Archäologie Der gefährliche Winterschlaf des Höhlenbären

Von Roland Knauer 

Eine nachgestellt Szene aus grauer Vorzeit: Höhlenbärmutter mit Kind Foto: Höhlenmuseum
Eine nachgestellt Szene aus grauer Vorzeit: Höhlenbärmutter mit Kind Foto: Höhlenmuseum

Die Höhlenbären nutzten über Jahrtausende hinweg dieselben Quartiere. Das wurde ihnen offenbar zum Verhängnis.

Stuttgart - Vollgefressen trotteten die Höhlenbären wie jedes Jahr im Herbst zu der Höhle auf der Schwäbischen Alb, in der sie einst geboren wurden. Dort wollten sie gemeinsam mit dem Rest der Bärenfamilie überwintern. Diesmal aber wartete eine böse Überraschung auf die großen Tiere: In ihrer Höhle hatten sich Menschen eingenistet, gegen deren Waffen Bären schlechte Karten hatten. Solche Szenen könnten sich durchaus abgespielt haben, fanden Archäologen doch in der Höhle Hohler Fels bei Schelklingen auf der Schwäbischen Alb im Brustwirbel eines Höhlenbären die Spitze eines Projektils.

Damit ist zwar klar, dass die Zweibeiner damals Höhlenbären jagten, doch ob sie am Aussterben dieser Art vor etwa 24 000 Jahren beteiligt waren, blieb bisher offen. Schon allein deshalb, weil die Menschen auch den damals ebenfalls in der Gegend lebenden Braunbären jagten, dieser aber bekanntermaßen bis heute überlebt hat. Doch nun legen Axel Barlow und Michael Hofreiter von der Potsdamer Universität gemeinsam mit ihren Kollegen im Fachblatt „Molecular Ecology“ wichtige Indizien vor, wonach Höhlenbären ihrer Heimathöhle sehr treu blieben. Das wiederum könnte im Konflikt mit den Menschen ein gravierender Nachteil gewesen sein.

Braunbären brauchen keine Höhle

Braunbären dagegen kommen anders als Höhlenbären auch ohne eigene Höhle über den Winter. Oft begnügen sie sich mit einem umgestürzten Baumstamm, unter dem sie vor Regen und Schnee geschützt sind. Dort buddeln sie sich dann eine Kuhle in den Boden, bauen also ihr Eigenheim mit den eigenen vier Tatzen. Das reicht auch deshalb, weil Braunbären Einzelgänger sind und daher nur Platz für ein Einzelbett benötigen. Und da sie im Winter auch auf den Gang zur Toilette verzichten, brauchen sie nicht einmal ein stilles Örtchen.

Ganz anders scheinen sich die Höhlenbären verhalten zu haben. Begegnen sich Braunbären normalerweise nur, wenn sie an einer Paarung interessiert sind oder wenn die Mutter ihren Nachwuchs aufzieht, verbrachten die Höhlenbären zumindest die Winter offensichtlich gemeinsam: „In einigen Höhlen hatten mehrere Tiere ihre Schlafkuhlen direkt nebeneinander gebuddelt“, weiß Michael Hofreiter. Solche Schlafsäle haben die Jahrtausende seit dem Aussterben der Höhlenbären in der geschützten Höhlenumgebung gut überstanden.

Gut erhaltene Höhlenbären-Knochen

Auf diese Weise blieben auch die Knochen eines in seiner Kuhle im Winter gestorbenen Höhlenbären einige Zehntausend Jahre gut erhalten. Da es im Kalkstein der Schwäbischen und Fränkischen Alb sowie im Norden Spaniens nur einige Höhlen gab, in denen die Tiere ungestört den Winter verbringen konnten, gab es für die Tiere kaum Ausweichmöglichkeiten. „In manchen Höhlen haben sich daher in vielen Jahrtausenden die relativ gut erhaltenen Knochen von einigen Tausend Höhlenbären angesammelt“, erklärt Michael Hofreiter. Die Überreste von Braunbären finden die Forscher dagegen viel seltener. Offensichtlich waren also die Höhlenbären viel stärker als die Braunbären auf den Schlafplatz in einer Höhle angewiesen.

