Unbekannte schleuderten in der Nacht Molotowcocktails auf die jüdische Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin. Foto: AFP/Odd Andersen

In der Nacht gab es erneut Krawall und Attacken gegen jüdische Einrichtungen in Berlin. In der Gemeinde wächst die Sorge – der Bundestag debattiert, was nun getan werden kann.

Völlig überrascht sei er nicht gewesen, sagt Akiva Adlerstein resigniert. Der Mann mit Vollbart und runder Brille steht an der Kreuzung Anklamer Straße/Brunnenstraße in Berlin-Mitte und deutet mit dem Kopf in Richtung des Eckhauses auf der anderen Straßenseite. Dort ist das Haus der Jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel. Dort gibt es eine Synagoge und einen Kindergarten. Gegen 3.45 Uhr am Mittwochmorgen hatten Unbekannte zwei Molotowcocktails auf das Gebäude geworfen. Die Brandsätze verfehlten ihr Ziel und gingen auf dem Bürgersteig in Flammen auf. Adlerstein trägt eine schwarze Kippa. Er leitet dort das Rabbiner-Seminar.

 

Ein Nachbar kommt mit dem Fahrrad vorbei und möchte seine Solidarität ausdrücken, ringt um Worte. „Das ist alles sehr bedenklich“, sagt er und schüttelt den Kopf. Adlerstein dankt ihm. Auch für den Rabbi hat sich in den Tagen seit der Attacke der Hamas auf Israel das Leben verändert. „Ich bin vorsichtiger geworden“, sagt er. „Ich zeige meine Kippa selten, ziehe manchmal ein Basecap darüber.“ Er vermeide es auch, in den angrenzenden Ortsteil Wedding zu gehen, der 400 Meter von der Synagoge beginnt und in dem viele Muslime leben.

Wachsende Sorge über Antisemitismus

Nach dieser Nacht ist man in Berlin erneut besorgt über Antisemitismus. Denn neben dem Anschlag auf die Synagoge gab es auch im Bezirk Neukölln Ausschreitungen. Feuerwehrleute und Polizisten wurden mit Böllern und Steinen attackiert, auch die propalästinensische Gruppe Samidoun hatte zu dem Protest aufgerufen. Schlimme Szenen hatten sich auch nahe des Brandenburger Tores abgespielt, wo sich Hunderte Menschen versammelt hatten. Dort sollen auch Rufe wie „Israel Terrorstaat“ zu hören gewesen sein. Als die Demonstranten am nahe gelegenen Holocaust-Mahnmal vorbeizogen, stellten sich Polizisten aus Sorge um Beschädigung davor.

Antisemitismus in allen Schichten?

Solche Szenen überraschen Abdel-Hakim Ourghi nicht. Er ist Islamwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und sagt mit Blick auf die vergangene Nacht: „Es ist eine traurige Entwicklung. Die meisten Menschen, die sich an solchen Demos und Krawallen beteiligen, sind Kinder dieser Gesellschaft.“ Sie stünden nicht zu westlichen Werten, sondern zur Hamas und hießen Terrorismus gut. „Die Integration dieser Menschen ist gescheitert“, sagte Ourghi im Gespräch mit unserer Zeitung.

Er sagt, Antisemitismus sei tief im Islam verankert und reiche bis in die Frühzeit des Islams zurück. Judenfeindschaft sei in allen Schichten verbreitet, auch bei Intellektuellen. Er fordert: „Wir Muslime brauchen eine Aufarbeitung des Antisemitismus.“ Dazu gehöre auch das Sprechen über die Vertreibung Hunderttausender Juden aus muslimischen Ländern nach der Gründung Israels 1948.

Die deutsche Politik habe an dieser Entwicklung einen Anteil, sagt Ourghi. „Die deutsche Politik hat bei muslimischen Communitys lange nicht genau hingeschaut. Man hat die unterschiedlichen Verbände und Strömungen einfach machen lassen, solange sie einigermaßen friedlich waren.“

Auch der Bundestag diskutierte am Mittwoch über Antisemitismus. Auf Betreiben der Ampelfraktionen und jener der CDU/CSU gab es eine Aktuelle Stunde mit dem Titel „Verherrlichung von Terror in Deutschland unterbinden – Antisemitismus entschieden bekämpfen“. „Eine unerhörte Schande“ nannte Grünen-Politiker Lamya Kaddor, dass der Terror der Hamas öffentlich gefeiert wurde. Man müsse die Zusammenarbeit mit bestimmten Islamverbänden überdenken, die sich nicht eindeutig von den Taten der Hamas distanzierten.

„Keine Sicherheit für Juden“

Benjamin Strasser (FDP), Staatssekretär im Justizministerium, verwies auf die prekäre Lage von Juden hierzulande: „Deutschland ist kein sicherer Ort für Juden, Angst ist ein Alltagsbegleiter für Juden in Deutschland.“ Zudem gebe es einen „gefestigten muslimischen Antisemitismus, nicht erst seit 2015“.

In der Debatte gab es unterschiedliche Vorschläge, was nun getan werden müsse. Familienministerin Lisa Paus (Grüne) richtete sich direkt an die Jüdinnen und Juden in Deutschland. „Wir tun alles, was wir können, für Ihre Sicherheit“, sagte sie. Paus verwies auch auf das Kompetenznetzwerk Antisemitismus, das von ihrem Ministerium gefördert werde und sich bei Antisemitismusprävention, antisemitismuskritischer Bildungsarbeit und der Beratung bei antisemitischen Vorfällen engagiert.

CDU fordert drastische Schritte

Unionsfraktionsvize Gitta Connemann forderte drastischere Schritte. Sie sagte, niemand dürfe die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, der sich nicht zum Existenzrecht Israels bekenne. Zudem solle antisemitischen Mehrstaatern die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden. Mehrere Redner verwiesen darauf, dass auch das Feiern von Terror und Mord eine Straftat sei, die geahndet werden müsse.

Die bittere Wahrheit ist: Solange der Konflikt im Nahen Osten weiter eskaliert, sind Juden in Deutschland wohl besonders gefährdet. Keine guten Aussichten, meint auch Rabbi Adlerstein. Er sagt, in diesen Zeiten tröste er sich manchmal mit einem Spruch, den sein Großvater häufig gesagt habe: „Ein Jude lebt in der Gegenwart, im Bewusstsein der Vergangenheit – und mit Hoffnung für die Zukunft.“