Frauen sind in Führungspositionen häufig unterrepräsentiert. Dabei fehlt es weder an Kompetenz, noch an Führungsqualitäten. Was einer Karriere häufig im Weg steht, erläutert Karin Käppel, die Chefin der Göppinger Arbeitsagentur.
Esslingen - Derzeit ist nur jede dritte Führungskraft in Deutschland weiblich – die „Initiative Chefsache“, ein Netzwerk von Führungskräften aus vielen Branchen, sieht deshalb „Handlungsbedarf auf ganzer Linie“. Karin Käppel hat in der Bundesagentur für Arbeit Karriere gemacht, seit eineinhalb Jahren leitet sie die Göppinger Arbeitsagentur, die zu den größten im Land gehört und die Landkreise Esslingen und Göppingen betreut. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Käppel, warum es Frauen oft so schwer fällt, in Führungspositionen zu gelangen und was sich in Gesellschaft und Berufswelt verändern muss, damit „Chancengleichheit“ kein leeres Wort ist.
Frau Käppel, kürzlich trafen sich am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz die Chefs großer Firmen zum Mittagessen – nur eine einzige Frau war dabei. Sind Frauen in den Chefetagen so krass unterrepräsentiert?
Das war extrem. Zum Glück ist die Situation auf vielen Führungsebenen weniger dramatisch. Zuletzt hat sich einiges getan, die Erwerbstätigkeit von Frauen hat zugenommen. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Wir haben einen Fachkräftemangel. Das erkennen immer mehr Arbeitgeber und versuchen gegenzusteuern, indem sie schauen, wie sie Frauen eine angemessene berufliche Zukunft ermöglichen. Wir können es uns gar nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Wir brauchen sie auf allen Ebenen. Ohne Frauen an der Spitze geht es auch nicht.
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Warum tun sich Frauen, die Karriere machen wollen, oft schwerer als Männer?
Unser gesellschaftliches Rollenbild ist immer noch auf die Frau fokussiert, die sich um Haushalt, Kinder oder die Pflege der Eltern kümmert. Diese Rollenverteilung ist durch Corona nicht gerechter geworden. Beim Einstieg in den Beruf haben Jungs und Mädchen dieselben Chancen, weil es in der Schule noch keine Unterschiede gibt. Häufig sind es sogar die Mädchen, die gute Noten haben. Doch wenn es an die Berufswahl geht, fängt das Problem oft an. Auch wenn sich einiges getan hat, entscheiden sich noch immer viel zu viele Mädchen gegen die Mint-Berufe und werden lieber Friseurin oder Verkäuferin, auch wenn sie deutlich weniger verdienen.
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Fehlt es etwa am Selbstbewusstsein?
Mit Sicherheit spielt das eine Rolle. Es ist ja schön, dass es eine freie Berufswahl gibt. Und es muss auch nicht jede Frau Konzernchefin werden. Andererseits gibt es tolle Beispiele, wie Frauen ihren Weg gegangen sind. Entscheidend ist, dass jede Frau die Karriere machen kann, für die sie geeignet ist und die sie machen möchte. Unsere Berufsberaterinnen und -berater tun viel, um jungen Frauen ihre individuellen Möglichkeiten aufzuzeigen, ihnen Mut zu machen und ihnen die Chance zu geben, in Praktika auszuprobieren, was in ihnen steckt. Wir ermöglichen Ausbildung und Qualifizierung in Teilzeit, helfen beim beruflichen Wiedereinstieg und bieten lebensbegleitende Berufsberatung an.
Frauen sind per se nicht weniger kompetent und führungsfähig. Sind die Rahmenbedingungen für Frauen schlechter?
Auf jeden Fall spielt die Lebenssituation eine große Rolle. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, fällt es Frauen leichter, die Karriereschritte zu machen, die ihnen angemessen sind. Sie brauchen einen Partner, der ihnen den Rücken freihält. Und wenn sie Kinder haben und im Beruf vorankommen wollen, muss der Arbeitgeber die nötigen Voraussetzungen schaffen. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen – durch flexible Arbeitszeitmodelle, digitale Kommunikation oder indem sich Frauen Führungspositionen teilen. Ganz wichtig ist: Wenn ich mein Kind in die Kita gebe, um arbeiten zu können, muss ich sicher sein, dass es eine hochwertige Betreuung erhält und nach seinen Fähigkeiten gefördert wird. Das nützt Frauen und Männern.
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In der Arbeitsverwaltung scheint das zu funktionieren: Die Göppinger Arbeitsagentur hat mit Ihnen zum dritten Mal nacheinander eine Frau an der Spitze . . .
Die Bundesagentur achtet sehr darauf, dass sich Frauen kontinuierlich qualifizieren und Karriere machen können. Wir bieten flexible Arbeitszeitmodelle, Jobsharing, mobiles Arbeiten und vieles mehr an. Das sorgt für mehr Chancengleichheit und wird als Ausdruck der Wertschätzung empfunden.
Verhalten sich Männer in Führungspositionen anders als Frauen?
Es gibt nicht die Frau und den Mann in Führungspositionen. Wir sind ja zum Glück alles Individuen. Ich versuche konsequent, meine Kolleginnen und Kollegen in Entscheidungen einzubeziehen. Diesen alleindenkenden Führungsstil, der manchen Männern nachgesagt wird, haben Frauen weniger. In der Arbeitsagentur gibt es Frauen und Männer in Führungspositionen. Das klappt wunderbar. Auch gesellschaftlich hat sich viel verändert. Vor 25 Jahren musste sich eine Frau noch viel mehr männliche Eigenschaften aneignen, um als Führungskraft akzeptiert zu werden.
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Werden wir in 20 Jahren noch darüber reden müssen, dass Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind?
Vieles hat sich ja schon verbessert, und diese Entwicklung wird weitergehen, weil wir jede Frau, die arbeiten möchte, brauchen werden – ganz egal auf welcher Ebene. Trotzdem wird sich das Problem nicht abrupt in Luft auflösen, weil sich das Verständnis für die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft auch nicht von heute auf morgen verändern wird.
Zur Person
Werdegang
Karin Käppel wurde im damaligen Arbeitsamt in Hof ausgebildet. Nach dem Mauerfall wirkte sie im Osten beim Aufbau der Arbeitsverwaltung in Plauen, Halle und Dessau mit – „eine aufbauende und aufregende Zeit“, erinnert sie sich. Als im Gefolge der Hartz-Reform die Jobcenter entstanden, kam Karin Käppel in die Region. Sie hat das Jobcenter Landkreis Esslingen aufgebaut und einige Jahre lang geleitet, wechselte dann in die Stuttgarter Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA). Sie hat sich über die Jahre konsequent innerhalb der BA weiter qualifiziert und später unter anderem die Arbeitsagenturen in Aalen, Iserlohn, Schwäbisch Hall und Tauberbischofsheim geleitet, ehe sie im September 2020 die Geschäftsführung der Göppinger Arbeitsagentur übernahm.
Aufgabe
Rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen in der Göppinger Agentur für Arbeit die Kreise Esslingen und Göppingen.