Das berühmte Oseberg-Schiff wurde 1904 unter einem Grabhügel auf dem Oseberg-Hof zwischen Tønsberg und Horten in Norwegen, gefunden. In einer 834 angelegten Grabkammer waren hinter dem Mast des Schiffes zwei Frauen beigesetzt worden. Es ist bis heute der reichste und wichtigste Fund aus der Wikingerzeit. Foto: Wikipedia commons/Peulle/CC BY-SA 4.0

Mit ihren Drachenschiffen bereisten die Wikinger alle damals bekannten und unbekannten Meere, um zu plündern, zu erobern und Handel zu treiben. Hochrangige Tote bestatteten die Nordmänner in solchen Seglern. Im norwegischen Vinjeøra haben Archäologen zwei Bootsgräber entdeckt, die Rätsel aufgeben.

Oslo - Norwegische Forscher rätseln über die Verbindung zweier im Abstand von geschätzt 100 Jahren angelegten Bootsgräber aus der Wikingerzeit. Bei Ausgrabungen in Vinjeøra rund 500 Kilometer nordwestlich von Oslo waren die Wissenschaftler auf die Gräber eines Mannes aus dem achten und einer Frau aus dem neunten Jahrhundert gestoßen, wie der Archäologe Raymond Sauvage vom Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) sagte.

Das Kuriose: Das Boot mit der Frau war in das etwas größere Bootsgrab des etwa 100 Jahre zuvor bestatteten Mannes eingelassen.

Bootsgräber der Wikinger

Bootsgräber aus der Wikingerzeit wurden bereits häufiger im hohen Norden gefunden. Dieses sei jedoch speziell, sagte Sauvage. „Es ist besonders, weil wir zum ersten Mal wirklich klar sehen können, dass sie ein altes Grab wiederverwendet haben.“

Generationen nach dem Tod des Mannes sei sein Grab dafür vorsichtig ausgehoben worden, um die Frau in ihrer besten Kleidung und mit Schmuck behangen in dem neuen Boot zu begraben. Womöglich seien die beiden verwandt gewesen, sagte Sauvage. Der Mann sei unter anderem neben seinem Schild und Schwert beigesetzt worden, die Frau dann später unter anderem neben dem Kopf einer Kuh.

Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, warum die Wikinger so vorgegangen sind. «Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die es mehrere Antworten geben kann», sagte Sauvage. Womöglich seien die beiden verwandt gewesen. Dass es sich um Vater und Tochter handele, sei wegen des Zeitunterschieds nicht möglich. Wahrscheinlicher sei, dass es sich vielleicht um Großvater und Enkeltochter handle.

Das Schiff von Edøya

Erst kürzlich hatten norwegische Archäologen auf der Insel Edøya westlich von Trondheim die Überreste eines Schiffs ausfindig gemacht, das vermutlich aus der Wikingerzeit stammt. In einer Mitteilung des Bezirks Møre und Romsdal hieß es, es sei zu früh, das Schiff genau zu datieren, aber es sei sicher mehr als 1000 Jahre alt. Die NIKU-Archäologen hatten das Schiff im September mit Hilfe eines Georadars entdeckt.

„Die Überreste des Edøya-Schiffs wurden auf einem Acker entdeckt, der einst ein Grabhügel war“, erklärte Knut Paasche vom NIKU. In der Mitte des Hügels könne man deutlich einen 13 Meter langen Kiel erkennen. Insgesamt könne das Schiff 16 bis 17 Meter lang sein.

Sechste Staffel von Vikings“ startet am 5. Dezember

Am 4. Dezember geht die sechste und finale Staffel der kanadisch-irischen Erfolgsserie in den USA beim History Channel an den Start. Anfang des nächsten Jahres wird sie dann auch in Deutschland ausgestrahlt. „Vikings“ markiert den Höhepunkt des Nordmänner-Hypes. Das blutgetränkte Schicksal des legendären Wikinger-Anführers Ragnar Lodbrok, der wilden und schönen Schildmaid Lagertha und der Brüder Björn und Ivar ist ohne Frage fesselndes Popcorn-Kino.

Waren so die echten Wikinger? Met saufende Berserker, die plünderten wie nur die Hunnen vor ihnen? Furchterregende Krieger mit Hörnern auf den Helmen und dicken Fellen behangen?

