Der Aufschwung am Arbeitsmarkt geht an Langzeitarbeitslosen vorbei Foto: dpa

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Stuttgart hat sich nach dem Tiefststand 2008 mit 10 391 fast jährlich erhöht. Inzwischen sind 12 412 Menschen ein Jahr oder länger ohne Job. Gleichzeitig ist die Zahl der öffentlich geförderten Jobangebote zurückgegangen.

Stuttgart - Fünf Arbeitshilfeträger schlagen Alarm. Sie fordern von der Stadt ein kommunales Beschäftigungsprogramm mit 650 Plätzen. Es würde, je nach Mitfinanzierung des Bundes, 3,3 bis 4,2 Millionen Euro pro Jahr kosten.

„Wir haben einen sehr guten bis glänzenden Arbeitsmarkt, von dem aber nicht alle profitieren. Wir erleben seit Jahren den Rückbau der Förderung Langzeitarbeitsloser“, sagte Edgar Heimerdinger vom Caritasverband Stuttgart am Montag bei einer Pressekonferenz. Förderprogramme seien ausgelaufen oder orientierten sich nicht am Bedarf. Die Ein-Euro-Jobs gibt es seit 2013 nicht mehr, weil sie als nicht wettbewerbsneutral gelten.

Zwölf Jahre lang gab es das Programm Arbeit statt Drogen. Seit Januar gilt eine Aufteilung von je 50 Prozent Beschäftigung und Qualifizierung. Nur noch wenige Stunden Arbeit, dafür aber „das fünfte Bewerbungstraining“, das sein eine „nicht brauchbare Maßnahme, also sind wir ausgestiegen“, sagte Heimerdinger.

Auch Uli Rabeneick, stellvertretender Geschäftsführer des Sozialunternehmens Neue Arbeit, berichtete von nicht leistbaren Vorgaben. Das von der Stadt betriebene Jobcenter mache zur Bedingung, dass jeder vierte geförderte Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werde. Das sei bei Suchtkranken, Wohnungslosen oder psychisch Kranken nicht leistbar.

Eine „unsinnige rechtliche Einschränkung“ erkennt Rabeneick auch in der Vorgabe, dass nach zwei Jahren Förderung eine Zwangspause von drei Jahren einlegen müssten. Das sei „völliger Unsinn“. Wo Förderprogramme ausgelaufen sind versuchen die Sozialunternehmen den Brückenbau. 55 Menschen hat die Caritas nun ehrenamtlich beschäftigt.

„Wir zahlen die Fahrtkosen und eine kleine Entschädigung, aber das können wir nicht länger machen“, sagt Heimerdinger. Aus Sicht von Rabeneick und Heimerdinger müsste die Stadt „nichts neu erfinden, gefragt ist ein Beschäftigungszuschuss“.

Bisher sei die Meinung auch von Kommunalpolitikern, dass die Konjunktur Langzeitarbeitslosen helfe. „Aber das tut sie nicht, denn die Anforderungen steigen, mitgebracht werden müssen 120 Prozent Leistungsfähigkeit und Flexibilität“, so Heimerdinger. Das Problem löse sich also nicht von alleine. Gebraucht würden 140 geförderte Plätze für Flüchtlinge, 100 für Suchtkranke, 110 für Wohnungslose und je 150 für psychisch Kranke und für Frauen. Das Thema soll im Wirtschaftsausschuss des Gemeinderates besprochen werden.

Zur Pressekonferenz berichteten drei Langzeitarbeitslose im Alter zwischen 47 und 62 Jahren über ihre Perspektiven. „Ich habe keine Aussicht auf den ersten Arbeitsmarkt, aber ein paar Stunden Arbeit jede Woche tun mit gut“, sagt ein Drogenabhängiger, der substituiert wird und in der Lederschmiede arbeitet. „Ohne Ehrenamt wäre ich in ein finanzielles Loch gefallen“, sagt der 48-Jährige ausgebildete Fotolaborant. „Ich arbeite sehr gerne“, bekennt eine 62-Jährige, für die die Scheidung vor vielen Jahren den sozialen Abstieg einläutete.

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