Mehrere Dutzend Bauarbeiter aus Osteuropa haben sich ans Stuttgarter Arbeitsgericht gewandt, weil sie ihren Lohn nicht bekommen haben. Solche Fälle häufen sich Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Sie kommen aus Osteuropa, um für Subunternehmen von Baufirmen zu schuften. Doch immer wieder gibt es dafür kein Geld, sondern Ausbeutung. 26 Arbeiter wehren sich jetzt gerichtlich und nehmen den Generalunternehmer Züblin in die Pflicht.

Stuttgart/Esslingen - Die Tür am Stuttgarter Arbeitsgericht öffnet sich – und die Reihe der Menschen, die herauskommen, will einfach nicht abreißen. Männer mit dunklen Haaren und vom Wetter gegerbter Haut. Bauleute. Insgesamt 26 Mann, aus Kroatien, Rumänien, Ungarn und Polen. Ausgebildete Arbeiter sind sie allesamt und haben hart geschuftet auf einer Baustelle für ein Studentenwohnheim und ein Geschäftshaus in Esslingen. Als Eisenbieger, Schreiner oder Maurer. Doch dafür Geld gesehen haben sie seit Monaten nicht mehr. „Wir wissen nicht, was wir essen und wo wir schlafen sollen“, sagt einer der Männer.

Der Subunternehmer, für den sie gearbeitet haben, konnte oder wollte nicht mehr bezahlen. Die meisten Arbeiter bekommen noch mehrere Tausend Euro für März und April. So wie knapp 300 Kollegen bundesweit, die ebenfalls betroffen sind. In Stuttgart haben 26 von ihnen jetzt beim Arbeitsgericht Mahnungen an den Arbeitgeber in die Wege geleitet – und an den Generalunternehmer. Das ist in diesem Fall die Firma Züblin. „Sie muss haften, wenn ihr Subunternehmer ausfällt“, sagt Katarina Frankovic. Sie betreut im Rahmen des DGB-Projekts „Faire Mobilität“ landesweit Arbeitnehmer aus Osteuropa, die ausgebeutet werden. Nicht nur auf Baustellen, aber häufig dort.

Frankovic kann sich vor Arbeit kaum retten. „Im vergangenen Jahr haben wir in Baden-Württemberg mit eineinhalb Stellen 1200 Fälle betreut. Wir bewegen uns an der Auslastungsgrenze.“ Der Bedarf ist groß, denn immer häufiger werden billige Arbeitskräfte aus Osteuropa geholt – und danach oft genug nicht bezahlt oder mit einem Nasenwasser abgespeist. Viele wehren sich nicht dagegen, weil sie die Sprache nicht beherrschen und das Rechtssystem nicht kennen. „Die warten einige Tage und fahren dann in ihre Heimat zurück oder suchen sich eine andere Arbeit, weil sie Geld brauchen“, weiß Frankovic.

Insofern sind die 26 Arbeiter, die jetzt in Stuttgart den Rechtsweg beschreiten, nur die sichtbare Spitze eines mutmaßlich enormen Eisbergs. „Große Firmen kalkulieren Subunternehmen mit schlechten Arbeitsbedingungen mit ein. Sie profitieren tagtäglich von diesem System“, sagt Frankovic. Sie sieht aber auch Verbesserungsbedarf im Rechtssystem. „Es kostet ausgebeutete Menschen ohnehin große Überwindung, sich an ein Gericht zu wenden. Doch dort werden sie oft abgewiesen, weil die Arbeitsgerichte überfordert sind“, sagt sie. Frankovic fordert eigene Anlaufstellen für solche Fälle.

Bei Züblin wehrt man sich gegen den Eindruck, man habe den Subunternehmer nicht gut genug geprüft. „Wir verurteilen das Fehlverhalten der Firma aufs Schärfste“, sagt eine Sprecherin. Sie verweist auf ein strenges Auswahlverfahren und regelmäßige, nicht angekündigte Kontrollen. Auch das betroffene Unternehmen sei zuvor überprüft worden. „Diese Maßnahmen haben sich als wirkungsvoll erwiesen. Es kann aber trotz aller Sorgfalt in Einzelfällen vorkommen, dass Nachunternehmen vorsätzlich betrügerisch handeln.“ Man schließe Partner, die so vorgehen, von jeglichen weiteren Ausschreibungen oder Beauftragungen aus.

Auf der Baustelle in Esslingen ist bereits der nächste Subunternehmer aufgetaucht – eine polnische Firma. Die um ihr Geld Betrogenen mussten die Container verlassen, in denen sie schlafen. Sie stehen auf der Straße. Einige werden nach Hause fahren, sobald sie genug Geld dafür haben. Immerhin: Bei Züblin betont man, man leiste „unbürokratische Soforthilfe“ und stelle den Männern Unterkunft und Verpflegung. Man bemühe sich, eine schnelle Lösung für alle Beteiligten zu finden. Auch eine Übernahme der Bauleute durch eine andere Drittfirma werde derzeit geprüft.

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