Die zum Verkauf stehenden Stücke können in Vitrinen begutachtet werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Am Wochenende zeigen Aussteller aus ganz Europa und den USA ihre wertvollen Drucke und Dokumente. Auch ein Blatt aus einer original Gutenberg-Bibel von 1455 ist im Angebot.

Die in der Typografie und damit auch im klassischen Antiquariat verwendeten Begriffe sind eine Welt für sich. Schmuckbuchstaben in spätmittelalterlichen Werken werden zum Beispiel Lombarden genannt. Die wunderbar bauchig-verschnörkelten, eineinhalb bis dreizeiligen lateinischen Großbuchstaben finden sich auch in einer frühen Inkunabel – noch so ein Fachbegriff – des ersten Augsburger Druckers Günther Zainer. Inkunabeln sind Druckerzeugnisse aus den ersten 50 Jahren des Buchdrucks. Also Werke, die zwischen etwa 1450 und 1500 gedruckt wurden. Gutenberg lässt grüßen.

 

Zainers persönliches Exemplar des Buchs „Speculum humanae salvationis“, zu Deutsch „Spiegel der menschlichen Erlösung“, steht bei der diesjährigen Antiquariatsmesse Stuttgart zum Verkauf. Das in der Schweiz ansässige Auktionshaus Bibermühle von Heribert Tenschert bietet die Pretiose aus dem Jahr 1473 für 480 000 Euro an. Mit Sicherheit einer der Höhepunkte der diesjährigen Antiquariatsmesse Stuttgart.

68 Aussteller aus ganz Europa und den USA zeigen ihre Schätze

Auch ein Blatt aus einer original Gutenberg-Bibel von 1455 ist im Angebot. Das niederländische Antiquariat De Roo ruft hierfür 145 000 Euro auf. Wohlgemerkt für eine Seite bedrucktes Papier. Insgesamt präsentieren 68 Aussteller aus ganz Europa und den USA ihre antiquarischen Schätze noch diesen Samstag und Sonntag auf der Messe im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz.

Im Angebot stehen neben alten wertvollen Büchern auch Fotografien, Graphiken, Drucke und Autographen vergangener Jahrhunderte. So steht zum Beispiel beim Budapester Antiquariat Földvári Books ein von Sophie Scholl unterzeichnetes Dokument zum Verkauf, mit dem die Widerstandskämpferin 1939 ihren Austritt aus dem Bund Deutscher Mädel beantragt hat. 50 000 Euro muss man mitbringen, will man dieses zeitgeschichtliche Dokument sein Eigen nennen.

Es gibt auch Sammelstücke unter 100 Euro

Für Einsteiger und junge Sammler, die sich erst noch an die antiquarische Welt herantasten, bietet die Messe unter dem Titel „Hundert unter Hundert“ einen Schauschrank an, in dem die Aussteller gemeinsam antiquarische Sammelstücke unter 100 Euro anbieten. Wie der Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare, Markus Brandis, betont, kenne er viele jungen Menschen unter 30 Jahren, „die mit Feuer und Flamme antiquarische Bücher sammeln“. Im Ausstellungssaal des Württembergischen Kunstvereins dominieren trotzdem am ersten Messetag vor allem ältere Herren das Bild.

Zum ersten Mal ist in diesem Jahr die Stuttgarter Antiquariatsmesse als Vitrinenmesse konzipiert, was ihr einen überraschend stylischen Charakter verleiht. Durch den Verzicht auf klassische Stände, so der Verbandsvorsitzende, „konnten die Standkosten erheblich gesenkt werden.“ Ergebnis dieser Strategie sei eine Zunahme der Ausstellerzahl, nachdem diese zuletzt rückläufig war.

Eines der kostbaren Drucke hinter Glas. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Insgesamt, sagt Brandis, habe sich der Markt im Antiquariat in den letzten Jahren erheblich verändert. „Die Schere geht immer weiter auf“, so der Experte. Während der Handel mit alten, aber vergleichsweise günstigen Büchern ins Internet abgewandert sei und diese Bücher immer billiger werden, würden die schon immer teuren echten Pretiosen immer noch teurer.

Was ein altes Buch wertvoll macht, sei neben seinem Alter und seiner Seltenheit auch das besondere Thema. „Man denke an alte Bücher über die Jagd oder die Freimaurerei“, sagt Brandis. Kommen dann noch prachtvolle Illustrationen dazu, „erfreuen sich solche Bücher oft höchster Preise“.

Die Antiquariatsmesse Stuttgart im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz hat am Samstag von 11 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.