Juden fühlen sich in Deutschland zunehmend bedroht. Foto: dpa

Ein Video von einem antisemitischen Angriff in Berlin schlägt hohe Wellen im Internet. Die Bilder suggerieren, was wir längst wissen: ein neuer, offener Judenhass ist brutaler Alltag. Ein Antisemitismusbeauftragter und ein paar Bildungsprojekte werden da wenig helfen, kommentiert Katja Bauer.

Berlin - Mit großer Wucht verbreitet sich seit dem Morgen ein Video im Internet, das offenen Hass auf Juden mitten in Deutschland zeigt: Zu sehen ist ein junger Mann, der mit einem Gürtel auf einen anderen Mann einprügelt und dabei „Yahudi“ schreit. Das ist arabisch, bedeutet Jude und wird auch als Schimpfwort im Sinne von „Du Jude, du Opfer“ benutzt. Ein anderer Mann greift ein, hindert den Schläger weiterzumachen. Dann schreit der Angegriffene: „Jude oder nicht Jude – du musst damit klarkommen!“

Inzwischen ermittelt der Staatsschutz. Nach ersten Erkenntnissen waren zwei an ihrer Kippa erkennbare Juden, 21 und 24 Jahre alt, im Prenzlauer Berg unterwegs, als sie von einer dreiköpfigen Gruppe antisemitisch beleidigt wurden. Es kam zu dem Angriff und als das Opfer danach die Täter verfolgte, soll der Schläger, diesmal mit einer Flasche bewaffnet, erneut versucht haben, zuzuschlagen. Eine Zeugin griff ein und stoppte die Auseinandersetzung.

Noch ist vieles unklar. Das Video ist ein kleiner Ausschnitt, es gibt vieles, was man weder sieht noch weiß: so ist offen, was zuvor geschah und ob sich Angreifer und Opfer kannten oder nicht. Eins aber kann – und muss – man leider mit Sicherheit sagen: singulär oder neu ist an der gefilmten Szene nichts, außer der nun endlich gewachsenen Sensibilität in der Öffentlichkeit für das Thema.

Zahl der antisemitischen Taten verdoppelt

Der Ausschnitt ist ein Dokument des offenen Antisemitismus, dem mitten in Deutschland Juden in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Und der wird immer schlimmer. Am Mittwoch hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) ihren Bericht für das vergangene Jahr vorgestellt: 947 Taten sind darin erfasst, mehr waren es seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie. Das bedeutet: im Schnitt werden in Berlin zwei bis drei Fälle von Judenhass bekannt – pro Tag. Das sind doppelt so viele Meldungen wie im Jahr zuvor. Ein Teil des Anstiegs kann darauf zurückzuführen sein, dass die Dunkelziffer geringer wird, dass sich also inzwischen mehr Juden artikulieren, wenn sie Opfer werden, auch weil es endlich auch jenseits der Ermittlungsbehörden Strukturen gibt wie die Berliner Meldestelle, bei der Fälle von offenem Hass erfasst werden.

Aber auch dieser Umstand weist am Ende nur auf eines hin: wir wohnen einer furchtbaren Entwicklung bei. Judenhass ist Alltag. Auch wenn der Statistik zufolge die Mehrzahl der antisemitischen Straftaten von rechts begangen werden, so prägt die wachsende Angst vor einem neuen, islamisch motivierten Judenhass inzwischen den Alltag und das subjektive Sicherheitsgefühl von Juden in Deutschland.

Da tröstet es wenig, dass die Zahl der körperlichen Übergriffe unverändert im unteren zweistelligen Bereich (18) liegt. Jede Geschichte ist eine zu viel: die über ein jüdisches Kind, das auf dem Schulhof beschimpft wird, die über eine Grundschullehrerin, die im Unterricht erklärt, dass „die Juden den Palästinensern ihr Land weggenommen haben“, und die der jungen Männer mit arabischer Selbstidentifikation, die Israelflaggen am Brandenburger Tor verbrennen.

Die Gesellschaft schaut ein bisschen mehr hin

Der Hass auf Juden bedroht Menschen in der Mitte dieser Gesellschaft. Und sie sind nicht allein bedroht – mit ihnen wird ein gesellschaftlicher Konsens dieses Landes angegriffen. Was tun? Was bisher geschieht, ist eine Mischung aus richtig und rührend, aber auch bestürzend, weil zu wenig: ja, sicher, der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung ist als Einrichtung zu begrüßen. Aber es wird dauern, bis er Strukturen aufgebaut hat. Und diese Strukturen allein halten keinen halbstarken jungen Muslim, der sich als Palästinenser fühlt, davon ab, sich seiner Identität durch Antisemitismus zu versichern. Die Projekte an Schulen sind bisher nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Lehrer fühlen sich machtlos und geraten an ihre Grenzen. Kindern wird mitten in Berlin in ihren Familien der Judenhass anerzogen, und in diesen Elternhäusern ist das gesellschaftliche Fundament dieser Republik kein Kriterium.

In einigen – längst nicht in allen – Moscheen wird Antisemitismus gepredigt, ohne Konsequenzen. Die überwiegende Mehrheit der Muslime in diesem Land bleibt stumm und passiv, formiert sich nicht zu einem Bekenntnis für ein friedliches Miteinander. Links und rechts am Rand des Parteienspektrums grenzt man sich ebenfalls nicht so gern zum Antisemitismus ab – das gilt für die Linkspartei genauso wie für die AfD, die lupenreine Antisemiten in ihren Reihen duldet, und deren prominente Vertreter einer erinnerungspolitischen Wende das Wort reden und wie Parteichef Alexander Gauland finden, dass Auschwitz irgendwie heute nicht mehr viel zu bedeuten hat.

Die Bilanz in diesem Moment, in dem Israel sein 70-jähriges Bestehen feiert, ist bitter: die Zahl der Juden, die sich in Europa nicht mehr sicher fühlen können, wächst objektiv. Die Gesellschaft, die auf Toleranz fußt, schaut jetzt ein bisschen mehr hin und ein bisschen weniger weg. Aber sie hat der in ihr wachsenden Bedrohung viel zu wenig entgegenzusetzen.

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