Die wilden Nordmänner umgibt eine geradezu mythische Faszination. Kein Volk ist aber medial so präsent wie die Wikinger. Die meisten Erzählungen, die cineastisch virtuos, tricktechnisch perfekt und mit viel Kunstblut dargeboten werden, sind übertrieben, aufgeblasen und historisch falsch.

Zügellose Gewalttäter und erfolgreiche Händler

„Nein, das ist absoluter Unfug, der erst durch die Nationalromantik des 19. Jahrhundert entstand und dann von Hollywood aufgegriffen wurde“, erklärt der Tübinger Mittelalterarchäologe Matthias Toplak. „In all diesen Filmen wird der edle Wilde mit nacktem Oberkörper, seltsamen Frisuren und schwarzem Leder thematisiert. Das ist sexy. Aber es stimmt überhaupt nicht mit dem überein, was wir archäologisch fassen können.“

„Es stimmt“, sagt Toplak, „die Wikinger waren zügellose Gewalttäter. Sie waren stellenweise brachiale Barbaren, die mit der Axt auf alles einschlugen, was ihnen in den Weg kam. Das ist aber nur ein Teil der historischen Realität. Gleichzeitig hatten die Wikinger Kontakte mit sehr vielen anderen Kulturen.“

Mit ihren Drachenschiffen bereisten die Wikinger alle damals bekannten und unbekannten Meere. Sie dienten als Söldner am Hof des oströmischen Kaisers und bildeten die sogenannte Warägergarde. Sie errichteten auf Sizilien und in der Normandie Herrschaften, eroberten lange vor der Schlacht von Hastings zwischen Normannen und Angelsachsen im Jahr 1066 große Teile Englands. Sie besiedelten Island und Grönland. Ende des zehnten Jahrhunderts betrat Leif Eriksson als erster Europäer amerikanischen Boden – 500 Jahre vor Kolumbus. Bis nach Russland und in die arabischen Kalifate reichten die Handelswege der Wikinger.

Kamen die Nordmänner auch in den Südwesten?

Nur ein Flecken blieb während des Mittelalters eine notorisch Wikinger-freie Zone – das heutige Baden-Württemberg. Das hatte vor allem logistische Gründe, erläutert Toplak. Die Wikinger seien über die großen Flüsse wie Themse, Rhein, Elbe und Seine weit ins Landesinnere vorgedrungen, was mit enormen Gefahren verbunden gewesen sei. „Die Flüsse konnten kontrolliert werden“, erläutert Toplak. „Die Wikinger konnten nicht an den Ufern lagern, weil sie angegriffen werden konnten. Das ist einer der Gründe, warum wir keine direkte Präsenz von Wikingern im Südwesten haben.“

Erst im Nachhinein kam es über das Erbe der Nordmänner zu einer Verbindung der Kulturen. Baden-Württemberg war, so Toplak, über die Staufer-Dynastie eng mit Sizilien verbunden, wo es ein normannisches Reich skandinavischstämmiger Herrscher gab. Das war allerdings über 100 Jahre nach der großen Zeit der Wikinger, die gegen Ende des elften Jahrhunderts vorbei war.Doch auch wenn die Wikinger nicht weiter als Köln, Trier und Mainz segelten, reichte ihr kaufmännischer Einfluss bis an den Bodensee. Allerdings war der merkantile Einfluss mehr indirekt – etwa über den Weinhandel. Ob dieser Handel tatsächlich auch die großen Klöster in Süddeutschland – etwa auf der Insel Reichenau, wo der Wein angebaut wurde – erreichte, sei nicht sicher belegt, erklärt der Tübinger Wissenschaftler.

Weinfässer vom Bodensee für durstige Nordmänner

Archäologische Funde in der wichtigen Wikingersiedlung Haithabu an der Schlei-Mündung in Schleswig-Holstein zeugen allerdings von Handelsbeziehungen in den Südwesten. In dem 770 gegründeten und 1066 endgültig zerstörten Handelszentrum wurden große Fässer aus Tannenholz gefunden, die wahrscheinlich für den Weintransport genutzt worden sein, so Toplak. „Aufgrund der Holzanalysen kann man diese Fässer Süddeutschland zuweisen. Möglicherweise wurden sie in den großen Klöstern gefertigt und von dort nach Norden verhandelt.“

Ohne die süddeutsche Handwerkskunst hätten die trinkfreudigen Nordmänner womöglich auf dem Trockenen gesessen. Eine schlimme Vorstellung – für Ragnar Lodbrok und Co.

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