Ein erheblicher Teil der Beschäftigten erhält zunächst lediglich einen befristeten Arbeitsvertrag – diese Praxis trifft vor allem junge Menschen. In Baden-Württemberg stechen Stuttgart, Heidelberg, Freiburg, Ulm und Tübingen besonders negativ heraus.
Trotz des hohen Fachkräftemangels wird die Praxis befristeter Arbeitsverträge von vielen Arbeitgebern weiterhin mit Hochdruck betrieben. 37,8 Prozent aller neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bekommen zunächst nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Dies zeigt eine neue Untersuchung des Instituts WSI der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf der Basis von Daten aus 2023.
Geliefert werden Daten für alle kreisfreien Städte und Landkreise in Deutschland, wobei die regionalen Werte stark voneinander abweichen. Stuttgart liegt mit einer Quote von 40,9 Prozent befristet begonnener Beschäftigungsverhältnisse im Südwesten fast ganz vorne. Landes- und auch bundesweiter Spitzenreiter ist Heidelberg mit einem Anteil von 62,5 Prozent, was mit dem großen Universitätsklinikum zusammenhängt. Auch Freiburg (41,9), Ulm (39,5) und Tübingen (36,9) weisen daher hohe Werte auf.
Bei Neueinstellungen im Rentenalter gehen Werte wieder hoch
Allgemein besonders stark von Befristungen betroffen sind junge Beschäftigte, wie die Analyse von Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigt – wobei nicht zwischen Befristungen mit Sachgrund (wie Elternzeitvertretung) und ohne Sachgrund unterschieden wird. So bekamen von den neu Eingestellten unter 25 Jahren 48,4 Prozent nur einen befristeten Arbeitsvertrag, während dies in der Altersgruppe zwischen 25 und 54 für rund 35 Prozent galt. Bei den Einstellungen von 55 bis unter 65-Jährigen sinkt der Anteil knapp unter ein Drittel, steigt aber bei Neueinstellungen im Rentenalter wieder stark an. Über die Hälfte aller normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse im Rentenalter wurden 2023 befristet abgeschlossen.
Mit Blick auf die Qualifikation müssen sowohl Beschäftigte ohne Ausbildungsabschluss (50,2 Prozent) – unter ihnen vielfach mit ausländischer Staatsangehörigkeit – als auch Hochschulabsolventen (41,1) in einem neuen Job oft mit einer Befristung Vorlieb nehmen. Deutlich niedriger ist der Anteil bei einer abgeschlossenen beruflichen Ausbildung, doch erhalten auch von ihnen 27,6 Prozent erst mal nur einen befristeten Job.
Darstellende und wissenschaftliche Berufe tun sich negativ hervor
Manche Tätigkeiten – wie darstellende, unterhaltende oder wissenschaftliche Berufe – sind von diesen Gepflogenheiten seit Langem besonders stark betroffen. Sehr niedrige und zudem seit einigen Jahren fallende Anteile an befristeten Einstellungen finden sich wiederum in den Hoch- und Tiefbauberufen sowie den Ausbauberufen, zudem bei Arzt- und Praxishilfen.
Insgesamt ist die Tendenz leicht rückläufig. Dennoch kritisiert die wissenschaftliche Direktorin des WSI, Bettina Kohlrausch, die Unternehmen: „Nach wie vor sind viele Arbeitgeber der Meinung, Beschäftigte einfach mal unverbindlich ausprobieren zu können.“ Insbesondere junge Menschen erlebten so beim Einstieg ins Berufsleben problematische Phasen der Unsicherheit, die den Blick auf die Arbeitswelt über längere Zeiträume prägen könnten.