Im Qahwah-House, einem Café in Dearborn, Michigan, treffen sich die arabischstämmigen Bewohner. Foto:  

Der Krieg in Nahost könnte die Präsidentschaftswahl im umkämpften Staat Michigan beeinflussen. Ein Stimmungsbild aus Dearborn.

Eigentlich hätte Abed Hammoud (58) in der heißen Phase des Wahlkampfs keine Zeit für Gespräche. Doch in diesem Jahr engagiert sich der lebenslange Demokrat und Gründer des Arab American Political Action Committee (AAPAC) nicht für seine Partei. „Ich wäre gerne Teil der Kamala Harris Kampagne gewesen, doch Gaza macht das für mich unmöglich“, sagt der quirlige Rechtsanwalt in seinem Büro, das nur ein paar Kilometer weit entfernt von der Weltzentrale des Autobauers Ford liegt.

 

Der Konzern hatte in den frühen 1900er Jahren Araber rekrutiert, die bald die Mehrheit der Arbeiter stellten, die am Fließband in Dearborn das Model T montierten. Deren Nachfahren machen einen guten Teil der rund 400 000 arabischstämmigen Bürger aus, die in Michigan leben. In der Stadt vor den Toren Detroits stellen sie heute die Mehrheit und den Bürgermeister.

Hammoud setzt sich nicht für Kamala Harris ein, weil er sich von ihr genauso ignoriert fühlt wie zuvor von Joe Biden. Die Präsidentschaftskandidatin habe keine Anstrengungen unternommen, auf die Gemeinde zuzugehen oder ihre Anliegen anzuhören. „Ich habe Harris hier nicht gesehen“, stellt er enttäuscht fest. Um seine Stimme oder Hilfe gefragt habe sie auch nicht.

Das könnte sich als Fehler erweisen. Denn Hammoud ist nicht irgendwer, sondern steht im Ruf, ein einflussreicher Strippenzieher zu sein. Obwohl seine Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Dearborn 2001 nach dem Terroranschlag vom 11. September über Nacht chancenlos war, legte er die Grundlage für den Erfolg anderer arabisch-amerikanischer Politiker, die heute die Geschicke der Stadt bestimmen.

Die Familie des bis zum stellvertretenden Bundesanwalt aufgestiegenen promovierten Juristen stammt aus dem Süden des Libanons, wo er in einem Dorf aufwuchs. Bis heute kann er sich an die israelische Besatzung erinnern. „Ich habe das als Kind erlebt.“ Wenn er die Bilder aus Gaza sieht und mit seinen Verwandten im Libanon spricht, kommen die Erinnerungen zurück. „Die Israelis hatten uns damals nach Belieben bombardiert“.

Ein Trauma, das Hammoud mit vielen Einwohnern Dearborns teilt. Die Enttäuschung ist mit Händen zu greifen. Sei es beim traditionellen Mofawar-Kaffee im jemenitischen Qahwah House oder zum Mittagessen beim beliebten Libanesen „Al Ameer“ an der Warren Avenue. Auch nach dem Gebet im „Islamic Center of America“, der größten Moschee in Nordamerika, bewegt der Krieg die Gemüter.

„Ich schätze es nicht, dass mein Steuergeld benutzt wird, um Kinder zu töten“, kritisiert etwa der 81-jährige Peter el Jellouni die Lieferung amerikanischer Offensivwaffen an Israel. „Angesichts von 40 000 Toten in Gaza, kann ich weder Harris noch Donald Trump wählen“, sagt der Pensionär. Sein Gewissen verbiete ihm, jemanden zu wählen, der aus seiner Sicht Völkermord ermöglicht.

„Wir sind eine leidende Gemeinde, in der es viele Verletzungen gibt“, beschreibt Alabas Farhat, der Dearborn als junger Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates vertritt, das Unbehagen der Menschen mit ihrer Alternative. Der Demokrat versteht nicht, warum die Harris-Kampagne sich nicht aktiver um die Stimmen der arabischstämmigen Minderheit bemüht. Mit der Forderung nach einem echten Waffenstillstand in Gaza könnte Harris einen guten Teil der 58 Prozent an Wählern zurückgewinnen, die in Dearborn bei den Vorwahlen „Uncommitted“, also neutral, gestimmt hatten.

