Viele Studenten jobben neben dem Studium. In der Corona-Krise sind sie vor allem als Fahrer und Verkaufshilfen gefragt. Vermittler Studitemps berichtet von einer Rekordnachfrage.
Stuttgart - Angesichts der Corona-Krise ist die Nachfrage nach studentischen Aushilfen auf einem Rekordhoch. Derzeit suchen Lieferdienste, Supermärkte und Logistikzentren händeringend Mitarbeiter – von Verkaufshilfen bis zum Warenverräumer. Laut Studitemps sind die Angebote für Studentenjobs um 78 Prozent gegenüber März 2019 in die Höhe geschnellt. Die Nachfrage nach Auslieferungsfahrern – ob beim Getränkelieferanten, Lebensmittel-Lieferdienst oder Paketzusteller – ist im Vorjahresvergleich sogar um mehr als 760 Prozent gestiegen. „In Corona-Zeiten tragen die Studierenden mit dazu bei, dass das Leben in den Grundzügen weitergehen kann“, sagt Studitemps-Mitgründer Benjamin Roos. Zum einen steige die Arbeitslast, zum anderen falle das Stammpersonal wegen Krankheit oder geschlossenen Kitas und Schulen und der damit verbundenen privaten Kinderbetreuung aus.
Das Interesse der Studenten, deren Semesterferien wegen Corona ebenfalls verlängert wurden, ist groß. Laut Vermittler Studitemps bewerben sich bundesweit zurzeit wöchentlich mehr als 7000 Studierende um Jobs – das sind rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Viele jobben regelmäßig.
Die Zahl der Studenten steigt. Im Wintersemester 2019/2020 waren rund 2,9 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben – knapp 800 000 mehr als vor zehn Jahren. Allein in Baden-Württemberg sind es fast 360 000. Viele von ihnen sind auf einen Zuverdienst angewiesen. Davon profitieren auch studentische Arbeitsvermittler wie Studitemps. Das Unternehmen hat bundesweit 23 Standorte – drei in Baden-Württemberg mit Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart, der größten Niederlassung mit dem Einzugsgebiet von Heilbronn bis Konstanz und Ulm. Das Geschäft boomt. Seit 2015 verzeichnet Studitemps jährliche Wachstumsraten von rund 30 Prozent, wie der Stuttgarter Standortleiter Kai Fahsel sagt – anders als bei der klassischen Zeitarbeit, die sehr konjunktursensibel reagiert.
Zahl der Zeitarbeitnehmer zuletzt bundesweit gesunken
Laut Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Zeitarbeitnehmer in Deutschland zuletzt im Vorjahresvergleich um 10,2 Prozent gesunken. Ende Februar 2020 gab es rund 742 000 Zeitarbeitnehmer in Deutschland, das waren 79 000 weniger als vor einem Jahr. Als Gründe für den Rückgang nennen die Arbeitsmarktexperten die Eintrübung der Konjunktur, Umstrukturierungen in der Automobilindustrie und die stockende Produktion in China aufgrund des Corona-Virus.
„Wir haben nicht das Problem und sind breit gestreut“, sagt Fahsel, denn viele Studentenjobs werden im Handel, in der Logistik, in Callcentern oder im IT-Bereich vermittelt – oft geht es auch um Bürotätigkeiten. Deshalb sei Studitemps nicht so sehr vom Abschwung der Industrie betroffen. „Unsere Kunden bestellen nicht wie in der Industrie den Max, der jeden Tag kommt und die Tätigkeit schon kennt, sondern die benötigen mal für zehn Stunden eine Aushilfe“, nennt Fahsel ein Beispiel. Da kommen bei einem Job auch schon mal mehrere Studenten zum Einsatz. Den Erfolg begründet der Arbeitsvermittler mit der Flexibilität.
Im Onlinehandel etwa gehen vor allem am Wochenende viele Bestellungen ein – in der Corona-Krise sind es noch mehr. Da gebe es Studitemps- Kunden, die beispielsweise am Montag 40 Studenten und am Dienstag 25 Studenten benötigten, um die Aufträge abzuarbeiten. „Wir können die passgenau zur Verfügung stellen“, sagt Fahsel. Die Studenten seien nicht das ganze Jahr unter Vertrag, sondern so wie sie Zeit hätten. Manche wollten etwa in den Ferien sechs Wochen am Stück jobben, andere zehn bis 15 Stunden pro Woche oder vier- bis fünfmal pro Jahr einige Tage am Stück, nennt er Beispiele. Der Arbeitseinsatz müsse zum Stundenplan an der Uni passen.
