Eine öffentliche Führung auf dem Grabungsfeld auf dem Hallschlag, wo zwei ehemalige Steinhäuser der Römer von vor 1900 Jahren gefunden wurden, ist auf großes Interesse gestoßen. Doch die Frage, ob und wo diese und andere Funde präsentiert werden, bleibt unbeantwortet.
Stuttgart - Die überraschenden Funde aus der römischen Zeit auf dem Hallschlag geben einer Debatte neue Nahrung. Wo in der Stadt können solche Fundsachen aus den vergangenen Jahrhunderten adäquat präsentiert werden?
Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege hat mit Bedauern festgestellt, dass das Stadtmuseum im Stadtpalais sich der jüngeren Geschichte – wie jetzt in der Schau zu 30 Jahre Fanta 4 - widmet und die historischen oder archäologischen Themen links liegen lässt. Im Stadtmuseum Bad Cannstatt, das zur städtischen Museumsfamilie gehört, könnten die aktuellen Funde aber zumindest zeitweise präsentiert werden. „Es gibt konkrete Überlegungen, das zu thematisieren“, sagt Christiane Sutter, die die Stuttgarter Stadtteilmuseen und auch das in Bad Cannstatt leitet.
Großes Interesse
„So viele Leute“ – die junge Archäologin Gaëlle Duranthon von der Grabungsfirma ArchaeoBW und Andreas Thiel waren sichtlich überrascht, als sie die aktuelle Ergebnisse der Grabungen auf dem Hallschlag am Montagnachmittag in einer öffentlichen Führung präsentierten. Rund drei Dutzend Menschen drängten sich um den Bauwagen, an dem notdürftig Lagepläne, Fotos und Erklärungen angeheftet waren. Und zu den ersten Fragen aus der Bevölkerung gehörte, wo man die Funde denn genauer betrachten könne und wo sie später ausgestellt würden.
Bedeutende Funde auch anderswo
Es nicht zum ersten Mal, dass man in der Landeshauptstadt darauf keine richtige Antwort geben kann. Zuletzt hatte das Landesdenkmalamt im Januar 2017 bei Grabungen in der Cannstatter Neckarvorstadt nicht nur – wie erwartet – Reste eines Kellers aus der römischen Zeit aus dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus gefunden, sondern auch Gräber aus dem sechsten und siebten Jahrhundert mit 25 Skeletten und Grabbeigaben aus der alemannischen Ära. Regelrecht elektrisiert haben die Archäologen damals aber die Reste eines zwei Meter dicken Mauerwerks über dem römischen Keller. Das sind vermutlich die Fundamente der alten Burg, die dort bis ins 13. Jahrhundert stand und die als Altenburg durch Gewann- und Straßennamen geistert. Auch wenn sie allein ein Museum nicht füllen könnten, seien es die Funde wert, öffentlich ausgestellt zu werden, sagte Thiel damals. Aber wo?
Römische Spuren in Stuttgart
Auch die aktuelle Funde auf dem Hallschlag gehen in ihrer Bedeutung weit über das hinaus, was von den Experten erwartet worden war. Die Steinbauten weisen auf ein gehobenes Wohnviertel hin, das am Rand der vom Römerkastell nach Norden führenden antiken Straße lag. „Bis heute gibt es wenige Erkenntnisse über das römische Bad Cannstatt“, ordnet Thiel den Fund als bedeutend ein. Auch auf dem S-21-Areal am Hauptbahnhof wurden überregional bedeutende alemannische Siedlungsreste, drei Gräber mit Skeletten aus der Zeit zwischen 5500 und 2000 vor Christus entdeckt, aber eben auch ein römischer Hof mit Ziegel-Brennöfen aus dem zweiten Jahrhundert als Teil eines von den Römern intensiv gewerblich genutzten Areals.
Für Thiel sind das Hinweise darauf, dass es in Bad Cannstatt eine „bedeutende Ansiedlung“ gegeben haben könnte. Wie sich der namentlich nicht bekannte Ort entwickelte und ob eventuell sogar ein sogenanntes municipium, ein Verwaltungssitz mit zumindest regionaler Selbstverwaltung bestand, sei aber nicht gesichert. Da schlummere noch viel in den Böden.
Zunächst wandern Funde ins Lager
Auch wenn vieles „nur“ dokumentiert und dann überbaut werde, sind einige der Funde nach Ansicht Thiels wert, in der Öffentlichkeit gezeigt zu werden. Ein geeigneter Ort ist in Stuttgart indes schwer zu finden. Das Stadtmuseum im Stadtpalais am Charlottenplatz verfolgt mit großem Erfolg ein anderes Konzept. Der Ableger in Bad Cannstatt in der Scheuer des Klösterle zeigt ein Diorama mit verschiedene Szenen des provinzial-römischen Lebens in Cannstatt. Museumsleiterin Sutter könnte sich dort durchaus eine Sonderausstellung mit den Funden vorstellen. Diese Überlegungen unterstützt auch der CDU-Stadtrat Philipp Hill aus Bad Cannstatt. Es gebe mittlerweile „genügend Zeugnisse mit hoher Qualität“, die dies rechtfertigten, sagt er.
Dauerhaft wandern die Funde aus Bad Cannstatt aber wohl ins Lager – weit weg von den Blicken der interessierten Öffentlichkeit.