Seit 2017 können Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept erhalten. Vier Jahre später führen aber nicht alle Apotheken diese Produkte. Woher kommt die Zurückhaltung? Eine Spurensuche auf der Filderebene.
Filder/Degerloch - Das war ein Novum im deutschen Gesundheitswesen: Anfang 2017 wurde das Gesetz „Cannabis als Medizin“ einstimmig vom Bundestag beschlossen. Seit vier Jahren können sich Patienten also medizinisches Cannabis vom Arzt verschreiben lassen, wenn der es als Therapiealternative für sinnvoll hält. Bedingung dafür ist, dass nach Einschätzung des behandelnden Mediziners diese Mittel spürbar positiv den Krankheitsverlauf beeinflussen oder Symptome lindern.
Blüten, Kapseln, Öle – die Bandbreite ist riesig
Manche Patienten kommen mit ihren Rezepten dann zu Konstantinos Pitsioras, dem Inhaber der Fortuna- und der Waldau-Apotheke in Degerloch. Er beschäftigt sich nach eigenen Angaben schon lang mit dem Thema. „Wir waren eine der ersten Apotheken“, sagt er. Getrocknete Blüten, Kapseln, Öle, Tropfen, Sprays: Die Bandbreite sei riesengroß.
Er berichtet von einer „extrem großen Nachfrage“, die Kunden reisten sogar von auswärts an. Auch die Einsatzfelder seien vielfältig. Konstantinos Pitsioras zählt Beispiele wie die Tumor-, die Schlaf- und die Schmerztherapie, die Palliativmedizin oder Multiple Sklerose auf, „das ist ein sehr weites Gebiet“. Er spricht von großen Erfolgen und „Therapiemethoden, die extrem vielen Leuten helfen“.
Cannabis-Produkte längst nicht überall erhältlich
Wie viele Kollegen es ihm gleichtun und in ihren Apotheken Cannabis-Produkte anbieten, da kann Konstantinos Pitsioras nur mutmaßen. Einer von zehn, sage ihm sein Bauchgefühl. Tatsächlich scheint nicht jede Apotheke firm auf dem Gebiet. Die Produkte sind längst nicht überall erhältlich, ergeben Stichproben unserer Zeitung.
In der Schwabenland- oder der Park-Apotheke in Vaihingen: kein Glück. Die Inhaberin der Birken-Apotheke in Birkach kann auch nicht weiterhelfen. Bei ihr gebe es kein Cannabis, und zwar deshalb, weil im Umkreis keine Ärzte seien, die es verordneten. „Es ist kein so kommerzielles Arzneimittel“, sagt sie. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hätten sich bei ihr nur ein oder zwei Personen überhaupt danach erkundigt. Eine andere Apotheke von den Fildern, die Erfahrung mit Cannabis hat, will nicht in diesem Zusammenhang in der Zeitung genannt werden. Woher kommt die Zurückhaltung?
Cannabis ist Neuland für Apotheken
Markus Hobler tut sich mit einer Einschätzung schwer. Er führt die Ratsapotheke in Leinfelden und die Hubertus-Apotheke in Musberg, und in beiden Filialen kann man Cannabis-Produkte bestellen, sofern der Arzt sie verschrieben hat. Er spricht von Neuland. Die Studienlage sei noch dünn, und auch die Nachfrage von Patienten sei bei ihm „wirklich sehr sporadisch“.
Hinzu komme: Die Beschäftigung mit der Materie sei aufwendig. So müsse jede Blüten-Lieferung geprüft werden, auch gebe es bei den einzelnen Produkten große Unterschiede, etwa in puncto THC-Gehalt. „Das ist kein Fertigarzneimittel“, sagt Markus Hobler. Ähnliche Erfahrungen macht Leonie Dierfeld aus der Plieninger Garben-Apotheke. Sie bietet zwar Cannabis gegen Rezept an, die Nachfrage sei aber gering. „Könnte am bürokratischen Aufwand liegen, den die Ärzte damit haben.“
Markus Hobler resümiert: Cannabis als Therapiemittel ist nicht überall präsent, „aber ich gehe davon aus, dass es mehr werden wird“. Sein Kollege Konstantinos Pitsioras aus Degerloch wird das sicherlich unterschreiben können. Er spricht von einer „zukunftsorientierten“ Behandlungsmethode. Befürchtungen, dass jemand versuchen könnten, sich unberechtigterweise Zugang zur Droge zu verschaffen, hat er nicht. „Wir kontrollieren jedes Rezept“, stellt er klar. Zudem beobachteten er und sein Team Kunden grundsätzlich und bei allen Mitteln aufmerksam, „das bringt der Beruf mit sich“.