Studenten als Einstiegslotsen bei der S-Bahn
Am Stuttgarter Hauptbahnhof etwa sind mehrere Studenten als S-Bahn-Helfer beziehungsweise Einstiegslotsen mit ihren gelben Westen für die Deutsche Bahn im Einsatz, damit der Ein- und Ausstieg zügiger klappt und die S-Bahnen pünktlicher fahren können. „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den Studenten“, sagt Dirk Wöllner, Leiter Fahrpersonal S-Bahn. Viele Studierende punkten damit, dass sie mehrere Sprachen beherrschen und so auch internationalen Fahrgästen weiterhelfen können. Neben der Deutschen Bahn zählen beispielsweise auch der Uhren- und Schmuckhändler Fossil, Textil- und Einzelhändler und Firmen mit saisonalem Geschäft zu den Studitemps-Kunden, darunter auch Pflanzenmarkt Dehner oder Freibäder, wo Studenten als Rettungsschwimmer arbeiten.
Insgesamt habe man im Großraum Stuttgart etwa 150 unterschiedliche Jobs im Angebot, sagt Fahsel. Pro Monat werden 700 bis 950 Jobs vermittelt. „Dieses Jahr werden wir die 1000er Marke pro Monat erreichen“, mutmaßt er. Die gefragtesten Jobs sind nicht immer unbedingt die bestbezahlten, denn viele Studenten legen Wert auf Flexibilität – etwa im Callcenter, wo Schichten kurzfristig geplant werden können und Arbeit auch am Wochenende oder abends möglich ist, wenn keine Vorlesung ist. Manche schätzten auch körperliche Arbeit als Ausgleich zum ständigen Lernen, sagt Fahsel.
Durchschnittsverdienst 11,40 Euro pro Stunde
Bei der Bezahlung gibt es regional teilweise große Unterschiede. Der Durchschnittsverdienst pro Stunde liege bei Studitemps bei 11,40 Euro und damit über dem Tariflohn der Zeitarbeit und dem Mindestlohn. In Stuttgart verdienen Studenten im Schnitt sogar mehr – etwa 11,80 Euro. „Wir möchten die Studenten fair bezahlen“, sagt Fahsel. Fair bedeutet mindestens zehn Euro pro Stunde. Am besten bezahlt sind Jobs in der IT – als Entwickler oder Programmierer können es Studierende auf bis zu 30 Euro Stundenlohn bringen. Das ist aber nicht die Regel. Auch in sozialen Berufen werden Studenten attraktive Löhne bezahlt, wie eine Umfrage von Studitemps und der Maastricht University unter 22 000 Studierenden ergeben hat. Soziale Betreuer erhalten durchschnittlich knapp 15 Euro pro Stunde.
Das Geschäftsmodell von Studitemps funktioniert wie bei anderen Vermittlern in der Zeitarbeitsbranche. Studitemps stellt die Studenten ein und überlässt sie den Firmen, die Engpässe haben – egal ob an der Kasse, im Lager, im Controlling oder für saisonale Projekte. Die Firma übernimmt alle Lohnnebenkosten und zahlt in 99 Prozent der Fälle über dem Tariflohn der Branche. Die Studenten sind sozialversichert. Kunden zahlen in der Regel den doppelten Stundenlohn, wie es in der Zeitarbeitsbranche üblich ist, denn sie müssen sich nicht um den Auswahl- und Anstellungsprozess kümmern. Außerdem trägt Studitemps die Kosten für Feier- oder Krankheitstage, an denen Studierende für eine Schicht eingeteilt gewesen wären, ebenso für Urlaubstage sowie Beiträge in die Berufsunfallversicherung.
Als Student die eigene Firma gegründet
Gegründet wurde Studitemps 2008 in Köln von Benjamin Roos und Andreas Wels. Die Idee kam ihnen während ihres Studiums. Vom jetzigen Erfolg konnten die damals 22 und 23 Jahre alten Gründer nur träumen. Studitemps hat 400 eigene Mitarbeiter und vermittelt jährlich bundesweit mehr als 20 000 Studierende im Jahr als Zeitarbeitskräfte. Im Jahr 2018 machte Studitemps knapp 75 Millionen Euro Umsatz – die Zahl für 2019 liegt noch nicht vor. Heute sieht sich Studitemps als Marktführer bei der studentischen Jobvermittlung – im Schnitt beschäftigt Studitemps jeden Monat rund 8000 Studenten und sieht noch enormes Wachstumspotenzial. Es gibt immer mehr Studenten und immer mehr suchen Jobs, denn rund zwei Drittel arbeiten noch neben dem Studium. Das Konzept scheint auch Investoren zu überzeugen, zu denen unter anderem auch Holtzbrinck Ventures gehört, eine Tochter des Stuttgarter Holtzbrinck-Konzerns.