Arabische Regierungen fürchten Hamas mehr als den starken Nachbarn Israel. Ihr wachsendes Problem: Bei vielen Arabern ist die Terrortruppe beliebt – und wird immer beliebter, je länger der Gaza-Krieg dauert, kommentiert Thomas Seibert.
Arabische Länder fordern, die internationale Gemeinschaft müsse Israels Feldzug in Gaza stoppen und den Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung freimachen. Die Arabische Liga will eine internationale Friedenskonferenz organisieren, um einen unabhängigen Palästinenserstaat durchzusetzen. Doch führende arabische Regierungen sind alles andere als Freunde der Terroristentruppe Hamas. Ihnen wäre es aus innen- wie außenpolitischen Gründen recht, wenn die Palästinenserorganisation dauerhaft geschwächt würde. Danach sieht es sieben Monate nach Kriegsbeginn allerdings nicht aus.
Schusswechsel zwischen Ägyptern und Israelis
Mindestens 45 Menschen starben vor wenigen Tagen durch einen israelischen Luftangriff auf ein Zeltlager in Rafah ganz im Süden des Gazastreifens. Seither hat es durch Israels Offensive weitere Dutzende Tote gegeben. Länder von Ägypten bis Kuwait verurteilten den Beschuss als Kriegsverbrechen, Völkermord und Verletzung der Genfer Konvention. Ein Schusswechsel zwischen israelischen und ägyptischen Soldaten an der Südgrenze des Gazastreifens, bei dem ein ägyptischer Soldat starb, schürt die Angst vor einer Ausweitung des Krieges.
Mit Grund warnen Nahost-Experten wie Joe Macaron von der US-Denkfabrik Wilson Center davor, dass sich Israel in der Region mehr und mehr zu einem „Paria-Staat“ entwickelt. Definitiv verstärken die Anträge auf internationale Haftbefehle für Premier Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Yoav Gallant und der Beschuss des Zeltlagers Israels Isolation im Nahen Osten, wo wichtige arabische Staaten wie Ägypten, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate Friedensverträge mit Israel haben.
Dennoch ist davon auszugehen, dass noch kein Wendepunkt erreicht ist. Weder Ägypten noch Jordanien, die Türkei oder die Emirate haben ihre Beziehungen zu Israel wegen des Gaza-Krieges abgebrochen. Sie wollen sich bei aller Kritik an Netanjahu die Möglichkeit offenhalten, das Verhältnis nach einem Ende des Krieges wieder zu reparieren. Mit einem endgültigen Bruch mit Jerusalem würden sie sich außerdem Probleme mit den USA einhandeln, die arabische Regime mit Geld und Waffen unterstützen.
Einige Staaten der Region befürchten, dass der Krieg und das brutale Vorgehen der israelischen Armee gegen Zivilisten den Extremisten der Hamas nützen. Saudi-Arabien, die Emirate und Ägypten sind Gegner der Palästinensergruppe, die zur islamistischen Bewegung der Muslim-Bruderschaft gehört. Die Bruderschaft strebt den Sturz arabischer Despotien an und wird auch von den Regierungen in Riad, Abu Dhabi und Kairo als terroristische Vereinigung verfolgt.
Das Problem für diese Regierungen: Der Gaza-Krieg hat die Hamas-Kämpfer in den Augen vieler Araber zu Helden gemacht. In Saudi-Arabien ergab eine Umfrage nach Kriegsbeginn im Herbst, dass 40 Prozent der Bürger eine positive Meinung über die Hamas hatten – wenige Monate zuvor waren es nur zehn Prozent gewesen. Mehr Zustimmung für die Extremisten ist ein Erfolg für den Iran, der die Gruppe unterstützt und mit Saudi-Arabien und den Emiraten um die Vormacht am Persischen Golf konkurriert.
Je mehr Zivilisten leiden, desto beliebter die Hamas
Je länger der Gaza-Krieg dauert, je rücksichtsloser die israelische Armee angreift und je mehr die Zivilisten in Gaza leiden, desto beliebter werden die Hamas-Kämpfer bei der arabischen Bevölkerung und desto größer werden die Probleme für arabische Herrscher. Die Forderungen nach einer Friedenskonferenz und nach internationaler Anerkennung eines Palästinenserstaates sind Versuche, diese Probleme zu begrenzen. Arabische Staaten begrüßen daher die Anerkennung Palästinas durch Irland, Norwegen und Spanien. Letztlich wird das den Hamas-Gegnern in Nahost aber nicht helfen.