Thomas Fischer hat seinen Platz gefunden – als Mesner und Hausmeister in der evangelischen Kirchengemeinde in Aldingen. Foto: factum/Bach

Thomas Fischer ging es dank seiner Alkoholsucht dreckig, aber er hat nicht aufgegeben. Und ein paar andere Menschen gaben ihn ebenfalls nicht auf. Dass er jetzt eine feste Arbeitsstelle und Boden unter den Füßen hat, dabei half ihm auch eine Initiative der Evangelischen Landeskirche.

Remseck - Ich hab’ immer funktioniert, das Rädchen ist gelaufen“, sagt Thomas Fischer. Ohne diese Eigenschaft säße der 55-Jährige in diesem Augenblick wohl kaum als fest angestellter Mesner und Hausmeister der evangelischen Kirchengemeinde Aldingen am Gesprächstisch im Gemeindehaus, während Pfarrer Jens Keil den properen Parkettboden rühmt, den Fischer auf Vordermann gebracht hat: „Im Kostenvoranschlag vom Parkettleger standen 2500 Euro“, erzählt der Geistliche. „Herr Fischer hat es mit Materialkosten von 400 Euro hingekriegt.“

Wenn man vom Funktionieren im richtigen Augenblick einmal absieht, hatte vieles schon lange nicht mehr funktioniert in Thomas Fischers Leben. Der Strudel der Alkoholabhängigkeit zog den gelernten Einzelhandelskaufmann nicht nur 2011 in die Arbeitslosigkeit, sondern riss auch in den Abgrund, was er sich im Privatleben aufgebaut hatte. Seine Ehe scheiterte; der Obdachlosigkeit entging er nur dank der Hilfe eines Freundes.

Das Stigma des Ausgegrenztseins abstreifen

Ein Ankerpunkt, und das war Fischers Glück, ging nie ganz verloren: die Aldinger evangelische Kirchengemeinde, in der seine damalige Frau beschäftigt war. Dort hatte er schon früher immer wieder kleinere Handlangerarbeiten erledigt. Und als die evangelische Landeskirche und die Diakonie Württemberg im Jahr 2013 ihr 1,5 Millionen Euro starkes Förderprogramm „Beschäftigungsgutscheine“ auflegte, das heute „Teilhabegutscheine“ heißt, war der Rems-ecker Pfarrer Jens Keil einer der Ersten im Land, der solch einen Gutschein beantragte und bewilligt bekam – für Thomas Fischer.

6000 Euro Jahreszuschuss bekam die Gemeinde, um Fischer zu beschäftigen. „Geschenkte Zeit“, schwärmt Pfarrer Keil und betont dies besonders unter dem Gesichtspunkt, dass „der Kirche in den letzten Jahren Stellen zusammengestrichen wurden, wir aber Arbeit ohne Ende haben“.

Die Idee hinter den Gutscheinen: Ein monatlicher Zuschuss von 100 bis 500 Euro finanziert eine Zeitlang die Beschäftigung eines Langzeitarbeitslosen, damit er eine Tagesstruktur bekommt, sich gebraucht fühlt, soziale Anknüpfung findet und das Stigma des Ausgegrenztseins abstreifen kann. Man könnte das als Tropfen auf den heißen Stein sehen – doch dagegen verwahrt sich Dieter Kaufmann, der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg. Schließlich, so berichtet er, seien in der ersten Phase 500 Beschäftigungsgutscheine vergeben worden. In der zweiten Marge, die bis 2020 läuft, genehmigten Kirche und Diakonie bereits 120 Teilhabegutscheine.

Die Kirche will auch ein politisches Signal setzen

„Die Aktion soll auch ein politisches Signal und ein Impuls für Nachahmer sein“, sagt Kaufmann. „Es kann nicht sein, dass es in Baden-Württemberg noch mehr als 50 000 Langzeitarbeitslose gibt und über 15 Prozent der Menschen von Armut bedroht sind.“ Langfristiges Ziel der Gutscheine ist es, dass die bezuschusste Arbeit in unbefristete sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse mündet.

