Menschen von über 55 Jahren finden kaum noch eine neue Arbeit. Ihre Chancen auf eine Neueinstellung haben sich in den vergangenen Jahren weniger verbessert. Der Arbeitsmarktforscher Walwei sieht „Indizien einer Altersdiskriminierung“.
Fachkräfte händeringend gesucht? Von wegen. Wenn Beschäftigte über 50 Jahren den Arbeitsplatz verlieren, haben sie oft ein Problem: Vielen gelingt nicht die Rückkehr in eine feste Anstellung – entweder weil die Arbeitgeber jüngere Beschäftigte vorziehen oder weil es ihnen an zukünftig geforderten Kenntnissen und Flexibilität mangelt. Was lässt sich verbessern?
Wie steht es um die ältere Generation am Arbeitsmarkt? Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zieht üblicherweise eine Grenze bei 55 Jahren. Laut der Regionaldirektion machten die mindestens 55-Jährigen 2023 im Durchschnitt 24 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und 26 Prozent aller Arbeitslosen in Baden-Württemberg aus – was gut 63 000 Arbeitslosen ab 55 Jahren im Jahresschnitt entspricht. Im November dieses Jahres sind es 70 196 von 271 658 Arbeitslosen, der Anteil von 26 Prozent bleibt gleich.
Innerhalb der Altersgruppe 55 Plus stellen die 60-64-Jährigen, also die Jahrgänge 1959 bis 1963, mit 50 Prozent einen erheblichen Teil der Arbeitslosen. Folglich wächst mit wachsendem Alter die statistische Wahrscheinlichkeit der Arbeitslosigkeit – vor allem wegen des erhöhten Risikos, arbeitslos zu bleiben. Fast jeder Dritte der Menschen über 55 Jahren ohne Job hat mindestens zwei Jahre lang keinen Job, auch weil die Wiederbeschäftigungschancen mit zunehmendem Alter drastisch sinken.
Gibt es einen Trend, dass mehr ältere Beschäftigte in Arbeitslosigkeit landen? Dass die Unternehmen mit verstärktem Personalabbau auf die Krise reagieren, kann sich in der Arbeitsmarktstatistik bisher kaum auswirken, weil es sich großteils um Planungen handelt. Erkennbar ist aber, dass der Zugang aus Erwerbstätigkeit in Arbeitslosigkeit für die Altersgruppe 55 Jahre und älter von 2023 auf 2024 um 9,8 Prozent überproportional stark gestiegen ist; insgesamt waren es 9,1 Prozent. „Es liegt nahe, dass die schwache Wirtschaftslage hier durchschlägt“, erläutert ein BA-Sprecher. Von 2022 auf 2023 betrachtet betrug der Zuwachs lediglich ein Prozent.
Gewinnt der „goldene Handschlag“ wieder an Bedeutung? Obwohl die Beschäftigung Älterer immer wichtiger wird, zeigt sich die alte Frühverrentungsmentalität in der Wirtschaft. Mit teils großzügigen Abfindungen werden Routiniers heimgeschickt. Im Einzelfall sei es verständlich, wenn Betriebe jüngeren Kräften den Vorzug geben, sagt der Vizedirektor des BA-Forschungsinstituts IAB, Ulrich Walwei. Als Trend wäre es „volkswirtschaftlich eine Katastrophe“, weil dadurch dringend benötigtes Humankapital verloren gehe.
Den „goldenen Handschlag“ sieht er somit sehr kritisch, auch weil dieser praktisch den „Übergang in die Rente“ flankiert – was wiederum die Bestrebungen konterkariert, die älteren Menschen in Arbeit zu halten. „Der goldene Handschlag birgt das Risiko, dass sich die Betroffenen komplett auf den nahen Ruhestand einlassen und nicht mehr nach einer alternativen Arbeit suchen.“
Inwieweit setzen die Betriebe noch auf ältere Beschäftigte? Die Entwicklung scheint widersprüchlich zu sein: „In den letzten 30 Jahren haben wir einen famosen Aufwuchs bei der Beschäftigung gesehen“, sagt Walwei. In den Daten zeige sich, dass die Betriebe mehr und mehr auch auf Ältere setzen; in den meisten Fällen hätten sie an ihren Belegschaften festgehalten. Zugleich seien gerade ältere Menschen länger auf ihren Arbeitsplätzen geblieben.
