Annemarie Keller, Bettina Meeh und Karin Meinerz (v. l.) buchstabieren mit den Lettern des alten Schlecker-Schriftzugs den ersten Teil des Namens ihres neuen Ladens in Erdmannhausen: Drehpunkt. Foto: Michele Danze

Diesen Freitag eröffnet die erste Ex-Mitarbeiterin der Drogeriekette in Baden-Württemberg ihren Laden – vor allem Verkäuferinnen um die 50 finden schwer einen neuen Job.

Baiersbronn/Erdmannhausen - Die Finger werden zittern, denkt Ramona Damske. Der Bauch wird wehtun. „Aber es wird ein großes Gefühl sein.“ An diesem Freitag um 8.30 Uhr schließt die ehemalige Schlecker-Filialleiterin aus Baiersbronn im Kreis Freudenstatt zum ersten Mal ihren eigenen Laden auf. „Draußen werden dann schon viele Menschen stehen und warten“, sagt die 50-Jährige. „Das haben die schon angekündigt. Es gibt ja sonst nichts zum Einkaufen in Baiersbronn.“

Ramona Damske ist die erste der ehemaligen Schlecker-Frauen in Baden-Württemberg, die in ihrer alten Filiale einen neuen Laden aufmacht. Ramonas Lädle wird er heißen. Drogeriewaren soll es dort geben, aber auch eine Kühltheke mit Lebensmitteln, „ein Tante-Emma-Laden eben“, sagt sie. Beliefert wird sie von dem Nahversorgungsspezialisten Okle.

Ramona Damske zieht ihr Projekt allein mit ihrem Mann durch. Ohne die Hilfe der anderen Schlecker-Frauen, ohne die Unterstützung der Gewerkschaft. „Ich will mir nicht mehr reinreden lassen“, sagt sie.

Noch immer suchen 14.000 Verkäuferinnen eine neue Arbeit

Die Einzelhandelsbranche klagt, dass sie keine guten Mitarbeiter mehr findet. Die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen verstehen das nur schlecht. Denn deren Jobsuche läuft schleppend. Von den ursprünglich 23.300 Mitarbeiterinnen, die durch die Insolvenz der Drogeriekette Schlecker ar­beitslos geworden sind, suchen bundesweit noch immer 14.000 Arbeit. Eine neue Stelle haben nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bis Ende September 7100 Menschen gefunden. Viele der noch unvermittelten ehemaligen Schlecker-Beschäftigten sind nach Informationen der Fachleute älter als 50 Jahre, haben keine abgeschlossene Ausbildung oder sind alleinerziehend.

Einige der Verkäuferinnen haben sich entschlossen, sich ihren Arbeitsplatz selbst zu schaffen – und ihre alten Filialen selbstständig weiter zu betreiben. „Ich bin zu alt für H&M, ich bin zu dick für Zara, aber ich will schaffen“, so hat Leni Breymaier, baden-württembergische Landesbezirksleiterin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die Situation der interessierten Frauen beschrieben. Die Stuttgarter Verdi-Sekretärin Christina Frank koordiniert für rund 40 ehemalige Schlecker-Verkäuferinnen aus der Region Stuttgart die Wiederbelebung der Läden. Für Handelsexperten sind Filialen erst dann interessant, wenn sie einen Jahresumsatz von über 500.000 Euro aufweisen. Bundesweit erfüllen fast 900 Filialen (herkömmliche AS-Märkte sowie modernisierte XL-Läden) dieses Kriterium. Über 100 dieser Filialen liegen in Baden-Württemberg. Jedoch: Die Frauen verfügen lediglich über das Geld für die Wiederbelebungsmaßnahmen von sechs Filialen.

„Am Ende war ich im Unternehmen dort, wo ich immer sein wollte“

Allein für die Vorbereitungszeit mit Markt- und Standortanalyse gehen pro Filiale 3000 Euro drauf. Also beschränken sich die Frauen zunächst auf eine Auswahl von Märkten. Der Nahversorgungsspezialist Wolfgang Gröll analysiert die Standorte und berät die Frauen. Derzeit gründen diese an einzelnen Standorten, die unter Schlecker rentabel waren, Mini-Gesellschaften. Diese sollen später unter dem Dach einer Genossenschaft zusammengeschlossen werden.