Das klappt nicht immer. Doch Thomas Fischer ist zurück auf dem so genannten „ersten Arbeitsmarkt“. Mittlerweile ist er mit 15 Stunden unbefristet als Mesner angestellt und mit 16,5 Stunden – im Moment noch befristet, aber mit Ausblick auf Entfristung – als Hausmeister. Beides zusammengerechnet, kann er von seiner Arbeit leben, wenn auch nicht üppig. Fischer schloss seine Therapie erfolgreich ab, räumte radikal mit seinem alten Leben auf, bildete sich fort und fand mit Hilfe der Kirchengemeinde und der Stadt Remseck eine bezahlbare Wohnung. Die liegt direkt um die Ecke von seinem Arbeitsplatz.

Der Weg war oft beschwerlich

Durch die rosarote Brille sehen die Beteiligten den Weg, der bis zu diesem Punkt führte, aber mitnichten. „Es war ein Auf und Ab“, sagt Pfarrer Jens Keil offen. Im Kirchengemeinderat gab es immer wieder Diskussionen, ob ein alkoholkranker Mitarbeiter zu tragen sei. „Aber wie Herr Fischer gekämpft hat, das hat alle überzeugt“, sagt der Seelsorger. „Er war immer hoch motiviert, zuverlässig, geradezu perfektionistisch. Manchmal muss man ihn eher bremsen.“ Die Vorbehalte hätten sich von Woche zu Woche abgeschwächt. „Offen kritisiert hatte uns aber sowieso niemand. Das ist nicht die Art in so einem kleinen Ort.“

In der Stimme der Kirchengemeinderatsvorsitzenden Christa Majer-Kachler schwingt Anerkennung mit, wenn sie betont: „Auch wenn es ihm dreckig ging: Seine Arbeit hat er immer pünktlich gemacht“, sagt sie. „Wenn wir nicht immer wieder beobachtet hätten, wie Herr Fischer arbeitet, hätten wir das Risiko der Festanstellung aber wohl nicht gewagt.“

Das selbstbestimmte Arbeiten liegt ihm

Thomas Fischer selbst ist nicht blauäugig: Es ist ihm klar, dass manches über ihn geredet wurde und wird im Ort. „Das darf man nicht an sich ranlassen“, sagt er. „Meine Motivation war, dass ich’s einfach schaffen muss.“ Er verwendete alle Willenskraft darauf, herauszukommen aus der persönlichen Misere. Hartz IV, sagt er, sei eine „absolute Katastrophe“: „Man ist ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, die sozialen Kontakte werden weniger, man sitzt zuhause rum und vereinsamt.“

Sein jetzige Aufgabe bei der Kirchengemeinde liegt Thomas Fischer. Schon allein deswegen, weil er gerne sein eigener Herr ist. Er schätzt das weitgehend selbstbestimmte Arbeiten und die Vielseitigkeit: Hier gärtnern und Handwerkliches erledigen, da Gottesdienste, Taufen und andere sakrale Ereignisse begleiten, dort organisieren und Material beschaffen. Aktuell beschäftigt ihn die Programmierung des Glockengeläuts: „Mit der Technik hab’ ich’s nicht so ganz“, scherzt er. Was er sich nach vielen schweren Zeiten erhofft? „Dass ich hier jetzt meinen Platz gefunden habe.“

Teilhabegutscheine
Zwischen 2017 und 2020 stellen stellen Evangelische Landeskirche und Diakonisches Werk Württemberg 900 000 Euro bereit, damit Menschen Arbeit bekommen – über Ehrenamt-Modelle, als Minijob oder als sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Pro Person und Monat gibt es ein Jahr lang zwischen 100 und 500 Euro, je nach Situation und Co-Finanzierung. Bisher wurden 120 Anträge (darunter 64 sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten), in Summe sind das 356 000 Euro, bewilligt.

Beschäftigungsträger
Den Arbeitslosen müssen entweder Kirchengemeinden selbst einstellen oder mit einem Beschäftigungsträger zusammenarbeiten. „Wir wollen in den Gemeinden ein Bewusstsein für Armut und Ausgrenzung schaffen“, sagt der Diakonie-Chef Dieter Kaufmann.

Noch mehr Förderung Teilhabegutscheine gibt es auch für Zuschüsse in den Bereichen Freizeit, Kultur und Bildung – als einmalige Zahlungen von maximal 250 Euro.

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