Nach Studium und Promotion in Wirtschafts- und Kulturwissenschaften trat Antje von Dewitz in die Fußstapfen ihres Vaters, der Vaude 1974 gegründet hatte. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin. Foto: Isabella Finholdt

Das Familienunternehmen Vaude vom Bodensee zählt zu Europas führenden Outdoormarken, obwohl es sich hohe soziale und ökologische Lieferkettenstandards leistet. Oder gerade deswegen? Ein Firmenrundgang mit der Chefin Antje von Dewitz.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Doch Antje von Dewitz, Chefin der Outdoor- und Sportbekleidungsfirma Vaude, zeigt sich ziemlich wurffreudig, wenn es um ihre Branche geht. „Total zu Recht“, sagt sie, habe diese einen miesen Ruf bei Menschenrechtlern und Umweltschützern: „Die Textilproduktion findet global, vor allem in Asien, unter oft prekären Bedingungen für die Angestellten statt! Die Textilindustrie leitet weltweit 3500 giftige Chemikalien in Flüsse und Meere! Sie verbraucht mehr als fünf Prozent des weltweiten Frischwassers! Zehn Prozent aller Treibhausgase gehen auf ihr Konto! Wahnsinn, oder?“

 

Schon nach wenigen Augenblicken ist klar: Antje von Dewitz, 51, ist keine Firmenlenkerin von der Stange. In jüngeren Jahren, erzählt sie, habe sie bei einer Umwelt-NGO arbeiten wollen. Nach Studium und Promotion in Wirtschafts- und Kulturwissenschaften und ersten Tätigkeiten bei Vaude trat sie doch in die Fußstapfen ihres Vaters, der das Unternehmen 1974 gegründet hatte. 2009 wurde sie Geschäftsführerin. „Ich hatte immer gedacht: Die Wirtschaft rast weltweit in die falsche Richtung. Also war ich kritisch gegenüber der Wirtschaft. Bei Vaude hab ich dann aber gemerkt, dass ich Verantwortung übernehmen und die Richtung ändern kann. Das hat mich begeistert.“

Kletterwand am Haupteingang

So kam das. Antje von Dewitz als wirtschaftskritische Lenkerin eines Wirtschaftsunternehmens. Und eine Firma, die einen Weg einschlug, der kostspielig und risikoreich war, aber zu hohen ökologischen und sozialen Standards führte. Ihre Vision für Vaude, sagt von Dewitz, sei: ein Glashaus. „Ein Glashaus, in dem man einfach alles transparent macht. Weil wir uns in allen Bereichen engagieren, weltweit.“ Bis in die letzten Glieder der globalen Lieferkette.

Wie weit ihre Firma auf diesem Weg gekommen ist und welche Hindernisse bleiben, zeigt eine Führung durch den Hauptsitz von Vaude, dörflich gelegen am Ortsrand von Tettnang-Obereisenbach, ein paar Kilometer vom Bodensee entfernt. Vor dem Haupteingang, drei Stockwerke hoch: eine Kletterwand aus Beton. Ein kurzer Blick auf die Eckdaten, ehe die Führung beginnt. Vaude ist ein „Vollsortimenter“, bietet also eine fast lückenlose Produktpalette, von Zelten und Schlafsäcken über Schuhe und Bekleidung bis hin zu Trinkflaschen und Accessoires. Mehr als 5000 Artikel insgesamt. Um die 1000 neue Modelle jede Saison. Als Antje von Dewitz vor 15 Jahren die Leitung übernahm, hatte das Unternehmen um die 300 Mitarbeitende, heute sind es rund 650. Der Umsatz lag damals bei etwa 50 Millionen Euro, 2022 war er dreimal so hoch.

Zwar lässt auch Vaude den Großteil – rund 90 Prozent – seiner Produkte in Asien fertigen, wohin das Know-how und die Zulieferernetzwerke der Textilbranche in den zurückliegenden Jahrzehnten aus Kostengründen gewandert sind, vor allem in Vietnam, Myanmar und Kambodscha. Doch die Bessermacher vom Bodensee bemühen sich, ihre Produktion in diesen Billiglohnländern ohne Ausbeutung von Umwelt und Menschen zu ermöglichen.

Wie das? Die Führung beginnt mit einem Besuch im Lieferantenmanagement – ein Großraumbüro, Holzwände und Teppichboden, Stehtische und Flachbildschirme. Pascal Erath, Anfang dreißig, schulterlanges Haar, öffnet eine Excel-Tabelle, sie zeigt die „Sektor-Risiken“ der Textilbranche. Viele rote Felder. Rot heißt „hohes Risiko“. Die Felder stehen für Lohn oder Arbeitszeit, für Klima- und Umweltschutz, für Kinderarbeit. Erath öffnet eine zweite Excel-Tabelle: Wenig Rot. Viel Grün. Bisschen Gelb. Es ist der Blick durch die Vaude-Brille, der die Risiken der Partnerfirmen erkennen lässt.