Insgesamt hatten im Frühjahr mehr als 100 000 Menschen Joe Biden mit diesem Votum die Unterstützung verweigert. Wenn die Enttäuschten im November zu Hause bleiben oder der grünen Kandidatin Jill Stein ihre Stimme geben, wäre das bei einem knappen Wahlausgang mehr als genug, Trump zum Wahlsieg zu verhelfen. „Der Weg ins Weiße Haus führt durch Michigan und Städte wie Dearborn“, warnt Farhat.

Der Politologe Dante Chinni von der Michigan State University kann das mit seinen Daten bestätigen. „Selbst wenn sich ein Prozent der Wähler in eine andere Richtung bewegt, ist das in einem Staat wie Michigan signifikant.“ Hoffen darf Harris auf die Studierenden, die einen guten Teil der Protestwähler ausgemacht hatten. „Die jungen Wähler kehren zurück.“

„Harris muss sich von Biden abgrenzen“

Auch einer der Initiatoren der Protestwahl im Frühjahr, Andy Levin (59), ist politisch wieder in den Schoß der Partei zurückgekehrt. Der ehemalige Kongressabgeordnete hat sich jetzt der Aufgabe verschrieben, „die Harris-Kampagne und die Uncommitted-Bewegung zusammenzubringen“. Als linker Demokrat mit jüdischen Wurzeln genießt Levin dabei Vertrauen aller Seiten. Er weiß, dass es mit Symbolik nicht getan sein wird. Die Kandidatin müsse auf die arabisch-amerikanischen Wähler aktiv zugehen. „Ich hoffe, dass sie sich jetzt deutlicher von Biden abgrenzt.“

Als positives Signal wertet Levin, dass es auf dem Parteitag der Demokraten in Chicago erstmals ein offizielles Panel gab, das sich mit Palästina beschäftigt hat. Die Entscheidung, keinen Vertreter der „Uncommitted“-Delegation sprechen zu lassen, sei dagegen „eine verpasste Chance“ gewesen.

Ruwa Romman (31) ist enttäuscht darüber, dass sie ihre kurze Rede nicht halten durfte. Am Rande des „Arabcon“-Kongresses, also der Zusammenkunft arabischstämmiger Amerikaner in Dearborn, erzählt die aufstrebende Abgeordnete aus Georgia, dass sie bis heute keine Begründung gehört hat. Die fehlende Ansprache durch Harris frustriert sie. Vertrauliche Absprachen und Versprechen hinter den Kulissen reichten nicht. „Ich habe im Kindergarten nichts von geheimen Freundschaften gehalten und als Erwachsene erst recht nicht“.

Lerneffekt durch Trumps Wahlsieg?

Romman sorgt sich, dass viele arabischstämmige Wähler die Präsidentschaftswahlen aussitzen oder die grüne Kandidatin wählen könnten. „Die Gemeinschaft ist praktisch in drei gleich große Lager gespalten.“ Im November wären das im Swing State Michigan mehrere zehntausend Stimmen, die Harris verloren gingen. Am Ende könnte Dearborn den Ausschlag geben, wer das Rennen um das Weiße Haus gewinnt.

„Ich hoffe und bete, dass es dazu kommt, wenn Harris sich nicht bewegt“, gesteht Abed Hammoud seine Enttäuschung. Seit dem 11. September 2001 streitet der Anwalt dafür, seiner Gemeinde Gehör zu verschaffen. Die Institutionen seien stark genug, eine Rückkehr Trumps ins Weiße Haus zu überstehen. Das sei zwar nicht wünschenswert, habe aber einen Lerneffekt. Sollte am Ende alles an Dearborn hängen, „wird uns in Zukunft niemand mehr ignorieren.“