Die Garage unter dem Einkaufszentrum ist dem Ansturm nicht gewachsen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die lange Einkaufsnacht am Samstag mit Öffnungszeiten bis 24 Uhr hat die Erwartungen der Händler erfüllt. Und die Befürchtungen der Anwohner um das Einkaufszentrum Milaneo. Um 2 Uhr verließen die letzen Bummler mit ihren Autos die Wohnstraßen. Die Stadt greift jetzt zu Notmaßnahmen.

Stuttgart - „Nicht mehr ertragbar, wir haben hier wildwestähnliche Zustände um freie Parkplätze“ – so charakterisieren Anwohner der vergleichsweise kurzen Beyer­straße die Vorgänge im Quartier um den Pragfriedhof. Am langen Einkaufssamstag schwappte die Blechlawine erneut ins Wohngebiet. Erst weit nach Mitternacht zog sich die Flutwelle, begleitet von lautstarker Unterhaltung und Türenschlagen, zurück.

„Bis zum 6. Januar wird hier der Ausnahmezustand herrschen, wir kommen unter die Räder“, sagt Anwohnerin Vicky Georgaki. Sie fordert von der Stadt, dem Milaneo keine Sonderverkaufsaktionen mehr zu genehmigen. Die aber wird es geben. Am 30. November ist der erste Adventssamstag. Dann könnten viele Portemonnaies mit Weihnachtsgeld gefüllt sein. Und am 20. Dezember soll es in der City samt Milaneo die nächste Shoppinggelegenheit bis Mitternacht geben.

Der neue Einkaufsmagnet im Europaviertel mit seinen 200 Geschäften bewies am Samstag seine Anziehungskraft: „Wir hatten 100 000 Kunden, damit hätten wir nicht gerechnet“, sagt Center-Managerin Andrea Poul. Die Verärgerung der Anwohner kann sie verstehen. Die 1160 Stellplätze im Center reichten nicht aus. Auf Überfüllung wiesen zwar die elektronischen Anzeigetafeln an den Zufahrtsstraßen hin, Alternativen wie beim belegten Wilhelma-Parkhaus („Parkplätze auf dem Wasen“) gibt es aber nicht.

Blecherne Hinweise auf Ausweichmöglichkeiten gibt es zwar, doch die Tafeln mit Verweisen auf Stellplätze am Ufa-Kino und im LBBW-Parkhaus wurden am Samstag nicht eingesetzt. Man habe mit der Stadt abgesprochen, sie in der Weihnachtszeit wieder aufzustellen, sagt Poul.

Wie es zu der Fehleinschätzung kommen konnte, weiß Hermann Karpf, Referent von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU), nicht. Er verspricht nach einer Krisensitzung im Rathaus am Montag aber nun Hilfe: „Wir werden vom 30. November an die Zufahrten in die Mönch- und Beyerstraße jeden Samstag mit Halbschranken sperren, Schilder aufstellen und kontrollieren.“ Die „Anwohner frei“-Regelung sei eine „Ad-hoc-Notmaßnahme“, die bis zum 6. Januar gelten werde. „Damit wollen wir Erfahrung sammeln“, so Karpf. Die Erkenntnisse wolle man für die Einrichtung einer Anwohnerzone nutzen. Und natürlich müsse man auch prüfen, ob elektronische Hinweise auf Abstell-Alternativen möglich seien.

Dass es Alternativen gibt, ist unstrittig. In der Tiefgarage bei der Landesbank mit 1287 Stellplätzen (zwei Euro pro Stunde, Milaneo 1,90) ist die Eröffnung des Centers spürbar, ein wenig Luft sei aber noch, sagt der Betreiber Contipark (Berlin). Ganz viel Luft, nämlich bis zu 330 freie Stellplätze, gibt es unter dem Pariser Platz. Dieses Parkhaus, an Wochentagen von der Südleasing gefüllt, ist an Samstagen gar nicht geöffnet. Um die Schranken zu heben, bedürfte es der Absprache mit der Bank, heißt es bei Contipark.

Stuttgart fehle ein „adäquates dynamisches Parkleitsystem“, das freie Plätze aktuell anzeige, sagt Andrea Poul. Ein solches könnte eine siebenstellige Summe verschlingen. Weil die technische Infrastruktur fehle und „mein Parkhausbetreiber nicht begeister ist, wenn wir auf andere verweisen“, zeige man an der Milaneo-Einfahrt nicht die freien Plätze der LBBW an, so Poul. Der Milaneo-Bauherr ECE (Hamburg) wollte statt nur 1160 öffentlichen Parkplätzen rund 2000 bauen, blitze aber bei Verwaltung und Gemeinderat ab, die auf die Schiene setzten. Der Zubringer Stadtbahn ist gut gefüllt. Man werde am Halt Stadtbücherei einen dritten Fahrkartenautomaten aufstellen, sagt Birte Schaper von den SSB. Viele Kunden kämen aus der Region, und weil viele jung seien, wolle man auch das Handyticket bewerben.

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