„Schlecker“ stand früher in blauen Buchstaben an der Filiale in Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg), heute liegen die Buchstaben auf dem Boden in der Filiale. Neben den alten Kassen, Faxgeräten, Elektrokabeln. Eine Fliege stört. Der erste Schlag von Bettina Meeh sitzt. Kämpfen hat sie bei Schlecker gelernt. „Am Ende war ich im Unternehmen dort, wo ich immer sein wollte“, sagt sie. „Nach 19 Jahren des Ringens um mehr Stunden.“ Schlecker wollte die Zahl der Stunden gering halten. Die Mitarbeiter sind dann flexibler einsetzbar.

Erdmannhausen ist der erste Laden, der im Rahmen des Genossenschaftsprojekts wieder neu aufmachen soll

Bettina Meeh hat als Acht-Stunden-Kraft begonnen. Am Ende standen 37,5 Stunden in ihrem Vertrag, sie war Filialleiterin und Betriebsrätin, wurde nach Tarif bezahlt. Auch um ihre Rechte als Betriebsrätin musste sie kämpfen. „Bei unserem ersten Treffen zur Vorbereitung der Betriebsratswahl kam die Polizei“, sagt sie. Vielen der ehemaligen Verkäuferinnen geht es wie ihr. Sie haben lange um akzeptable Arbeitsbedingungen gerungen. Der kostenbewusste Konzern hat nicht einfach nachgegeben. Viele Auseinandersetzungen fanden vor Gericht statt. Dann ist Schlecker in die Insolvenz gegangen. Die Arbeitsbedingungen im Handel haben sich nicht verändert. Viele Verkäuferinnen haben kein Interesse daran, den gleichen Kampf bei einem anderen Arbeitgeber neu auszufechten. Auch darum entscheiden sich manche für die Selbstständigkeit, sagen sie.

Erdmannhausen ist der erste Laden, der im Rahmen des Genossenschaftsprojekts wieder neu aufmachen soll. Weitere Pilotprojekte sollen in Bietigheim-Buch, Erdmannhausen und Murr starten.

Die ehemaligen Schlecker-Verkäuferinnen Annemarie Keller, Bettina Meeh und Karin Meinerz rechnen damit, dass sie ihre Filiale in Erdmannhausen im November wieder aufschließen können. Nächste Woche soll ihre Mini-GmbH ins Handelsregister eingetragen werden. „Beim Notar waren wir schon.“ Der Name Schlecker jedoch wird verschwinden. Die Läden, die im Rahmen der Verdi-Initiative neu entstehen, sollen Drehpunkt heißen, „ergänzt wird der Titel durch den Ortsnamen, in dem sich ein Laden befindet“, sagt Bettina Meeh.

Die Bürgermeisterin steht hinter dem Projekt

Neben Spenden soll die Startfinanzierung auch von den Bürgern in Erdmannhausen getragen werden. Die drei Frauen haben sogenannte Stützlis in Auftrag gegeben. Dabei handelt es sich um eine Art Kunstwährung. Ein Stützli kostet 50 Euro. „Sie können in die Vitrine gestellt oder bei uns im Laden gegen Waren eingetauscht werden“, sagt Bettina Meeh. Am Montag wollen die Frauen bei einer Infoveranstaltung Werbung für die Währung machen, die ihnen möglichst viel liquide Mittel in die Kasse spülen soll. Die Bürgermeisterin Birgit Hannemann steht hinter dem Projekt.

Ramona Damske hat sich für ein anderes Finanzierungskonzept entschieden. Sie hat bei der L-Bank einen Förderkredit aufgenommen. Die baden-württembergische Staatsbank unterstütz Menschen, die sich selbstständig machen wollen. Abgesichert wird die Finanzierung durch die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg. Zehn Jahre hat sie Zeit, den Kredit zurückzuzahlen. „Aber so lange werde ich nicht brauchen“, sagt Ramona Damske.

Sie hat alles in den Laden gesteckt, was sie besitzt. Ihr Leben. Sie zweifelt nicht daran, dass sie Umsatz machen wird. Das verbindet die Schlecker-Verkäuferinnen, sagt Ramona Damske: „Wir sind starke Frauen.“

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