der uns in den 1950er und 1960er Jahren zusammenführte. Wir hatten das Ende des Krieges und seines Schreckens 1945 beide bewusst erlebt. Und umgekehrt: Wovon alle geträumt hatten, Le Corbusier mit seinem Paris, Hilbersheimer mit Berlin, war eingetreten.

Wolf Jobst Siedler schreibt über diese Zeit: „Eine Zivilisation hatte sich 1945 selbst beseitigt. Den Himmel auf Erden wollten sie erobern, haben sie ­versprochen. Die Hölle war eingetreten. Nun konnten Städte, Gebäude für eine neue ­Gesellschaft gebaut werden. Das war die Chance der Generation, die nach 1945 kam. Den Söhnen fielen die Utopien der Väter zu, und zum ersten Mal waren sie in den Bereich des Machbaren gerückt“, doch „die Macht der Verhältnisse brachte die Ohnmacht des Gedankens zutage. Die Avantgarde, die Architekten waren ihrer eigenen Vision nicht gewachsen. Und: Am Mangel an ­Freiheit lag es nicht, wenn es misslungen sein sollte.“

Auf die ungeheuren Herausforderungen und Chancen gab man eine pauschale Antwort: keine Trauerarbeit. Der rasche quantitative Wiederaufbau wurde zum Nur-noch-Bauen. Darin drückte sich eine politisch genützte Haltung der westdeutschen Gesellschaft aus: keine Experimente.

Visionen hatte man keine, weder im Gedanklichen noch Gesellschaftlichen, noch gar in der Realität. Auch die Architekten waren ratlos, ohne Theorien, mit leeren Köpfen, Die Qualität im Entwerfen, in der Realität, im Alltag war ein seltener Glücksfall. Bestenfalls sah man und entwickelte sich überdurchschnittliche Durchschnittlichkeit.

Man hatte keine Ideen, weil man Angst hatte. Man hatte Angst, weil man keine Ideen hatte. Die entscheidenden Fragen blieben unbeantwortet, die Fragen und Träume der 1920er Jahre waren vergessen. Der Mehltau der frühen Bonner Republik legte sich über alles.

Doch dann kündigte sich, zögernd noch in den späten 1950er Jahren, drängend aber in den 1960er Jahren, die Spur einer Baukultur an, die nun wirklich gedanklich und vom Anspruch her dort versuchte anzuknüpfen, wo 1933 alles abgebrochen worden war: ein Bauen des Maßes, der anspruchsvollen, der leisen, manchmal auch lauteren Töne, des formalen und technischen Experiments, der Eleganz des Details.

Egon Eiermanns und Sep Rufs Deutscher ­Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1957 ist zu nennen, Günter Behnischs Schulbauten in den 1950er und 1960er Jahren. Auch Heinz Bienefelds subtile und bescheidene Wohnbauten in den 1960er Jahren. Natürlich Rolf Gutbrods, Frei Ottos und Fritz Leonhardts Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung Montreal 1967. Hans Scharouns Berliner Philharmonie Ende der ­1950er Jahre zudem, auch die Olympiastätten in München 1972 von Behnisch, Otto und anderen gehören dazu .

Wir sagen: Die Zeit vergeht. Wir sind es, die vergehen. Es sind die Orte, die länger bleiben als wir. Von Gottfried Böhm bleiben viele Orte. Seine skulpturalen Felsen aus Beton und Glas, die Godesburg 1959, das Bensberger Rathaus in Bergisch-Gladbach 1962, die Wallfahrtskirche in Neviges 1965, die als sein bedeutsamstes Werk gilt, und viele andere. Sie beeinflussten die Entwicklung, stachen aus der Masse der Durchschnittlichkeit meilenweit heraus und ­beeindruckten uns Jüngere. Sie zeigten, dass es viele Möglichkeiten gab, unserer Gesellschaft differenzierten Ausdruck zu geben.

Mit dem Ausdruck Expressionismus, wie es gelegentlich geschieht, wird man dieser Architektur nicht gerecht. Es sind weit ­darüber hinausweisende und auch über den Funktionalismus reichende Architekturen, die zeigen, dass qualifizierte Architekten mit ihren Beiträgen auf die mannigfaltigsten topografischen, historischen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen und Forderungen eingehen und Antworten geben können. In Stuttgart steht von Gottfried Böhm das 1983 errichtete Züblinhaus in Möhringen, in Ulm überzeugt seit 2004 die Bibliothekspyramide mitten in der Stadt,

Gottfried Böhm ist, im Gegensatz zu manch anderem Kollegen, wie es der kürzlich verstorbene, unvergessliche Manfred Sack ausdrückte, „ein mit Worten geizig umgehender Mann von eher scheuem Gebaren“. Nach einer Theorie befragt, die vor und hinter seinem Handeln stünde, antwortete er einmal: „Ich habe keine ausgesprochene, es sei denn die, möglichst gut und schön zu bauen.“ Und: „Gute Architektur muss sich selbst ergeben.“

Ich fühle mich an Kollegen erinnert, die auch keinen Wert auf Selbstdarstellung ­legen, zum Beispiel an diese beiden ­Schweizer – an Ernst Gisel, der das Fellbacher Rathaus konzipiert hat, an Peter Zumthor, der das so einzigartig bleibende Kunsthaus Bregenz plante.

Drei der Söhne Gottfried Böhms führen mit eigenen Büros die Tradition Böhm’scher Architektur fort. Der Film „Die Böhms – Architektur einer ­Familie“ wird in Kürze im Kino Atelier im Bollwerk in Stuttgart zu sehen sein. Und der Pritzker-Preis, diese weltweit beachtete Ehrung? „Sein hochbewegendes Werk“, heißt es in der Laudatio von 1996, „kombiniert vieles von dem, was wir ererbt haben, mit dem, was wir neu erworben haben – eine unheimliche und berauschende Verbindung.“

Gottfried Böhm selbst zeigt sich auch hier bis heute zurückhaltender. „Ein Gebäude“, ist er überzeugt, „ist für den Menschen Raum und Rahmen seiner Würde, sein Äußeres sollte dies reflektieren.“

Der Architekt Roland Ostertag lebt und arbeitet in Stuttgart.