Wenn in großer Zahl Unternehmen schwächeln, macht sich dies in der Arbeitslosenstatistik für Baden-Württemberg deutlich bemerkbar. Foto: picture alliance/dpa/Sonja Wurtscheid

Die Arbeitslosigkeit steigt binnen eines Jahres deutlich. Wegen der „besorgniserregenden Lage in der Industrie“ fordert der Gewerkschaftsbund im Südwesten die Wirtschaft auf, von Entlassungen abzusehen. Welche Chancen hat der Appell?

Die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg ist im Februar im Vergleich zum Vormonat dezent gesunken – dennoch zeigt sich ein alarmierender Trend am Arbeitsmarkt: ein Zuwachs von neun Prozent gegenüber Februar 2024. Das Plus von 24 040 bedeutet nun 292 606 Arbeitslose im Land. Lediglich Bayern (plus elf Prozent) hat einen deutlicheren Anstieg zu verzeichnen. Die Arbeitslosenquote kletterte im Vergleich zum Vorjahr um 0,4 auf 4,6 Prozentpunkte.

 
Arbeitslosenquoten in Bund und Land Foto: Bundesagentur für Arbeit/Lange

Insofern fordert der Gewerkschaftsbund (DGB) eine Selbstverpflichtung der Arbeitgeber, auf Stellenabbau und Entlassungen zu verzichten. Im Blick hat der Landesvorsitzende Kai Burmeister vor allem die „besorgniserregende Lage in der Industrie“, wo die Beschäftigten mit einschneidenden Sparprogrammen konfrontiert sind. Die Arbeitgeber sollten ihre Belegschaften „nicht weiter mit Ankündigungen von Stellenabbau und Verlagerungen verunsichern“ und auf einen „Jobkahlschlag“ verzichten, rät er.

Appell zur Selbstverpflichtung dürfte auf Ablehnung stoßen

Schon in der Wirtschaftskrise 2008 hat die IG Metall die Arbeitgeber zu einer solchen Selbstverpflichtung gedrängt. Damals hat die Kurzarbeit stark dazu beigetragen, dass die Unternehmen ihre Beschäftigten an Bord gehalten haben. Diesmal ist die Lage eine andere, es geht um grundsätzliche Entscheidungen gegen den Standort Deutschland. Kurzarbeit wird da oft nicht mehr als Mittel der Wahl gesehen. Zudem lehnen Unternehmen jegliche äußere Beeinflussung ihrer Entscheidungen stets strikt ab.

Stefan Küpper, Geschäftsführer der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), lenkt den Blick auf die Widersprüche des Arbeitsmarkts: Einerseits bremse die schwache Konjunktur – andererseits gebe es eine hohe Zahl offener Stellen. Viele Arbeitgeber suchten händeringend nach Personal. Das Problem werde sich in den nächsten Jahren durch den verstärkten Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge verschärfen. Küpper sieht speziell die künftige Bundesregierung am Zuge: „Die Arbeits- und Fachkräftesicherung und eine Aktivierung der Arbeitsmarktpolitik gehören bei den Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung weit oben auf die Agenda.“

Ausländer-Arbeitslosigkeit mehr als doppelt so hoch

Offen ist, ob eine besondere Problemgruppe davon profitieren kann: Unter den Ausländern in Baden-Württemberg ist die Arbeitslosenquote mit 10,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie unter allen „zivilen Erwerbspersonen“, wie es bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) heißt. Konkret handelt es sich um 127 802 von 292 606 Arbeitslosen, also 43,7 Prozent, die fremde Wurzeln haben. Insgesamt sind mehr Männer (55,5 Prozent) als Frauen ohne Beschäftigung. 85 609 Menschen (29,3 Prozent) sind langzeitarbeitslos.

Arbeitsmarkt in Bund und Land Foto: Bundesagentur für Arbeit/Lange

Überdurchschnittlich ist der Südwesten von Kurzarbeit betroffen: Im November befanden sich nach hochgerechneten Daten 69 439 Personen im Land in Kurzarbeit – ein klarer Zuwachs gegenüber den Vormonaten. 1,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten waren in Kurzarbeit, fast doppelt so viele wie im Bundesschnitt. Allein in der Metall- und Elektroindustrie nutzen deutschlandweit 23 Prozent aller Unternehmen Kurzarbeit – dies ist der höchste Stand seit 2021. Für die nächsten Monate planen 31 Prozent, auf Kurzarbeit zurückzugreifen.