Im Handel und in der Gastronomie verdienen sich viele etwas dazu Foto: dpa

Gewerkschaften sehen Minijobs als Sparmodell für Arbeitgeber. Wirtschaftsverbände halten sie für ein flexibles Beschäftigungsmodell, von dem jeder profitiert: 450-Euro-Jobs sind ohnehin umstritten.  Jetzt herrscht Uneinigkeit, ob dort  der Mindestlohn gelten soll.    

Gewerkschaften  sehen Minijobs als Sparmodell für Arbeitgeber. Wirtschaftsverbände halten sie für ein flexibles Beschäftigungsmodell, von dem jeder profitiert: 450-Euro-Jobs sind ohnehin umstritten.  Jetzt herrscht Uneinigkeit, ob dort  der Mindestlohn gelten soll.    

Stuttgart - Einmal musste Sascha Schächer (36) die Polizei rufen, damit er mit dem Leichenwagen wieder wegfahren konnte. Das sind die schwierigen Tage in seinem Nebenjob als Bestatter. Die Familie aus Zuffenhausen wollte ihn nicht gehen lassen mit ihrem toten Baby. Es ist mit sieben Monaten an Plötzlichem Kindstod gestorben. „Dieses Erlebnis hat mich verfolgt“, sagt Schächer. Die Haare des ehemaligen Lkw-Fahrers sind dunkel, die Schultern sind breit, die Arme tätowiert. An allen anderen Tagen macht ihm seine Arbeit Freude.

Immer mehr Menschen haben neben ihrem sozialversicherungspflichtigen Hauptberuf noch einen 450-Euro-Job. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist die Zahl im November auf 2,7 Millionen gestiegen. So viele Multijobber gab es noch nie. Die Zahl ist das Ergebnis einer Hochrechnung der Statistiker, die „sehr genau ist“, so eine Sprecherin der BA. Über die Gründe können Arbeitsmarktexperten nur spekulieren. Es gibt keine Untersuchungen zu den Motiven der Multijobber.

„Ich mache diesen Nebenjob nicht des Geldes wegen“, sagt Schächer. „Es ist mir ein Anliegen, dass der letzte Weg der Menschen ein würdevoller Weg ist.“ Er arbeitet nicht mehr bei der Firma, bei der er die Erfahrung mit dem Baby gemacht hat. Heute übernimmt er nachts den Bereitschaftsdienst bei dem Bestattungsunternehmen Häfner & Züfle. „Mir gefällt die Art, wie Ute Züfle und Chantal Häfner mit den Verstorbenen und den Angehörigen umgehen“, sagt Schächer. „Die Hinterbliebenen können bei jedem Schritt dabei sein.“

In seinem Hauptberuf ist Schächer bei einem Müllentsorgungsunternehmen als Vorarbeiter tätig. Um die 2000 Euro verdient er netto. „Meine Frau und ich haben vier Kinder zu ernähren.“ Auch wenn Geld nicht sein Hauptmotiv für einen Nebenjob ist, so sieht Schächer doch, dass immer weniger Familien mit einem Gehalt über die Runden kommen. „Allein die Kosten für Miete und Energie sind in den vergangenen Jahren extrem gestiegen“, sagt er.

Zusätzlich zu den Nebenjobbern zählen die BA-Statistiker 4,8 Millionen Menschen, die ausschließlich einen 450-Euro-Job haben. Gewerkschaften sehen in Minijobs bisher ein Sparmodell für Arbeitgeber.

Gaststättenverband fürchtet, Mindestlohn könnte Jobs vernichten

Auch Bernd Riexinger, Vorsitzender der Partei Die Linke, steht der Beschäftigungsform kritisch gegenüber: „Die 450-Euro-Jobs sind ein Anreiz für Armutslöhne und ein Treibsatz für Prekarisierung“, sagt er unserer Zeitung. In Wirklichkeit seien sie eine Lohnbremse. „Diese Lohnbremse muss raus aus dem Arbeitsrecht.“ Die Einführung des Mindestlohns sei eine gute Gelegenheit, um dem Missstand zu begegnen. „Ich nehme zur Kenntnis, dass es in der SPD Stimmen gibt, die das auch wollen. Aber dafür haben sie den falschen Koalitionspartner.“

Derzeit streiten sich Politiker und Vertreter der Wirtschaft über den im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Mindestlohn von 8,50 Euro, der 2015 eingeführt werden und bis 2017 uneingeschränkt gelten soll.

Viele Minijobber sind im Gastgewerbe tätig. Es gebe gute Gründe für qualifizierte Ausnahmen vom Mindestlohn bei Minijobbern, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). „Insbesondere gilt dies für junge Erwachsene, Schüler und Studenten, die häufig als Minijobber tätig sind und so erfolgreich in unsere Branche hineinschnuppern.“

Sollte der Mindestlohn auch bei Minijobs ausnahmslos wirksam werden, könnten laut Hartges Jobs wegfallen. „In strukturschwachen Regionen, gerade in Ostdeutschland, steht ein Verlust von Arbeitsplätzen jedweder Art zu befürchten“, so Hartges. „Die Personalkostensteigerungen, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, belaufen sich bei einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn ohne qualifizierte Ausnahmen auf 15 bis 20 Prozent.“

Auch die Arbeitgeber in Baden-Württemberg befürchten einen Wegfall von Arbeitsplätzen, einen Anstieg der Verbraucherpreise und das Abwandern von Minijobs in Schwarzarbeit, so ein Sprecher.

Das Bundesarbeitsministerium stellt unserer Zeitung gegenüber klar: „Der Mindestlohn soll für alle Arbeitnehmer im Sinne abhängiger Beschäftigung gelten“, verweist aber gleichzeitig auf den Koalitionsvertrag. Dort heißt es: „Wir werden das Gesetz im Dialog mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern aller Branchen, in denen der Mindestlohn wirksam wird, erarbeiten und mögliche Probleme, zum Beispiel bei der Saisonarbeit, bei der Umsetzung berücksichtigen.“

„Das ist eine Generalöffnungsklausel, mit der alle Branchen Ausnahmen fordern können“, kritisiert Arbeitsmarktexperte Stefan Sell. „Neben dem Gastgewerbe hätte auch der Einzelhandel ein großes Interesse an Ausnahmeregelungen.“

Schächer erhält für seinen Bereitschaftsdienst einen Pauschalbetrag. Übers Jahr gerechnet, hat er durchschnittlich fünf Einsätze im Monat. Wenn er sich samstags um die Pflege der Bestattungswagen kümmert, kommt er mit 450 Euro im Monat raus. Seine Arbeitgeberinnen bezahlen ihn gut. Auf seinen Geldbeutel würde sich der Mindestlohn gar nicht auswirken.

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