Das aber ist für Michael Hofreiter und seine Kollegen ein Glücksfall. Im kühlen und gleichmäßigen Klima einer Höhle bleiben nicht nur die Knochen, sondern bleibt auch das darin steckende Erbgut relativ gut erhalten. Auf die Analyse dieser alten DNA haben sich die Potsdamer Forscher spezialisiert – und erhalten dabei immer wieder verblüffende Ergebnisse.

DNA entlarvt Familienbande

In der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren zeigte das Erbgut in den Knochen, dass dort nahe miteinander verwandte Höhlenbären ihre Winter verbrachten. Und das über einen Zeitraum von mehr als zehntausend Jahren: Die ältesten untersuchten Knochen waren 43 000 Jahre alt, die jüngsten 32 000 Jahre. Hatten über diesen langen Zeitraum stets die Mitglieder des gleichen Clans dort überwintert? Und wurden sie anschließend von einem anderen Clan abgelöst, dessen Erbgut Michael Hofreiter in der Zeit vor 32 000 bis 29 000 Jahren in der Geißenklösterle-Höhle nachweisen kann? Das wäre eine erstaunliche Tradition. Bei uns Menschen jedenfalls hielten sich selbst Herrschaftsgeschlechter allenfalls wenige Jahrhunderte am gleichen Ort.

Das Geheimnis der Höhlenbären-Tradition haben Hofreiter und seine Kollegen im Norden Spaniens gelüftet. Dort haben sie das Erbgut von 31 Höhlenbären unter die Lupe genommen, die in fünf Höhlen gefunden worden waren. „Wir haben uns erst einmal die Mitochondrien-DNA angeschaut, die nur von den Müttern an ihre Nachkommen vererbt wird, nicht aber von den Vätern“, fasst Hofreiter die Methode zusammen. Vom relativ stabilen Mitochondrien-Erbgut bleibt im Laufe der Jahrtausende mehr übrig, die Forscher können es daher besser analysieren.

Höhlenbären legten großen Wert auf Tradition

In vier der Höhlen, die keine zehn Kilometer voneinander entfernt sind, lebte demnach über fünf Jahrtausende hinweg – von 45 000 bis vor 40 000 Jahren – immer die gleiche Höhlenbärenfamilie. Die fünfte Höhle liegt zwar 450 Kilometer entfernt, aber auch dort finden die Forscher in der Zeit vor 35 000 Jahren immer nur das Erbgut einer einzigen Bärenfamilie. Offensichtlich legten die Tiere also großen Wert auf Tradition. Vermutlich wurden die Höhlenbären-Jungen im Winter im Unterschlupf der Mutter geboren. Genau dorthin kehrten die Tiere immer zurück.

Ein ganz ähnliches Verhalten zeigen heute noch die Meeresschildkröten. Die Weibchen schwimmen immer an genau den Strand zurück, an dem sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind, um dort ihr Nest in den Sand zu graben. Die Männchen dagegen bleiben draußen im Meer. Erobern dann Menschen diesen Strand, um dort ihren Urlaub zu verbringen, vertreiben sie die Schildkröten. Bleibt der Nachwuchs aus, stirbt diese Population dann mit dem Tod des letzten erwachsenen Schildkröten-Weibchens aus.

Der Mensch als tödlicher Feind

„Ähnlich könnte es auch den Höhlenbären gegangen sein“, sagt Hofreiter. Bisher hatten die Forscher vermutet, die Art habe das kälter werdende Klima nicht vertragen, als die Erde vor 25 000 Jahren auf den Höhepunkt der letzten Eiszeit zusteuerte. Solche Engpässe hatten die Höhlenbären bei mehreren früheren Eiszeiten allerdings durchaus überlebt. Diesmal aber beschlagnahmten Menschen ihre Höhlen – und waren den Tieren mit ihren Speeren deutlich überlegen. Die Braunbären konnten dagegen dieser neuen Konkurrenz ausweichen und haben bis heute überlebt. Die Höhlenbären-Weibchen aber waren genau auf die eine Höhle angewiesen, in der sie selbst geboren waren. Doch in einer Höhle nach der anderen zerstörten die Speere der Menschen eine jahrtausendealte Bären-Tradition – und so waren vor etwa 24 000 Jahren die Höhlenbären ausgestorben.

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