Doch werde in den Unternehmen zu wenig erwogen, was sie in demselben oder einem anderen Betrieb im Sinne eines Neustarts machen könnten. „Das ist nicht nachhaltig gedacht, weil die Gruppe der Babyboomer die nächsten Jahre stark prägen wird und zugleich die Wirtschaft wieder in Gang kommen muss.“ Wenn nicht in ganz großem Umfang Fachkräfteeinwanderung realisiert werde, müsse man die älter werdenden Belegschaften vorher „hegen und pflegen“.
Immerhin gebe es Erkenntnisse aus Betrieben, denen es sogar gelingt, rentenberechtigte Beschäftigte noch mit 45 Versicherungsjahren an Bord zu halten, statt sie vorzeitig und ohne Rentenabschläge, also in die sogenannte Rente mit 63, gehen zu lassen. Als geeignetes Instrument gilt die Arbeitszeit: Mit einer geringeren Belastung und passgenauen Teilzeitmodellen lässt sich demnach viel in der Altersgruppe erreichen.
Wie steht es um die Chancen älterer Arbeitsloser bei Bewerbungen auf neue Jobs? Bei Neueinstellungen älterer Beschäftigter hat sich wenig getan, stellt die Forschung fest. Ältere sind gegenüber Jüngeren immer noch benachteiligt. Das liegt nicht nur an der Selektion der Arbeitgeber. Auch berichten Betriebe Walwei zufolge, „dass sie gar keine älteren Bewerber haben“. Insofern seien beide Seiten für den Befund verantwortlich. „Es kann sein, dass da so etwas wie Altersdiskriminierung eine Rolle spielt.“ Dafür gebe es Indizien bei den Neueinstellungen. Denn Risikomerkmale wie verstärkte gesundheitliche Probleme im Alter oder eine im Laufe des Erwerbslebens entwertete Qualifikation erschwerten die Arbeitsmarktintegration. Zugleich mangele es den Älteren vielleicht auch an der Bereitschaft, sich neu zu bewerben. „Die haben manchmal auch keine Idee, was das Neue überhaupt sein kann.“
Was müssen ältere Menschen verändern, um an einen Job zu kommen? Walwei zufolge hat sich die Generation 55 Plus viel Erfahrungswissen im Betrieb angeeignet und ein „Standing“ aufgebaut – zugleich erhalten sie diverse Zuschläge und nach Beförderungen höhere Gehälter. Bei einer Bewerbung um einen neuen Job müssten sie „fast von vorne anfangen“. Unfreiwillige Jobverluste verlangten gerade Älteren eine hohe Konzessionsbereitschaft ab, wenn die Arbeitsmarktrückkehr gelingen soll. „Da muss dieser Personenkreis zumindest anfangs mehr Zugeständnisse machen.“
Die Suche nach einer neuen Stelle werde oft als sehr anstrengend empfunden. „Es ist für die meisten kein Spaß, sich nach einer anderen Arbeit umzusehen, weil damit bestimmte Erwartungen verbunden sind“, sagt der IAB-Forscher. „Es wird so gesehen, dass man etwas zu verlieren hat.“ Ratsam sei aber, sich mit Bewerbungen nicht zu viel Zeit zu lassen. „Man muss nicht auf das erstbeste Jobangebot eingehen, aber richtig lange zuzuwarten, das ist nicht zu empfehlen, weil sich dies sehr negativ auf die Wiedereingliederungschancen auswirken könnte.“
Was lässt sich bei der Förderung von älteren Arbeitslosen verbessern? Zum „Wollen“ und „Können“ gehört für Walwei das „Dürfen“: Anders als etwa skandinavische Länder hat Deutschland komplexe Regelungen im Arbeitsrecht, die „eine Weiterbeschäftigung Älterer nicht erleichtern“ – gerade im Kündigungs- und Befristungsrecht. In der Vergangenheit wurden ältere Arbeitslose mit der Entgeltsicherung besonders unterstützt. Deren Wiedereinführung wird diskutiert – obwohl es „hohe Mitnahmeeffekte“ gebe, wenn „zu junge“ Ältere gefördert werden. Bei der Förderung müssten die Konditionen für ältere Arbeitslose nicht unbedingt großzügiger ausgestaltet sein als für jüngere, rät Walwei. Zugleich werden Jüngere öfter mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (im SGB III) gefördert als die Gruppe 55 Plus.
Es reiche nicht, „nur an einzelnen Stellschrauben zu drehen“, sagt der zum Jahresende ausscheidende IAB-Vizedirektor. Auch kulturell müsse die Offenheit für längeres Arbeiten gestärkt werden. „Ich glaube, dass es da noch ein ganz schön weiter Weg zu gehen ist, bis unsere Gesellschaft konstruktiv damit umgeht.“