Nicht alles ist grün und gut

Man sieht: Auch in der Vaude-Lieferkette ist nicht alles grün und gut. Aber anders als andere macht die Firma dies transparent, auch auf ihrer Website, und kümmert sich darum, Missstände zu minimieren. Zum Beispiel bieten die beiden Produktionspartner in Myanmars Millionenmetropole Yangon ihren Mitarbeitern einen kostenlosen Shuttlebus, der sie sicher zur Fabrik und wieder nach Hause bringt; als nach dem Militärputsch abendliche Ausgangssperren verhängt wurden, fuhren die Feierabendbusse entsprechend früher. „Es gibt einen internen Beschwerdemechanismus in all unseren Partnerfirmen“, erklärt Erath, der als einer von vier Leuten in Tettnang die weltweiten Lieferketten im Blick behält. Dazu kommt ein neunköpfiges Team in Asien, das die Einhaltung der ökologischen und sozialen Standards in den Produktionsstätten überwacht.

„Wir können auf Augenhöhe mit den Produzenten sprechen“, sagt Susanne Medesi, Leiterin der Abteilung. „Und wir treten ihnen gegenüber nicht mit erhobenem Zeigefinger auf, sondern arbeiten gemeinsam an Verbesserungen. Schließlich sind oft wir, die Auftraggeber in Europa, die Hauptverantwortlichen für Missstände.“

Zweite Station der Führung, Qualitätsmanagement, auch dort fühlt man sich den Firmen entlang der Lieferkette partnerschaftlich verbunden. „Wir sind ein mittelständischer Familienbetrieb“, sagt Bettina Roth, Leiterin der Abteilung. „Über Marktmacht können wir wenig erreichen. Wir müssen überzeugen.“ Mit dem Argument etwa, dass faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen für weniger Fluktuation beim Personal sorgen und so Vorteile bieten.

Auch kam Vaude seinen Partnern durch eine Produktionsplanung entgegen, die es ihnen ermöglicht, mehr Waren in der Nebensaison zu produzieren und damit die Fabriken ganzjährig auszulasten. Dazu kommen langfristige Lieferverträge, oft über mehrere Jahre, während viele Firmen der Textilbranche jede Saison nach dem billigsten Anbieter Ausschau halten. „Wir haben unser ganzes Einkaufsverhalten geändert“, sagt Roth.

Bei dem Umstieg auf erneuerbare Energien an asiatischen Produktionsstandorten hat Vaude zudem einen überraschenden Schritt gewagt: Kooperation mit der Konkurrenz. Vaude und neun weitere Outdoor-Firmen haben sich zu einer Koalition der Klimaschutzwilligen zusammengeschlossen, um die Kohlendioxidemissionen bei ihren gemeinsamen Lieferanten zu reduzieren, durch mehr Ökostrom beispielsweise, durch den Einsatz von Biogas- statt Kohleboilern oder durch effizientere Färbemaschinen.

„Man sieht dem Stoff nicht an, wie er produziert wurde“

„Bei der Dekarbonisierung spielt die Musik in der tieferen Lieferkette“, sagt Roth. Am Ende steht ein gemeinsamer Gewinn, für die zehn Koalitionäre, für ihre Lieferanten. Die meisten Investitionen in Energieeffizienz amortisieren sich schnell, manche schon nach drei bis fünf Jahren. „Das ist auch betriebswirtschaftlich sehr interessant.“ Denn die Lieferkette besteht aus vielen Gliedern. Roth weiß genau, wie viel es sind: „Wenn wir von Nähbetrieben sprechen, sind es 48. Bei den Materiallieferanten, die für uns produzieren, sind es gut 150.“

Womit es die Näherinnen in Fernost zu tun haben, zeigt Birte Steinebrunner, Abteilungsleiterin Materialien, droben in ihrem Archiv, direkt unter der Dachschräge des Vaude-Hauptsitzes. Hier hängen an Kleiderbügeln aberhunderte Textilmuster. Grautöne. Beigeschattierungen. Alle Regenbogenfarben. Alles schön bunt hier, „aber man kann dem Stoff nicht ansehen, ob er nachhaltig oder sozial korrekt produziert wurde“, sagt Steinebrunner. Wie also stellt Vaude dies sicher? Zum einen durch das Vertrauensverhältnis zu Partnerfirmen, denen ebenfalls an einer langfristigen Zusammenarbeit gelegen ist. „Bei manchen Lieferanten haben wir seit 20 Jahren denselben Ansprechpartner. Dazu kommen generell diverse Zertifizierungen. Und Stichproben.“

Ein paar Meter nebenan sind Stoffmuster an Holztafeln gepinnt. Die Muster, die oben hängen: okay. Die unten hängen: nicht okay. „BMG nicht erfüllt“ prangt dort auf einem Zettelchen, „BMG“ steht für Brand Material Goals und bezeichnet die firmeneigenen Materialvorgaben. Das Ziel bis zu diesem Jahr, in dem das 50. Firmenjubiläum gefeiert wird, war, dass mehr als 50 Prozent der Produktpalette aus recycelten oder biobasierten Materialien bestehen. Hat geklappt.

