Die Zahl der Pflegebedürftigen hat sich im Rems-Murr-Kreis in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Umso dringender suchen ambulante und stationäre Dienste nach Personal.
Dass sich Uta Trautewig für eine späte Karriere in der Pflege entschieden hat, liegt nicht an einem wie auch immer gearteten Kindheitstraum. Der Auslöser für den Richtungswechsel war ein schwerer Schicksalsschlag: Elf Jahre lang hat sich die aus Niedersachsen stammende Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt um ihren Lebensgefährten gekümmert. Ein Schlaganfall hatte den Mann von einem Tag auf den anderen zu einem Pflegefall gemacht, der für seinen Alltag eine rund um die Uhr verfügbare Hilfe braucht.
Uta Trautewig pflegte den Dauerpatienten in den eigenen vier Wänden, bis es einfach nicht mehr ging. Die Sorge um den Lebensgefährten aber war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie im Alter von immerhin 49 Jahren beruflich noch mal umsattelte. Seit dem vergangenen Sommer schult sie zur Pflegefachfrau um und arbeitet im Haus Elim im Waiblinger Teilort Bittenfeld. Gefördert werden solche Weiterbildungen nicht nur von den händeringend nach Personal suchenden Arbeitgebern, sondern auch von der Arbeitsagentur.
Aus Sicht der Arbeitsagentur herrscht eine Beschäftigungsgarantie
„Der Bedarf an examinierten Fachkräften ist in der Altenpflege immens, und er wird weiter zunehmen“, sagt Christine Käferle, die Leiterin der Waiblinger Behörde. Sie spricht von einer zukunftssicheren Branche, für die quasi eine Beschäftigungsgarantie gelte. Die Babyboomer aus den Wirtschaftswunderzeiten kommen schließlich erst noch ins Rentenalter – und werden die Nachfrage nach ambulanten Pflegedienstleistungen und auch stationären Einrichtungen noch einmal kräftig ankurbeln.
Denn nach wie vor werden die meisten der exakt 18 306 pflegebedürftigen Menschen, die für den Rems-Murr-Kreis in der Statistik stehen, noch zu Hause betreut. In den kreisweit 73 Pflegeheimen werden zwischen Großerlach und Plüderhausen 3761 Menschen stationär betreut. Um weitere 3685 Patienten kümmern sich die 41 ambulanten Pflegedienste im Kreis – von der vergleichsweise großen Diakoniestation bis zur mit einer Handvoll an Beschäftigten arbeitenden Privatpflege.
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Gemeinsam ist bei großen und kleinen Anbietern, dass es am Personal hapert. Nach einer Statistik der Arbeitsagentur dauert es wegen des Mangels an Fachkräften durchschnittlich acht Monate, um in der Altenpflege eine freie Stelle neu zu besetzen.
Laut Verena Bischl, der stellvertretenden Leiterin der Waiblinger Niederlassung, ziehen sich Vakanzzeiten im Pflegebereich etwa doppelt so lang wie in anderen Berufsgruppen. „Acht Montag sind einfach eine wahnsinnig lange Zeit“, sagt sie.
Irina Strömel von der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft kann ein Lied davon singen, was das für die Personalplanung heißt. „Mir fehlen aktuell immer noch Fachkräfte, weil in der Corona-Zeit sieben Mitarbeiterinnen quasi zeitgleich schwanger geworden und ausgefallen sind. Wir können uns nur über eine Zeitarbeitsfirma retten“, berichtet die Leiterin des Wilhelmine-Canz-Zentrums. Um so glücklicher ist sie deshalb über Menschen wie Sonja Reinstadler.
Für eine Förderung musste man früher erst mal durch die Prüfung fallen
Die gelernte Augenoptikerin hat 2018 den Quereinstieg in die Pflege gewagt und diesen Schritt nie bereut. „Es macht total Spaß“, sagt sie über die neue Aufgabe. Der Weg zur Weiterbildung war freilich steinig. „Um auch eine dreijährige Förderung für die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu erhalten, musste ich erst mal durch die Prüfung fallen – sonst hätte es kein Geld gegeben“, berichtet sie von bürokratischen Mühlen.
Grund für den irrwitzig anmutenden Tipp ist laut Christine Käferle von der Arbeitsagentur, dass der gerade für Quereinsteiger als Testphase interessante einjährige Helferkurs eine baden-württembergische Erfindung ist, die nicht zum bundesweit gültigen Regelwerk gepasst hat. Inzwischen aber – das bestätigt auch Umschülerin Uta Trautewig – ist das Vorschriften-Wirrwarr für die Förderung besser aufeinander abgestimmt. „Der Quereinstieg ist leichter geworden“, sagt sie.
Das Einstiegsgehalt kann durch Sonderzuschläge deutlich steigen
Glücklich ist auch die Waiblinger Arbeitsagentur nicht über alle Regelungen – für die Genehmigung von Weiterbildungen würde sich die Behörde mehr Spielraum für eine individuelle Bewertung wünschen. „Wir müssen mehr Menschen für die Pflegeberufe motivieren, die in der Lebensmitte stehen“, sagt Agenturleiterin Käferle. Da ist aus Sicht von Reinhold Hauck, Geschäftsführer des Fellbacher Pflegediensts Pinoy, vor allem die Sprachförderung ein Thema. Gerade in schriftlichen Prüfungen täten sich Mitarbeiter mit Migrationshintergrund schwer. Und der für die Dokumentation der Arbeit anfallende Papierkram sei für Pflegekräfte aus dem Ausland noch zeitaufwendiger als für Menschen mit deutscher Muttersprache. „Der bürokratische Ballast durch die sehr komplizierten Vorschriften ist enorm“, wünscht er sich Licht im Regel-Dschungel.
Tatsächlich sind laut Irina Strömel von der Großheppacher Schwesternschaft knapp zwei Drittel ihrer Pflegekräfte in einem anderen Land geboren. „Das geht von Madagaskar bis zur Mongolei“, sagt sie. Strömel selbst ist vor drei Jahrzehnten aus Kasachstan eingewandert, den Einstieg in die Pflege hat sie seinerzeit über einen Kurs beim Roten Kreuz geschafft. Und auch vom heutigen Verdienstniveau war Irina Strömel beim Berufseinstieg noch weit entfernt. Mindestens 2300 Euro hat eine Pflegefachkraft schon ohne Zusatzqualifikation als Bruttolohn in der Tasche – ein Betrag, der durch Sonntagszuschläge und Nachttarife noch deutlich steigen kann.
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Aus Sicht der Arbeitsagentur ist auch das ein Grund, dass im Rems-Murr-Kreis inzwischen mehr als 2600 Menschen in der Altenpflege tätig sind. Vor zehn Jahren waren es noch etwas über 2000 Beschäftigte. Übertroffen wird der Anstieg um satte 22 Prozent allerdings von der Zahl der pflegebedürftigen Menschen: Der hat sich in den vergangenen zehn Jahren an Rems und Murr mehr als verdoppelt.
Die Pflegeberufe stehen neben der Gastrobranche auch bei der kreisweiten Bildungsmesse „Fokus Beruf“ im Blickfeld. Sie findet am 24. und 25. Juni in Waiblingen statt.