Die Lehre im Autohaus hat dank einer TV-Serie ein besseres Image erhalten. Foto: dpa

Der Trend zum Studium hält an. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es mehr offene Ausbildungsstellen als Bewerber. Die Agentur für Arbeit zieht Bilanz.

Ludwigsburg - Die Chancen für Jugendliche, einen Ausbildungsplatz zu finden, seien so gut wie nie, sagt Martin Scheel. Doch mit dieser guten Nachricht eng verbunden ist eine schlechte: „Denn es sind auch noch nie so viele Ausbildungsstellen zum Ende eines Berichtsjahres unbesetzt geblieben“, sagt der Leiter der Ludwigsburger Arbeitsagentur. Der Trend der letzten Jahre setze sich fort: „Bestimmte Berufe gehen schon lange leer aus.“

Insgesamt 421 gemeldete Ausbildungsstellen waren am 30. September, der für die Arbeitsagentur ein ganz besonderer Stichtag ist, noch unbesetzt – 177 mehr als im Bilanzjahr 2016/17. Besonders unbeliebt seien offenbar Stellen in den Bereichen Verkauf, Metzgerei oder Bäckerei, Gastronomie, Friseurhandwerk sowie Sanitär, Heizung- und Klimatechnik. „Für viele Unternehmen im Landkreis hat sich die Situation weiter zugespitzt“, sagt Scheel. „Mit der Folge, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen können.“

Die Hälfte kommt von der Realschule

Zwar gebe es auch immer wieder Überraschungen, doch die seien nur von kurzer Dauer: „So hatte vorübergehend die Nachfrage nach dem Beruf des Immobilien- und des Automobilkaufmannes deutlich zugenommen“, sagt der Chef der Arbeitsagentur. Die Ursache dafür war bald gefunden: Im Fernsehen sind Serien gelaufen, in denen Autohändler und Immobilienmakler die Hauptrolle spielten.

Zum Negativimage, das manchen Lehrberufen anhänge, komme der anhaltende Trend zu höheren Schul- und Bildungsabschlüssen. Auch das habe dazu geführt, dass sich die bestehenden Ungleichgewichte in einzelnen Branchen weiter verstärkt haben, sagt Scheel. Es sei so, dass sich viele Jugendliche mehrere Optionen offen hielten: Wenn sie in einem Jahr nicht das Passende fänden, setzten sie die Schulausbildung fort, um ihre Chancen zu verbessern. Viele Fortbildungsangebote der Arbeitsagentur befördern das.

„Es ist aber auch oft so, dass ihnen die Eltern dazu raten“, sagt Scheel. Die Zahl derer, die vom Elternhaus dazu angehalten würden, einen Beruf zu erlernen, um möglichst bald Geld zu verdienen, sei deutlich kleiner geworden. Fast die Hälfte der Jugendlichen, die im vergangenen Jahr bei der Agentur wegen einer Lehrstelle angefragt haben, haben einen Realschulabschluss. Etwa 22 Prozent haben einen Hauptschulabschluss, zwölf Prozent hatten die Fachhochschulreife und 13 Prozent ein Abitur in der Tasche. Im Schnitt starten die Jugendlichen erst mit 19 Jahren in eine Ausbildung.

Workshops für Eltern

Im Zeitraum von 1. Oktober 2017 bis 30. September 2018 haben insgesamt 2825 junge Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter des Landkreises aufgesucht. Das waren 209 Bewerber (oder 6,9 Prozent) weniger als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Im Gegenzug haben Unternehmen der Agentur für Arbeit 3335 freie Stellen für Lehrberufe gemeldet. Das waren 327 (oder 10,9 Prozent) mehr als im Jahr zuvor. Statistisch betrachtet, entfielen damit auf 100 Bewerber 118 Ausbildungsstellen. Im Jahr zuvor kamen nur 99 Lehrstellen auf 100 Bewerber.

Er und seine Mitarbeiter seien zu Neutralität verpflichtet, sagt Scheel. „Wir lenken nicht, wir leiten.“ Dennoch sähe die Agentur eine ihrer wesentlichen Aufgaben darin, den Blick, der aktuell auf Abitur und Studium fokussiert ist, auch auf die Ausbildungsberufe zu lenken. Vielen Schulabgänger – aber auch deren Eltern – sei offenbar nicht klar, wie gut die Aufstiegschancen in manchen Lehrberufen seien, sagt Scheel. Um mögliche Defizite abzubauen, biete die Arbeitsagentur mittlerweile auch Workshops für Eltern an.

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