Der Antisemitismus an Schulen nimmt zu, doch Lehrer haben davon meist keine Ahnung. An der Hochschule Ludwigsburg gibt es den einzigen Kurs im Land, der Lehrkräfte darauf vorbereitet.
Der Historiker und Professor Tobias Arand sieht das jüdische Leben in Deutschland in Gefahr. „Ich kenne viele Jüdinnen und Juden, die darüber nachdenken, das Land zu verlassen“, berichtet Arand. Grund dafür sind die zunehmenden antisemitischen Vorfälle im Alltag – auch an Schulen und Hochschulen. Arand leitet den einzigen Studienkurs in Baden-Württemberg, der Lehrkräfte auf Antisemitismus im Klassenzimmer vorbereitet – denn er sieht große Wissenslücken beim Lehrernachwuchs
Der Hochschulprofessor steht im regelmäßigen Austausch mit Lehrkräften. Sie alle bestätigen, dass es an Schulen immer wieder zu judenfeindlichen Äußerungen kommt. Auch an der Hochschule in Ludwigsburg habe es bereits Vorfälle gegeben. Vor einigen Jahren tauchten dort Hetzplakate auf. Darauf war eine stereotypische Darstellung von Jüdinnen und Juden abgebildet – eindeutig antisemitisch, sagt Arand.
Häufig übersehen Lehrer Antisemitismus
In vielen Fällen sei Antisemitismus jedoch weniger eindeutig zu erkennen. Häufig sei unklar, ob Schülerinnen und Schüler lediglich provozieren wollen, andere beleidigen oder tatsächlich eine antisemitische Grundhaltung vertreten. Arand weiß: „Viele Lehrkräfte erkennen Antisemitismus nicht als solchen, obwohl er präsent ist.“
Denn der Professor hat nachgefragt: „Viele unserer Studierenden verfügen nur über rudimentäre Kenntnisse zu Antisemitismus, jüdischen Stereotypen und dem Holocaust.“ Er ließ sie Reden des AfD-Politikers Björn Höcke analysieren. Darin spricht der rechtsextreme Politiker aus Thüringen unter anderem von „globalisierten Eliten“ – ein eindeutiger antisemitischer Code, unter dem in rechtsextremen Kreisen ein „Weltjudentum“ verstanden wird, so Arand. Viele Studierende hätten das nicht erkannt.
Das sei ein großes Problem. Werden antisemitische Äußerungen nicht erkannt, bleiben sie meist folgenlos und werden von Schülerinnen und Schülern als Zustimmung interpretiert. Antisemitismuskritische Bildung finde an vielen Schulen kaum statt. „Häufig versagt der Geschichtsunterricht“, kritisiert Arand.
Lehrer sollen für jüdisches Leben sensibilisiert werden
Im Studienprofil „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit“ an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg will Arand angehende Lehrkräfte für das Thema sensibilisieren. Ziel ist es, sie mit Wissen handlungsfähig zu machen. Dabei betont er auch die positiven Aspekte des Judentums. Denn täglich wird an Schulen in Deutschland jemand als „Jude“ beschimpft. Dass das Wort dann als Beleidigung verstanden wird, liege daran, dass Jüdinnen und Juden häufig ausschließlich als Opfer wahrgenommen werden – „sei es bei den Römern, als die Tempel in Jerusalem zerstört wurden, bei mittelalterlichen Pogromen oder unter dem Nationalsozialismus“, sagt Arand.
Der Historiker plädiert deshalb dafür, die deutsch-jüdische Geschichte aus dem Opfer-Narrativ zu lösen und auch die gestaltenden Rollen jüdischer Persönlichkeiten in der gesellschaftlichen Entwicklung hervorzuheben.
Israel wird Genozid vorgeworfen
Arand stellt fest, dass sich seit dem 7. Oktober 2023 antisemitische Vorfälle gehäuft haben. An diesem Tag ermordete die Terrororganisation Hamas rund 1200 Menschen in Israel und entführte zahlreiche weitere. In der Folge startete Israel eine Anti-Terror-Offensive im Gazastreifen. Die israelische Regierung wurde für ihr brutales Vorgehen vielfach kritisiert.
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch werfen Israel sogar vor, einen Völkermord zu begehen. Auch Südafrika erhob diesen Vorwurf vor dem Internationalen Gerichtshof. Israel diskriminiere und unterdrücke Palästinenser systematisch, so die Anklage. Zudem soll das Land wiederholt Hilfslieferungen behindert haben. Unterdessen sei die humanitäre Lage im Gazastreifen dramatisch. Nach Angaben der Organisation „Ärzte der Welt“ kamen seit dem 7. Oktober über 44 000 Menschen in den palästinensischen Gebieten bei israelischen Angriffen ums Leben. Laut Unicef wurden dabei rund 50 000 Kinder getötet oder verletzt.
Weltweit führte die israelische Politik zu Protesten. Kritik sei auch angebracht, so Arand – doch sie überschreite häufig die Grenze zum Antisemitismus. Wenn Demonstrierende Slogans wie „From the river to the sea“ rufen, sei das keine legitime Kritik an dem Vorgehen der israelischen Regierung, sondern die Ablehnung des Existenzrechts des ganzen Staates. Ebenso sei es antisemitisch, Jüdinnen und Juden in Deutschland für die Politik Israels verantwortlich zu machen. Viele Protestierende brandmarkten die israelische Politik als „typisch jüdisch“ – das sei klarer Antisemitismus, der dem Judentum eine grundsätzliche Schuld und Bösartigkeit unterstelle.
Die größte Gefahr ist Rechtsextremismus
Arand konnte derartige Äußerungen zuletzt vermehrt auf Pro-Palästina-Demonstrationen beobachten. Viele der Teilnehmenden verorten sich selbst im politisch linken Spektrum. Mit dem Aufkommen dieser Proteste habe auch die Zahl linksmotivierter antisemitischer Vorfälle zugenommen.
Auch muslimisch geprägter Antisemitismus sei ein Problem in Deutschland. Doch Arand warnt: „Linksmotivierte Straftaten gegen Jüdinnen und Juden sind immer noch deutlich seltener als Straftaten von rechts.“ Die größte Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland sieht Arand dagegen in der rechtsextremistischen Ideologie.
Einzigartiges Studienprofil im Land
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit
Seit dem Wintersemester 2023/2024 bietet die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg das Studienprofil „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit“ an. Jährlich können etwa 30 Studierende daran teilnehmen. Die angehenden Lehrer und Lehrerinnen sollen Kompetenzen im Umgang mit Antisemitismus, aber auch Kenntnisse zur Geschichte des Judentums sowie zur jüdischen Gegenwart erhalten.
Einzigartig in Baden-Württemberg
Mit diesem Angebot sei die Hochschule Ludwigsburg Vorreiter in Baden-Württemberg. Ein ähnliches Projekt gebe es an der Universität Würzburg. Dieses diente als Vorbild.