Der Trendforscher Franz Kühmayer ist Experte für das Thema „Zukunft der Arbeit“. Foto: Franz Kühmayer/ Zukunftsinstitut

Back to the roots oder Corona als Fortschrittsbeschleuniger? Ein Gespräch mit Trendforscher Franz Kühmayer zum Thema „Die Zukunft der Arbeit“.

Die Einrichtungsexperten von architare fragen Franz Kühmayer am Zukunftsinstitut in Wien: Wie sieht die Arbeitswelt nach der Corona-Krise aus?  

Herr Kühmayer, in der Krise hat sich gezeigt, dass Unternehmen auch mit Mitarbeitern im Homeoffice handlungsfähig bleiben. Welche Lehren werden in Zukunft daraus gezogen werden?

Vordergründig ist nun bei allen Büro-Unternehmen das Ende der Anwesenheitspflicht eingeläutet, und damit auch der Abschied von einem Management-Denken, in dem sich Führungskräfte noch als Aufpasser über die Mitarbeiter gesehen haben. Das liegt hinter uns, wir haben gelernt, neu zu arbeiten. Ich habe die Hoffnung, dass unser Entwicklungsschritt weitergeht, hin zu substanziellen Fragen der Zukunft der Arbeit: Also nicht nur, warum müssen wir ins Büro fahren, sondern was ist unsere menschliche Rolle in der Arbeitswelt, was macht gute Arbeit aus.

Welche Unternehmen sind beim Thema Homeoffice an ihre Grenzen gestoßen?

Die Zeit ist an niemandem spurlos vorüber gegangen, es war und ist ja eine absolute Ausnahmesituation. Besonders hart getroffen hat es wohl drei Gruppen: Erstens jene, die völlig unvorbereitet in das Thema Homeoffice gestolpert sind und sich erst einmal sortieren mussten – vom Anschaffen mobiler Geräte bis zu organisatorischen Fragen. Zweitens, jene, bei denen Mitarbeiter besonders herausfordernde private Situationen zu meistern hatten – kleine Wohnung, Kinderbetreuung, familiäre Verpflichtungen. Und drittens jene, die durch Corona in wirtschaftliche Schieflage geraten sind.

Wird das Büro als physischer Ort bleiben?

Aber ja! Schon vor Corona war die Sorge, dass durch Homeoffice das Büro seinen Wert verliert, völlig unbegründet. Durch das Extrem-Home-Officing wird sich daran nichts ändern. Neu ist eine gestiegene Sensibilität dafür, was moderne Büros leisten können müssen und wofür wir jeden Tag tatsächlich dorthin fahren. Das Büro ist eben nicht nur ein Ort, an den man zum Arbeiten fährt, weil es keine anderen Plätze dafür gäbe, sondern ein Sozialsystem.

Haben Open-Space-Büros ausgedient? Kehren wir zum Einzelbüro zurück?

Sicher ist, dass das Büro in seiner aktuellen Form nicht bleiben kann, sondern sich deutlich weiterentwickeln muss. Viel wichtiger als die Frage, ob das Großraumbüro eine Zukunft hat, erscheint mir das Verschmelzen von virtuellen und physischen Räumen zu sein. Die größte Herausforderung sind ja hybride Arbeitssituationen, bei denen einige Mitarbeiter vor Ort im Büro sind, andere mobil oder im Homeoffice. Das erzeugt eine Asymmetrie, deren Überbrückung wir erst noch lernen müssen. Aus der Corona-Steilvorlage für die IT-Abteilung wird nun also ganz sicher eine für Office Manager und für die Organisation.

Mittlerweile sind viele mit Videokonferenzen sehr vertraut. Wird es in Zukunft auch weniger Dienstreisen und Präsenztermine geben?

Ganz sicher. Die Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten werden deutlich sein, und das kann uns eigentlich nur recht sein. Wenn es weniger Stau im Pendlerverkehr gibt, kommt uns das persönlich sehr zugute. Wenn die Flugzeuge, die Montag morgens Berater von einem Ende Deutschlands ins andere befördern, etwas seltener gebraucht werden, tut das auch unserem Klima ganz gut. Und schließlich: Es wird die Qualität der Besprechungen zunehmen, denn wir werden die Entscheidung für eine virtuelle oder physische Besprechung viel bewusster treffen.

Wie wird sich die Pandemie ansonsten noch auf unsere Arbeitswelt auswirken? Kann man dazu jetzt schon etwas sagen?

Krisen sind ja hervorragende Gelegenheiten, richtig große Schritte nach vorne zu machen. Die Arbeitswelt war ja schon vor Corona stark im Wandel, jetzt würden sich Chancen bieten, mit dem breiten Pinsel die Arbeitswelt der nächsten Jahrzehnte zu gestalten – Stichworte Digitalisierung, Nachhaltigkeit. Ob das gelingt, wird stark davon abhängen, ob die Lust an der Weiterentwicklung größer ist als die Sehnsucht nach dem Wiederherstellen des sogenannten Normalzustands.

Die Krise führt auch zu einer Selbstbetrachtung. Viele empfanden die Reduktion auch als angenehm. Sie hatten plötzlich mehr Zeit und weniger Stress. Wird diese Erkenntnis Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben?

Die kontemplative Stille der letzten Wochen halte ich für ein Märchen oder zumindest für eine Luxus-Position weniger Privilegierter. Aus der Forschung können wir das jedenfalls nicht bestätigen. Über 40 Prozent der Menschen sagen, Sie hätten im Homeoffice mehr oder länger gearbeitet als im Büro, ein Drittel hat weniger Pausen gemacht, fast jeder Fünfte ist durch die Homeoffice Situation sogar stark gestresst. Wenn man dem etwas Positives abgewinnen will, dann das: Wir haben nun auch die Schattenseiten von Homeoffice sehr deutlich erlebt und können uns daran machen, Lösungen dafür zu finden. Jedenfalls ist allen klar: Homeoffice ist kein Pyjama-Paradies.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Können Sie schon sagen, was Sie vielleicht aus der Corona-Zeit für sich mitnehmen? Wird sich Ihr Arbeitsalltag in Zukunft verändern?

Ich nehme vor allem die Beobachtung mit, dass Krisenzeiten ein Charaktertest sind – und ein Beziehungsgestalter. Wir merken uns ja nicht nur, wie wir durch harte Zeiten gegangen sind, sondern vor allem auch: Mit wem! Wer ist da zu uns gestanden, hat uns Vertrauen und Zuversicht entgegengebracht. Das sind auch die Menschen und Organisationen, mit denen wir gemeinsam die Zukunft gestalten möchten. Mein Arbeitsalltag ist natürlich auch digitaler geworden, auch für mich selbst waren die letzten Wochen ein Evolutions-Beschleuniger. Ich habe zum Beispiel in der Zeit die Podcast-Serie „Blick nach vorne“ gestartet, die fantastisch aufgenommen wird, das ist eine schöne Bestätigung.

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