Im Anschluss an die Einweihung der Infotafel durch Bezirksvorsteherin Susanne Korge und den Bürgervereinsvorsitzenden Martin Hechinger (l.) lauschten die Zuhörer den Ausführungen des Hobbyarchäologen Walter Joachim (2.v.l.) Foto: Chris Lederer

Beim heimatgeschichtlichen Rundgang in Stammheim blickten die Teilnehmer diesmal zurück in die Jungsteinzeit. Im Ort gibt Fundstücke, die rund 5300 Jahre alt sind.

Stammheim - Armer Ötzi. Während der Mann aus dem Eis vor rund 5300 Jahren durch die Ötztaler Alpen stapfte, um dort auf tragische Weise ums Leben zu kommen, saßen Zeitgenossen von ihm weit entfernt in Stammheim und ließen es sich deutlich besser gehen. In ihren vier mal vier Meter großen Grubenhäusern hockten sie im Trockenen, gut gewärmt um die Feuerstelle, aßen Steak vom Hirsch, Rind, Schwein oder Schaf und gönnten sich womöglich zur Feier des Tages eine Dosis Schlafmohn-Medizin. So zumindest könnte es gewesen sein.

Dass man überhaupt von der Existenz der Stammheimer Ötzi-Verwandtschaft weiß, ist dem Hobbyarchäologen Walter Joachim zu verdanken. Der stapfte in den achtziger Jahren, als neue Häuser im Wohngebiet Stammheim-Süd gebaut wurden, durch die Baugruben, buddelte in der Erde und stocherte in den vorzeitlichen Abfallgruben, die er unter der aufgewühlten Humusschicht fand. Und er staunte nicht schlecht, als er plötzlich in einem knietiefen Loch auf ein Werkzeug aus Hirschgeweih stieß. „Es war das Hirschhornzwischenfutter einer Steinaxt, das zwischen Holm und Steinklinge eingepasst wurde, um die Schläge abzufedern, damit der Stiel nicht splitterte“, erklärte Joachim. Seinen Fund ließ er von Experten am Bodensee unter die Lupe nehmen. Und die staunten nicht schlecht. Denn während bereits klar war, dass es in Stammheim auch Keltensiedlungen (etwa 500-450 vor Christus) gab, war dieser Fund um etwa zweieinhalbtausend Jahre älter. „Der Stammheimer Fund war der erste Beleg dafür, dass es in der späten Jungsteinzeit nördlich der Schwäbischen Alb Siedlungen gab“, freute sich der Hobbyarchäologe. „Das war schon eine kleine Sensation. Denn bis dahin war man davon ausgegangen, dass es sich hier um eine sogenannte siedlungsfreie Gegend handelt.“

Stammheim war keine siedlungsfreie Gegend

Als dann in den 90ern auch in Sieben Morgen gegraben wurde, war Joachim wieder zur Stelle, um auf dunkle Verfärbungen in den Baugruben zu achten und mit leichtem Gartengerät nach weiteren Belegen zu suchen. Und siehe da: „Auch in Sieben Morgen konnte die Existenz von Grubenhäusern nachgewiesen und rekonstruiert werden.“ Gefunden wurden Reste von Häusern, Beilklingen, Mahlsteine, Meißel, Dechsel (Werkzeug zur Holzbearbeitung) sowie Getreide wie Lein oder Pflanzenreste von Flachs und Schlafmohn. „Es war eine Zeit, als die Steinzeit zu Ende ging, und das Metall auf dem Vormarsch war. Der Ötzi hatte ja ein Metallbeil bei sich.“ In Stammheim wurden dafür keine Belege gefunden, „aber ich bin sicher, dass es auch hier bald eingesetzt wurde“.

Joachim war auf Einladung des Bürgervereins, des Heimatvereins, des Bezirksamtes und des Arbeitskreises Kultur zum heimatgeschichtlichen Rundgang am Samstag gekommen und hatte eine Schar interessierte Besucher über die Funde informiert. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Hinweistafel am Lärmschutzwall in Sieben Morgen eingeweiht. Gestiftet hat sie der Bürgerverein mit finanzieller Unterstützung der Volksbank.

Bereits am Donnerstag hatte Walter Joachim eine Ausstellung im Stammheimer Bezirksrathaus zum Thema „Ötzi und Kelten“ eröffnet. Zahlreiche Ausgrabungsgegenstände aus Stammheim-Süd und Sieben Morgen sind dort bis Januar zu sehen. Zahlreiche Teilnehmer des Rundgangs nutzten noch am Samstag die Gelegenheit und ließen sich die Funde von deren Finder erläutern. Im Anschluss gab es im Heimatmuseum Kaffee, Hefezopf und Vesper – ein Angebot, das sicher auch Ötzis Zeitgenossen gemundet hätte.

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