Carina Schmieger als Antigone mit dem Chor der Bürger und Bürgerinnen Foto: Martin Sigmund

Uraufführung im Nord: Die junge Oper Stuttgart verbindet im „Antigone-Tribunal“ Antike und Gegenwart.

Stuttgart - „Es gibt keine einfache Antwort. Ihr habt die Wahl!“ Mit dieser simplen Schlussfolgerung werden die Zuschauer aus der Aufführung des „Antigone-Tribunals“ entlassen. Kein eindeutiger Schluss einer theatralischen Erzählung, auch keine Wertung gibt dem Publikum Orientierung bei dieser Uraufführung am Samstagabend im JOiN, der Außenspielstätte der Staatsoper im Nord.

Ausgangspunkt der 75-minütigen Oper ist Slavoj Žižeks Theaterstück „Die drei Leben der Antigone“. Žižek dekliniert darin die Frage durch, ob man unter Berufung auf Tradition und göttliches Recht Widerstand gegen staatliche Gesetze und Anordnungen leisten dürfe. Diese sehr heutige Frage – man denke an Wutbürger, Populisten, Reichsbürger und Co. – wird am antiken Mythos der Antigone durchgespielt. Deren Onkel Kreon verbietet eine ordentliche Bestattung ihres Bruders Polyneikes, der als Verräter gilt. Antigone widersetzt sich diesem Verbot und wird dafür von König Kreon bestraft.

Kreon reklamiert die Macht für sich

Der Komponist Leo Dick und seine Librettistin Blanka Rádóczy, die auch für Bühnenbild und Regie verantwortlich ist, straffen die Handlung. Im Zentrum steht zunächst die Debatte zwischen Antigone und Kreon. Sein purpurvioletter Mantel verweist auf die Machtposition, Sonnenbrille und Jeans verorten ihn in der Gegenwart. Unspektakulär, aber doch bedeutsam ist sein Auftritt. Mauerreste und einige Holzabsperrungen deuten an, dass hier vor kurzem noch Krieg herrschte. Im Hintergrund sieht man einen Palast hinter Gitterzäunen. Die Menschen liegen in Müllsäcken auf dem Boden, und Kreon erhebt sich aus dieser Menge, als wäre er nur einer von vielen. Und doch reklamiert er die Macht und damit den Anspruch für sich, Recht und Gesetz sprechen zu können. Der Bass David Kang singt das mit kerniger Mittellage und pointierter Artikulation, hat aber einige Schwierigkeiten mit dem weiten Tonumfang der Partie.

Seine Gegenspielerin wird in der folgenden Szene eingeführt mit einem langen Vorspiel des Instrumentalensembles und einer weit ausgreifenden Vokalise der Sängerin. Carina Schmieger beeindruckt mit in der Höhe gleißendem Sopran und instrumentaler Wendigkeit. Ihre Linien sind ein deutlicher Kontrast zur kantigen, sprechnahen Gestaltung Kreons mit weiten Intervallsprüngen und fast schon karikaturesken Extremlagen. In solchen Augenblicken zeigt die Musik Leo Dicks Format und einen klugen Umgang mit stilistischen Vorbildern. Eine geradezu barock anmutende Arie der Protagonistin und expressive Deklamationskunst bei Kreon prägen den vokalen Teil der Partitur. Dazu kommen mit romantisierenden Floskeln durchsetzte Linien bei Haimon, der jugendlichen dritten Figur, für die Ida Ränzlöv mit schön timbriertem Mezzosopran, gutem Legato und frei aufblühender Höhe eine ideale Besetzung ist. Hinzu tritt ein Ensemble aus sieben Instrumenten, das zwischen neo-barocker Figuration, perkussiven Patterns und aufgeregter Kleinteiligkeit der Motive ein weites Spektrum der Klangfarben entfaltet, die teilweise in elektronischer Verfremdung wiederholt werden. Christopher Schmitz dirigiert all das mit klarer Zeichengebung und ausladender Gestik.

Die Protagonisten würden gern die Zeit zurückdrehen

Der Komponist versteht es offenkundig, die Atmosphäre zu orchestrieren, etwa wenn in der dritten Szene der junge Haimon seinem Vater Kreon von der Unruhe in der Stadt berichtet. Da ergeht sich die Violine in wabernden Klängen, die das tonale Zentrum umkreisen, gleichzeitig ertönen aufgeregt-motorische Klänge eines elektronischen Cembalos, und dann beginnt der Chor unverständlich zu zischeln und zu brabbeln. Zunehmend rückt diese 20-köpfige Formation in den Fokus des Stücks. Immer deutlicher wird die öffentliche Meinung artikuliert, das unsichere Auftreten des Beginns weicht Selbstbewusstsein, das sich in der Lautstärke des Sprechens, aber auch in der aufrechten Haltung bis hin zu marschierendem Gang ausdrückt.

Autor und Komponist greifen mit diesem Bürgerchor auf die Tradition des antiken Theaters zurück. Aber es reicht nicht aus, diese auf die Bühne zu bringen, sie skandieren und argumentieren zu lassen (samt dialektaler Färbung). Man muss auch eine Haltung zu diesem Kollektiv entwickeln. Doch der Autor, der Komponist und die Regisseurin Blanka Rádóczy führen diesen Chor lediglich als geschlossene Masse samt wankelmütiger Meinung vor Augen. Mal wird in einer Art Ritual um die erhöht positionierte Antigone getanzt, mal wird wütend der Herrscher angeklagt, dann richtet sich der Zorn der Menge gegen die Protagonistin und man wirft ihr Selbstsucht vor. Kein Wunder also, dass die Hauptfiguren gern die Zeit zurückdrehen und ihre Entscheidungen revidieren würden.

Dieser spannende konstruktive Ansatz von Žižeks Stück wird durch gespiegelte Bewegungen der Akteure und durch rückwärts laufende Musik angedeutet, geht aber in der zeitlichen Straffung und der nicht prägnanten szenischen Wiederholung etwas verloren. So entfaltet der Schluss, wenn der Chor die Macht übernimmt („Der Mensch ist dämonisch. Daher darf es keine Alleinregierung gehen, sondern eine Regierung aller.“) und mit Vuvuzelas trötet, eine eher plakative als nachhaltig überzeugende Wirkung.

Weitere Vorstellungen im Nord beinahe täglich bis zum 31. März.

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