Die Steinbock-Apotheke in Hoffeld hat zugemacht. Einige Menschen im Stadtteil haben dafür einen Schuldigen ausgemacht. Doch das Problem ist vielschichtig.
Das Apothekensterben geht weiter. Seit vergangenem Freitag hat die Steinbock-Apotheke im Stuttgarter Stadtteil Hoffeld geschlossen. Viele Menschen vor Ort bedauern das. Auf dem Portal Degerloch.Info schlagen die Wogen hoch. „Hoffeld ohne Apotheke – was für ein Verlust für unseren Stadtteil!“, schreibt eine Internetnutzerin. „Nicht nur die Bewohner des Lothar-Christmann-Hauses vermissen die Steinbock-Apotheke, sondern die gesamte Einwohnerschaft des Stadtteils. Diese Entscheidung schädigt das ganze Hoffeld. Einfach nur traurig!“, ergänzt ein anderer Nutzer. Es gibt noch einige andere Kommentare, die alle in die gleiche Richtung gehen.
Miguel Juez Liedtke, der Inhaber der Steinbock-Apotheke, kann den Unmut verstehen. „Die Menschen hier sind nicht sehr erfreut. Ich selbst bin auch traurig“, sagt er. Doch er habe mit der Apotheke zunehmend rote Zahlen geschrieben und sie letztlich nicht mehr halten können. Der Auslöser für ihn sei gewesen, dass das Lothar-Christmann-Haus als Großkunde den Vertrag mit ihm gekündigt habe. Viele Jahre lang habe die Hoffeld-Apotheke die Medikamente für die Seniorenwohnanlage geliefert. Im Januar habe die Hausleitung ihn zum Gespräch gebeten – und ihm eröffnet, dass man den Anbieter wechsele.
Das waren die Beweggründe des Lothar-Christmann-Hauses
Das bestätigt die Hausdirektorin Elisabeth Dittrich. Hintergrund sei, dass das Pflegezentrum die Medikamente in geblisterter Form habe beziehen wollen. Das bedeutet, dass der Apotheker die verordneten Arzneien für jeden Patienten nach Wochentagen und Tageszeiten sortiert, portioniert und verpackt. Das reduziere die Fehlerquote und sei deshalb im Sinne der Bewohnerinnen und Bewohner, sagt Elisabeth Dittrich. Zudem habe man sich vor dem Hintergrund des Medikamentenmangels einer größeren Apotheke zugewandt, die mehrere Häuser beliefere. Miguel Juez Liedtke habe bereits in einem früheren Gespräch angedeutet, dass eine Verblisterung von Medikamenten für ihn schwierig sei, so die Hausdirektorin. Das bestätigt Miguel Juez Liedtke. „Ich hätte es schon machen können. Aber nicht zu dem Preis, den die nun unter Vertrag genommene Konkurrenz anbietet.“ Der Apotheker ergänzt: „Ich beklage mich nicht und will niemanden schlechtmachen. Das Lothar-Christmann-Haus muss auch wirtschaftlich arbeiten. Es ist eine legitime Entscheidung.“
Dennoch: Die Gerüchteküche brodelt. Die Leitung des Lothar-Christmann-Hauses wird an den Pranger gestellt – auch in den Kommentaren bei Degerloch.Info. „Das macht uns schon betroffen. Dass es ausschließlich an uns lag, dass die Hoffeld-Apotheke schließen musste, das wage ich zu bezweifeln“, sagt Elisabeth Dittrich. Das räumt auch Miguel Juez Liedtke ein. Deutlich gestiegene Kosten und Mehrarbeit bei seit Langem konstanter staatlich geregelter Vergütung machen den Apothekern das Leben schwer. Der Berufsstand hatte seinem Ärger am 14. Juni beim bundesweiten Protesttag der Apotheken Luft gemacht. Er unterschreibe alles, was im Rahmen dieses Protesttags kritisiert worden sei und noch immer kritisiert werde. „Aber wenn ihnen dann noch ein Großkunde wegbricht, dann ist das der Todesstoß“, ergänzt Miguel Juez Liedtke.
Doch immerhin: Er hat noch sein Hauptgeschäft, die Löwen-Apotheke in Degerloch. „Wir beliefern nach wie vor alle Kundinnen und Kunden aus Hoffeld, die das möchten. Unter der Telefonnummer der Steinbock-Apotheke sind wir weiterhin erreichbar.“
Zahl der Apotheken im Land sinkt
Apothekensterben
Wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) berichtet, sank die Zahl der Apotheken im vergangenen Jahr um 393 auf 18 068. Im ersten Quartal 2023 sei die Zahl weiter rückläufig gewesen und nun auf einem Tiefstand von 17 939 Apotheken angekommen. Baden-Württemberg habe in den vergangenen zehn Jahren etwa 13 Prozent seiner Apotheken verloren, berichtet der Landesapothekerverband. Aktuell gebe es noch knapp 2300 Apotheken im Land. Erst Ende Mai hatte die Spitzweg-Apotheke in Degerloch geschlossen.
Lieferengpässe
Laut dem Bundesverband der Arzneimittelhersteller hatte 2022 etwa jeder Dritte Probleme, Medizin gegen akute oder chronische Beschwerden zu bekommen. Aktuell fehlen vor allem Antibiotika, Insuline, Herzmedikamente und Mittel gegen Bluthochdruck.