Abstieg von der Empore, hinunter zum Produktmanagement, vorletzte Station der Führung, wo immer wieder der Begriff „Monomaterial“ fällt. Hierum dreht sich alles bei der „Rethink“-Kollektion, mit der Stefan Lörke, der bei Vaude den Bereich Bekleidung verantwortet, „die Grenzen bei der Nachhaltigkeit noch weiter verschieben“ will. Bei dieser Kollektion beträgt der Recyclinganteil annähernd 100 Prozent. Lörke und sein Team wollen so die Praxistauglichkeit von Textil-zu-Textil-Recycling unter Beweis stellen – in einer Branche, in der dessen Quote aktuell bei gerade mal einem Prozent liegt. Damit ein Rethink-Kleidungsstück am Ende seines Daseins wieder selbst Teil des Recycling-Kleiderkreislaufs werden kann, muss es ein Monomaterial-Kleidungsstück sein. Eines, das aus einem einzigen Material gefertigt ist. Das Material der Wahl ist Polyester. „Polyester allein, das reicht aber noch nicht“, erklärt Lörke. „Alles muss aus PET-Polyester sein. Dann haben alle Bestandteile denselben Schmelzpunkt.“ Den passenden Fleecestoff musste Vaude eigens entwickeln lassen. Und auch bei den Ärmelbündchen, sagt Lörke, war Kreativität gefragt: „Die müssen elastisch sein, ohne Elastan zu enthalten.“ In dieser Sommersaison sind zehn verschiedene Rethink-Kleidungsstücke erhältlich, im Sommer 2025 sollen es bereits vier Mal so viele sein.

Nachhaltigkeit allein reicht nicht

Die Schlussetappe führt vorbei an „Kasper“, dem wuscheligen Lagotto-Trüffelhund einer Mitarbeiterin, der lang gestreckt unter ihrem Tisch liegt, dann zwei Stockwerke hinunter, quer durch das Lager, bis zu einer schweren Tür. Das Testcenter. Die Tür öffnet sich. Vera Schintler, Sachbearbeiterin Qualitätssicherung, bittet herein. „Hier wird getestet, ob die nachhaltigen Materialien auch die funktionalen Vorgaben erfüllen“, erklärt sie. Reißfestigkeit, Wasserdichtigkeit, Luftdurchlässigkeit, Abrieb.

Eine ihrer Gehilfinnen: eine Rubbelmaschine, die Textilien intensiver Reibung aussetzt, um ihre Anfälligkeit für Knötchenbildung zu testen. Eine andere: eine nadelbewehrte rotierende Stahlbox, in der Jackenstoffe 2000 Umdrehungen – den „Fadenziehertest“ – überstehen müssen. Schintler nennt sie „mein kleines Brombeergestrüpp“. Bei aller Liebe zur Nachhaltigkeit: Bei Qualität und Funktionalität, auch beim Pflegeaufwand, könne man der Kundschaft keine Kompromisse zumuten, erklärt Schintler. „Was maximal geht, ist eine besondere Pflege- und Waschempfehlung bei Hanfmaterial oder hohem Wollanteil.“

Dies ist ein Punkt, den auch Antje von Dewitz immer wieder betont. „Es ist nicht so“, sagt die Vaude-Chefin, „dass du deine Produkte verkaufst, nur weil sie nachhaltig sind.“ Um am Markt zu bestehen, müssten sie funktional sein, designmäßig top, die richtige Farbe haben. „Du musst in allen Hinsichten performen.“

Wenn durch die Lieferkettengesetze in der EU nun auch viele Wettbewerber nachhaltiger werden, könnte dadurch nicht der Markenkern von Vaude verwässert werden? „Wir begrüßen es, wenn viele Unternehmen nachhaltiger werden! Um Vaude muss man sich keine Sorgen machen“, sagt von Dewitz. „Durch die konventionelle, profitorientierte Wirtschaftsweise wurden viele planetare Grenzen überschritten. Das Klima erwärmt sich, das 1,5-Grad-Ziel ist nicht mehr erreichbar. Das Artensterben schreitet so rasant voran wie zuletzt zu Zeiten der Dinosaurier.“ Worum wir uns Sorgen machen sollten, sei, unseren Kindern einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.

Der Weg vom Testcenter nach draußen führt durch die Garage des Vaude-Hauptsitzes. Es ist eine Fahrradgarage.