Bei Sanierungsarbeiten am Kunstgebäude kommen Reste des Neuen Lusthauses zum Vorschein. Es ist ein Grundstein, der gelegt wurde, als ein Herzog höchstpersönlich an der Baustelle mit angepackt hat.
Stuttgart - Es ist ein Fund, mit dem niemand gerechnet hat. Entsprechend groß war die Überraschung, als am 14. Oktober vergangenen Jahres im Rahmen der umfangreichen Sanierung des Stuttgarter Kunstgebäudes die Bauarbeiter beim Aushub für die neuen Aufzugfundamente auf einen mächtigen Sandsteinquader im Erdreich stießen. Zwar war sowohl den baubegleitenden Experten vom Landesamt für Denkmalpflege (LAD) als auch dem für die Sanierung zuständigen Amt Stuttgart des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg völlig klar, dass an dieser Stelle am Schlossplatz bis 1844 einer der bedeutendsten Profanbauten der deutschen Renaissance, das sogenannte Neue Lusthaus stand. Doch mit einem Grundstein des berühmten Prachtbaus war schon deshalb nicht zu rechnen, weil ein solcher bereits beim Errichten des Kunstgebäudes im Jahr 1911 aufgetaucht war.
Stammwappen der Württemberger
Am Donnerstag hat nun die Landesdenkmalbehörde in Esslingen den 660 Kilogramm schweren Quader zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Der mehr als einen Meter lange und 80 Zentimeter breite Sandstein trägt die Jahreszahl 1584 und ist mit dem Stammwappen der Württemberger verziert. Genau in der Mitte des ockerfarbenen Steins befindet sich eine quadratische Vertiefung, in der nach dem Fund eine grünlich schimmernde Bronzeplatte zum Vorschein kam, wie Jörg Bofinger, Referatsleiter Operative Archäologie im LAD berichtet. In der Vertiefung fanden sich außerdem organische Reste, die möglicherweise von einem Lederetui stammen.
Bronzeplatte verrät kleines Geheimnis
Bemerkenswert: Die stark korrodierte Bronzeplatte, deren Inschrift mit Hilfe von Röntgentechnik teilweise sichtbar gemacht werden konnte, verrät auch gleich, warum es unter dem von Herzog Ludwig (1554–1593) erbauten Lusthaus einen zweiten Grundstein gibt. Denn der jetzt gefundene Quader war bereits Wochen vor der eigentlichen Grundsteinlegung, die am 23. Mai 1584 erfolgte, ins Erdreich eingelassen worden. Sogar die Uhrzeit ist bekannt: zwischen ein und zwei Uhr am Nachmittag. „Anlass war, dass am 30. März der erste Pfahl des Gebäudefundaments von Herzog Ludwig persönlich im Beisein seiner Ritterschaft in den Boden geschlagen worden war“, so Bofinger. 1699 Eichenpfähle sollten noch folgen. Neun Jahre später war der prachtvolle 34 Meter hohe Renaissancebau fertiggestellt.
Was steckt in Ledertäschchen?
Weil sich in den Archiven eine Umschrift der auf der Bronzeplatte verewigten Zeilen fand, konnte man die Bedeutung der Inschrift relativ schnell entziffern. Wie die Leiterin der Archäologischen Restaurierung im LAD, Nicole Ebinger, erklärt, seien die Reste des ebenfalls gefundenen Ledertäschchens so schlecht erhalten, dass sie nicht mehr gezeigt werden können.
Der Präsident des Landesdenkmalamts, Claus Wolf, betonte, dass mit der Entdeckung des zweiten Grundsteins „das Neue Lusthaus wieder in das Bewusstsein der Gesellschaft gelangt“. Wo und ob der Stein künftig öffentlich zu sehen sein wird, sei noch unklar, so Wolf. „Der Fund zeigt beispielhaft, wie wichtig authentische historische Quellen sind und welche Erkenntnisse durch die Arbeit der Denkmalpflege möglich sind“, unterstrich Christian Schneider, Ministerialdirektor im Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, der obersten Denkmalschutzbehörde im Land.
Prunkbau wurde abgerissen
Das Neue Lusthaus, das unter der Leitung des Renaissancebaumeisters Georg Beer Ende des 16. Jahrhunderts errichtet worden war, diente den württembergischen Herrschern bis zum Dreißigjährigen Krieg als repräsentatives Gebäude für Feste und Empfänge. 1750 wurde es zum Opernhaus umgebaut. Nach einem weiteren Umbau 1811 hat man das Bauwerk 1844 weitgehend abgerissen, um ein neues Theater an selber Stelle zu errichten. Ein Versuch, das Renaissance-Bauwerk wieder aufzubauen, scheiterte 1902 am nötigen Geld. Die letzten vorhandenen Reste des Neuen Lusthauses wurden schließlich 1904 im Schlossgarten wieder aufgebaut.
Wie Wolf am Donnerstag ankündigte, soll nach Abschluss der Sanierung die erste große Veranstaltung im Kunstgebäude „wahrscheinlich die große Archäologische Landesausstellung 2024 sein“.