Die Wirtschaft fürchtet sich vor dem großen Fachkräftemangel. Foto: picture alliance / Martin Schutt/dpa-Zentralbild

Die Wirtschaftsministerin, die Arbeitsagentur, Arbeitgeber und Gewerkschaften ermahnen die jungen Menschen, mit der Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht bis 2022 zu warten – derzeit seien ihre Chancen viel größer.

Stuttgart - Der Appell an die Jugendlichen kommt geballt von allen Seiten: Jetzt ist die Zeit, sich um eine Ausbildung zu kümmern – die Chancen auf einen Platz nach dem Sommer sind groß. Wer hingegen bis nächstes Jahr wartet, wird auf größere Konkurrenz treffen.

 

Von einer „exzellenten Situation“ für die jungen Menschen spricht Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) nach einem Spitzengespräch mit Bundesagentur für Arbeit, Unternehmerverband und Gewerkschaftsbund (DGB). Auf 100 Bewerberinnen und Bewerber kämen derzeit 144 Ausbildungsstellen. Im September 2020 habe die berufliche Ausbildung mit einem Minus von 10,3 Prozent einen „spürbaren Dämpfer“ hinnehmen müssen, sagt sie. Nun sei die Verunsicherung groß – viele Schüler und Eltern würden die Berufswahl verschieben und abwarten. Zum Stichtag 14. Juni sei die Zahl der Bewerber im Land gegenüber dem Vorjahr um 12,5 Prozent auf 46 376 gesunken – die Zahl der Ausbildungsstellen ging auch zurück, allerdings nur um 5,5 Prozent auf 66 907.

Mehr als 30 000 unbesetzte Stellen in Baden-Württemberg

Folglich erscheint die Lage hoffnungsvoll: „Trotz rückläufiger Zahlen bei den Ausbildungsplätzen sind die Chancen junger Menschen seit Jahren nicht mehr so günstig gewesen wie jetzt“, sagt Christian Rauch, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Es gebe mehr als 30 000 unbesetzte Stellen in Baden-Württemberg – dies über alle Branchen und Berufe hinweg sowie in praktisch allen Regionen des Landes. Auch „Top-10-Berufe“ seien dabei, so Rauch. Noch bis Oktober seien attraktive Plätze zu erhalten. Wer sich hingegen erst nächstes Jahr bewerben wolle, werde selbst bei einem hohen Niveau an angebotenen Stellen auf einen intensiveren Wettbewerb treffen.

Angetrieben werden Politik und Wirtschaft auch von der Angst vor einem verstärkten Fachkräftemangel – obwohl die Unternehmen in der Pandemie „nichts unversucht gelassen haben, um die Schüler und ihre Eltern auf den digitalen Kanälen zu erreichen“, wie der Vizepräsident der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), Thomas Bürkle, betont. Der Wegfall der vor Corona üblichen Berufsorientierung war für die Firmen aber nicht zu kompensieren. „Weltfremd“ nennt Bürkle die im grün-schwarzen Koalitionsvertrag festgelegte Ausbildungsgarantie. „Eher sollte über eine Bewerbergarantie für Betriebe nachgedacht werden“, rät er nicht ohne Ironie.

DGB und SPD machen Druck bei Ausbildungsgarantie

Doch DGB und SPD treiben die Koalition in dieser Frage nun besonders an: Die Landesregierung dürfe das Thema nicht auf die lange Bank schieben, mahnen sie. Wie Hoffmeister-Kraut erläutert, „wird in den nächsten Wochen und Monaten ein Konzept in der Landesregierung entwickelt“, das „zu gegebener Zeit“ präsentiert werden soll. In der aktuellen Lage stelle sich die Frage nicht, machte sie deutlich. Rauch beschrieb drei wesentliche Fragen, die noch diskutiert werden müssten: etwa ob sich die Garantie auf den Wunschberuf der jungen Menschen oder eine bestimmte Region beziehen solle – und ob es damit einen Verdrängungseffekt für die betrieblichen Angebote geben könnte. Gemeint ist das Risiko, dass Firmen sich aus der Ausbildung freikaufen.

Weiterhin vom Land gefördert werden drei Initiativen: Dabei geht es um die Ausbildungsbotschafter an den Schulen sowie 20 Vollzeitstellen für betriebliche Ausbildungsbegleiter, die helfen, Abbrüche zu verhindern. Drittes Element ist das „Kümmererprogramm“ bei Kammern, Bildungsträgern und Landkreisen. Es richtet sich an junge Zugewanderte und erhält 1,8 Millionen Euro ebenso bis Ende 2022.